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Zins-Dilemma : Wie soll man da noch sparen?

Am Ende bleibt wenig übrig: Geringverdiener können nur wenig für das Alter vorsorgen. Bild: Kai Nedden

Wer wenig verdient, kann nur durch Verzicht eine Altersvorsorge aufbauen. Doch selbst das wird durch den Niedrigzins aufgefressen. Ein politisches Problem.

          Die Deutschen haben ihre Lektion gelernt, das muss man ihnen lassen. Dass die Alterung der Bevölkerung und die fehlenden jungen Menschen künftige Rentenzahlungen belasten, haben sie wirklich verstanden. Das zeigt sich an den Zahlen. Hat ein deutscher Haushalt im Jahr 1998 im Durchschnitt noch 25,6 Prozent seines Haushaltsnettoeinkommens dafür eingesetzt, Geldvermögen aufzubauen, waren es zehn Jahre später schon 33 Prozent.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das geht aus den letzten verfügbaren Zahlen der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamtes hervor. Sie werden nur alle fünf Jahre erhoben. Für Herbst ist die Veröffentlichung der Ergebnisse von 2013 angekündigt. Anders interpretiert: Innerhalb eines Jahrzehnts nahm das Haushaltsnettoeinkommen durchschnittlich um 11,4 Prozent zu, die Ausgaben für die Bildung von Geldvermögen legten um 43,6 Prozent und damit deutlich stärker zu.

          „Das wurde getrieben durch die Riester-Reform und die Sozialversicherungsfreiheit der Entgeltumwandlung“, sagt Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging (MEA), einer auf die Altersvorsorge spezialisierten Einrichtung des Max-Planck-Instituts. „Seither hat die Finanzindustrie mehr für ihre Produkte getrommelt. Dadurch sind alle drei Säulen angestiegen. Es war vor allem ein psychologisches Signal.“ Das Signal ist angekommen, die Deutschen tun mehr für die Altersvorsorge.

          Können Geringverdiener genug zurücklegen?

          Doch die Ergebnisse bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Das zeigt eine Analyse dieser Zeitung, für die das Institut für Vorsorge- und Finanzplanung Daten aus der Einkommensstatistik der EVS mit realistischen Renditezahlen verknüpft hat. Daraus lässt sich die Frage ableiten, ob vor allem Geringverdiener eigentlich noch genug Geld zurücklegen können, um eine angemessene Altersvorsorge aufzubauen.

          Lange Zeit haben die Reallöhne stagniert, der Niedriglohnsektor hat sich stark entwickelt. Gleichzeitig wuchsen jahrelang die Ausgaben für die Lebenshaltung – insbesondere als die Energiepreise stiegen. In den vergangenen Jahren gab es etwas Linderung: Die Lohnsteigerungen lagen über dem Durchschnitt des vergangenen Jahrzehnts, die Energiekosten halten sich durch den niedrigen Ölpreis im Zaum. In der Summe hat der Spielraum, Geldvermögen aufzubauen, kaum zugenommen.

          Einen genaueren Blick auf diese Entwicklung lässt die fünf Jahre alte Statistik nicht zu. Doch Börsch-Supan, der als einer der wenigen Forscher das Anlageverhalten der Deutschen im Detail untersucht, hat den Trend seither beobachtet: Im Zuge der Finanzkrise hätten die Deutschen etwas weniger Geld zum Vermögensaufbau zurückgelegt. Seither hat es sich wieder etwas stabilisiert. Leicht über dem Niveau von 2008 liege heute die Zahl. Was aber hat sich zwischen 1998 und 2008 sonst noch getan? Den größten Anteil an den Ausgaben machen in fast allen Einkommensgruppen die privaten Konsumausgaben aus: also Lebensmittel, Bekleidung und Schuhe, Wohnen und Energie, Verkehr, Freizeit und Unterhaltung und einige andere kleinere Posten.

          Geringes Einkommen, hohe Konsumausgaben

          Je niedriger das Einkommen ist, desto größer ist der Anteil der Konsumausgaben. Die Gruppe derer, die mehr als 5000 Euro monatliches Nettoeinkommen bezogen haben, war die einzige, in der die sonstigen Ausgaben über den Konsumausgaben lagen. Das sind Versicherungsbeiträge, Kredittilgungen und mit einem großen Anteil die Ausgaben für die Bildung von Geldvermögen. Je niedriger das Einkommen dagegen ist, desto weniger bleibt für diesen Posten – also auch weniger Potential für die private, betriebliche und geförderte Altersvorsorge (siehe Grafik).

          Die Verschiebungen im Ausgabeverhalten sind überschaubar: Am stärksten sanken die Ausgaben für Innenausstattung und Haushaltsgeräte um 22 Prozent, die Ausgaben für Wohnen und Energie verzeichneten mit einem Anstieg um 11 Prozent den größten Zuwachs – wenn man von dem schon erwähnten Niveaueffekt beim Aufbau des Geldvermögens um 44 Prozent absieht. Die Deutschen haben also mehr für künftige Konsumausgaben und für die Altersvorsorge zurückgelegt, aber wie viel haben sie damit erreicht? Fressen die Niedrigzinsen die Mehrausgaben für die Altersvorsorge sogar auf?

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