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Rentenreform : Nur Dumme arbeiten länger

Ein älterer Arbeitnehmer in einem Logistikbetrieb Bild: dpa

Die Rente mit 63 ist noch viel attraktiver als gedacht. Rentenexperten haben berechnet: Wer bis 65 arbeitet, muss schon 100 werden, damit sich das lohnt. Viel schlimmer hätten die Ergebnisse der Rentenreform nicht ausfallen können.

          160 Milliarden Euro bis 2030 – so viel kostet das Rentenpaket, das teuerste Wahlversprechen der Regierung. Am Freitag hat es der Bundestag nach monatelangem Streit beschlossen. Die heftige öffentliche Kritik ist völlig gerechtfertigt. Die Rente mit 63 – ein Schwerpunkt des Pakets – macht jahrelange Versuche, Ältere zum längeren Arbeiten zu bewegen, zunichte. Schlimmer noch: Selbst die, die die Neuregelung nicht in Anspruch nehmen und länger arbeiten wollen, wären unklug, wenn sie das tun würden. Das neue Gesetz könnte auch noch den Gutwilligsten bewegen, auf jeden Fall mit 63 in Rente zu gehen. Das zeigen Rechnungen von Rentenexperten für diese Zeitung.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Von Juli an, wenn das Gesetz in Kraft treten soll, können Beschäftigte ohne Abschläge zwei Jahre vor dem regulären Rentenbeginn in den Ruhestand gehen, wenn sie mindestens 45 Beitragsjahre nachweisen können. Diese Neuerung wird irrtümlich als „Rente mit 63“ bezeichnet, obwohl nur die Jahrgänge 1951 und 1952 tatsächlich mit 63 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen können. Für alle weiteren Jahrgänge steigt die Altersgrenze jedes Jahr leicht an, analog zur Anhebung der regulären Altersgrenze von 65 auf 67. Das heißt, ein Arbeitnehmer des Jahrgangs 1964 kann im Jahr 2029 abschlagsfrei mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen, wenn er 45 Beitragsjahre belegen kann. Die anderen müssen dann bis 67 arbeiten.

          Keine Anreize zum weiterarbeiten

          Nach Berechnungen des Walter Eucken Instituts an der Universität Freiburg, dessen Direktor Lars Feld auch Mitglied des Sachverständigenrates ist, kann die neue Frührente eine mehr als 100 Euro höhere Rente bringen: Für einen Arbeitnehmer, der brutto 3630 Euro verdient (der Durchschnittsverdienst eines Beschäftigten, der mit 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Rente gehen darf), liegt der Unterschied zwischen der abschlagsfreien Bruttorente mit 63 und der Rente mit Abschlägen bei rund 140 Euro im Monat.

          Und Rechnungen von Anika Rasner, Rentenexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), belegen: Es gibt für einen 63-Jährigen wenig Anreize, freiwillig doch bis zur Regelaltersgrenze von 65 Jahren und fünf Monaten in vollem Umfang weiterzuarbeiten, wenn er die 45 Beitragsjahre geschafft hat. Zwar erhält er für weitere zwei Jahre Gehalt, muss aber auch voll arbeiten. Er erwirbt auch weitere Rentenansprüche. Aber die sind so gering, dass er die durch den zweieinhalb Jahre kürzeren Ruhestand verlorenen Rentenzahlungen fast nicht mehr aufholen kann. Erst wenn er mehr als 100 Jahre alt wird, bekommt er, über die ganze Restlebenszeit gerechnet, nach Steuern und Sozialabgaben mehr aus der Rentenkasse, als wenn er schon mit 63 Jahren abschlagsfrei in Rente gegangen wäre. Die Lebenserwartung eines 63-jährigen Mannes liegt aber derzeit nur bei 82 Jahren.

          Im Rentenalter wären 450-Euro-Jobs lukrativ

          Dieses Ergebnis liegt zum einen an der Besteuerung. Wer 2014 mit 63 Jahren in Ruhestand geht, muss für den ganzen Ruhestand nur 68 Prozent der Rente versteuern, bei Rentenbeginn 2016 mit dann 65 Jahren sind es schon 72 Prozent. Zum anderen werden für die Zeit zwischen 63 und 65 Jahren die Arbeitnehmer, die 45 Beitragsjahre gesammelt haben, für ihren Verzicht auf das Privileg nicht extra belohnt. Sie bekommen zwar wie alle anderen Arbeitnehmer mehr Rentenansprüche, aber keine Zuschläge obendrauf. Wer hingegen über die Regelaltersgrenze von derzeit knapp über 65 Jahren hinaus arbeitet, erhält neben mehr Rentenpunkten für jedes länger gearbeitete Jahr noch 6 Prozent dazu.

          Vor diesem Hintergrund ist ein anderes Lebensmodell viel attraktiver. Wer 45 Beitragsjahre zusammenhat, geht mit 63 Jahren ohne die sonst üblichen Abschläge in Ruhestand und arbeitet nebenbei noch ein bisschen im Rahmen eines 450-Euro-Jobs. Das Geld aus diesem Nebenerwerb würde er steuerfrei bekommen. Der Durchschnittsfrührentner hätte sich damit immerhin 82 Prozent seines letzten Nettogehalts gesichert und müsste je nach Tätigkeit nur ein paar Stunden in der Woche arbeiten gehen, hat das Walter Eucken Institut errechnet (siehe Grafik).

          Eine Rentenreform zum Gruseln

          Mehr als 450 Euro darf der Jungrentner nicht verdienen. Sonst verliert er seine Vollrente und bekommt bis 65 nur noch eine Teilrente. Aber auch das kann lukrativ sein. Reduziert er seine Arbeitszeit auf zwei Drittel, bekommt er eine Teilrente von einem Drittel der Vollrente. Damit sichert er sich fast sein altes Nettoeinkommen, kann aber deutlich mehr Freizeit genießen. Wer die Arbeitszeit weiter reduzieren will, kann auch halbe und Zwei-Drittel-Teilrenten in Anspruch nehmen. Lars Feld bewegt das zu dem ernüchternden Fazit zur Rente mit 63: „Der Anreiz, die Neuregelung in Anspruch zu nehmen, ist so übermächtig, dass wohl nur wenige Anspruchsberechtigte diese Einladung nicht annehmen werden.“

          Auch die zwei anderen Kernelemente des Rentenpakets sind wenig überzeugend. Sie kosten Milliarden, aber der Einzelne wird davon im Geldbeutel kaum etwas merken. So steigt von Juli an die Rente für Mütter, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, je Kind um 28,61 Euro im Westen und 26,39 Euro im Osten. Brutto, wohlgemerkt. Kranken- und Pflegebeiträge sowie Steuern schmälern den kleinen Aufschlag noch. Schwacher Trost: Er steigt im Normalfall jedes Jahr um ein paar Cent.

          Und die wichtige Erwerbsminderungsrente, die der Staat bezahlt, wenn ein Arbeitnehmer nicht mehr oder nur noch eingeschränkt arbeiten kann, wird durch eine andere Berechnungsmethode gerade einmal um etwa 40 Euro im Monat steigen. Fazit: Es geht nicht viel schlimmer. Minimale Verbesserungen, da wo sie sinnvoll sind, und Zehntausende neue Frührentner, wo längeres Arbeiten angezeigt wäre – gruseliger kann eine Rentenreform kaum sein.

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