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Schlechte Renditeaussichten : Die Krise der Lebensversicherung

Die Assekuranz erlebt zweifelsfrei eine Krise der Lebensversicherung. Die Zinsen am Kapitalmarkt werfen keine Renditen mehr ab, die Unternehmen erlaubten, gelassen auf ihre Verpflichtungen zu blicken. Bild: Picture-Alliance

Der anhaltende Niedrigzins nagt an der beliebten klassischen Lebensversicherung. Mittlerweile bieten die Versicherer Alternativen, bei denen der Kunde das Anlagerisiko trägt.

          Wenn der Marktführer über sein wichtigstes Produkt sagt, dass er es künftig seinen Kunden nicht mehr empfehlen wird, kann damit etwas nicht stimmen. So geschehen Anfang Oktober in Frankfurt, als der neue Allianz-Deutschland-Chef Manfred Knof die Presse über die neue Ausrichtung in der Altersvorsorge unterrichtete. Angesichts der Lage am Kapitalmarkt könne er Kunden nicht mehr dazu raten, eine Lebensversicherung nach klassischer Bauart abzuschließen. Denn die Renditeaussichten seien zu schlecht, weil die Bereitstellung einer heute festgelegten jährlichen Garantieverzinsung bis zum Tod nur auf Kosten der Rendite möglich sei.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das Bekenntnis der Allianz ist anders als beim Wettbewerber Ergo keineswegs ein Abschied vom Prinzip der Lebensversicherung insgesamt. Auch in ihren neuartigen Produkten spielen der Deckungsstock, in dem Teile des Altersvorsorgevermögens des Versichertenkollektivs liegen, und Garantien weiter eine Rolle. Genauso ist es bei Zurich, HDI und Axa - selbst die konservativeren Anbieter wie Debeka, Volkswohl Bund und Alte Leipziger haben inzwischen Alternativen im Angebot, die sich vom Chancen-Risiko-Profil zwischen der klassischen Lebensversicherung mit lebenslanger Garantie und der Fondsversicherung einsortieren, bei der wiederum ausschließlich der Kunde das Anlagerisiko trägt. Genau dies zu tun hatte ihnen der Präsident der Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, mehrfach dringend geraten.

          Die Assekuranz erlebt zweifelsfrei eine Krise der Lebensversicherung. Die Zinsen am Kapitalmarkt werfen keine Renditen mehr ab, die Unternehmen erlaubten, gelassen auf ihre Verpflichtungen zu blicken. Doch für wen ist die Krise eigentlich das Problem? Das ist angesichts der Komplexität des Produkts nicht so leicht zu beantworten. Denn es gibt verschiedene Interessengruppen, die unterschiedlich von den Policen profitiert haben: Bestandskunden, die Unternehmen selbst, ihre Aktionäre, Vermittler und künftige Kunden, die nach einer Absicherung fürs Alter suchen.

          Wer schon vor vielen Jahren eine Police abgeschlossen hat, ist im Großen und Ganzen nicht schlecht gefahren. Natürlich gibt es Anbieter, die schlechte Verträge aufgesetzt, übermäßige Kosten verursacht und ihre Kunden schlecht behandelt haben. So beschreiben es die Journalisten Dagmar Hühne und Holger Balodis in ihrem gerade erschienenen Buch „Garantiert beschissen! Der ganz legale Betrug mit den Lebensversicherungen“. Doch wer ein Näschen für den Anbieter hatte, kann sich freuen, dass er weit besser als der Markt abgeschnitten hat.

          Wer die Ergebnisse seines Vertrags daran misst, was ihm bei Abschluss per Prognoserechnung in Aussicht gestellt wurde, dürfte freilich enttäuscht sein. Das Zinsniveau fällt seit Jahrzehnten fast kontinuierlich, was immerhin dazu führte, dass die Versicherer große Reserven aufbauen konnten. An ihnen werden Kunden mit auslaufenden Verträgen seit 2014 nicht mehr so großzügig beteiligt wie seit 2008. Doch weder Bewertungsreserven noch Prognoserechnungen waren jemals verbindliche Zusagen - anders als die Zinsgarantien. Im Vergleich zu anderen Kapitalanlagen mussten sich die sicherheitsorientierten Kunden mit ihrer Rendite dennoch nicht verstecken - vor allem, wenn man bedenkt, dass mit den Nominalzinsen auch die Inflation deutlich gefallen ist.

          Das Prinzip des kollektiven Sparens ermöglicht einen Ausgleich über die Zeit

          Wer seit 1985 jeden Monat 100 Euro in eine klassische Lebensversicherung investiert hat, hätte in diesem Jahr im Marktdurchschnitt 27 000 Euro weniger ausgezahlt bekommen als jemand, der dieselbe Summe zwischen 1975 und 2005 investierte. Das hat der Branchendienst Map-Report ausgerechnet. Damals betrug die durchschnittliche Rendite auf die eingezahlten Beiträge noch 6,3 Prozent. Ein in diesem Jahr ausgelaufener Vertrag hätte immerhin noch 4,7 Prozent Beitragsrendite abgeworfen. Angesichts zweier größerer Finanzkrisen in der Zwischenzeit ist das keine ganz schlechte Bilanz.

          Das Prinzip des kollektiven Sparens ermöglicht einen Ausgleich über die Zeit. Die Versicherer können dadurch Überschussbeteiligungen glätten. Selbst in den Jahren 2002 oder 2009, in denen Börsen und Konjunktur schlecht liefen, gab es dadurch keine größeren Ausschläge nach unten. Anbieter, die unbeirrt an der klassischen Lebensversicherung festhalten - wie Stuttgarter, Continentale oder Debeka -, betonen immer wieder, dass durch dieses Kollektivprinzip die Garantien so günstig zu erzeugen seien wie in keinem anderen Modell.

          Doch vom 1. Januar an wird das neue Aufsichtsrecht Solvency II gelten. Es bestraft Versicherer, die sehr langfristige Zinsverpflichtungen gegenüber Kunden eingegangen sind, mit höheren Eigenmittelanforderungen. Der Niedrigzins ist insofern vor allem ein Problem für Versicherer. Das erklärt auch, warum die Allianz das klassische Produkt nicht mehr attraktiv findet - obwohl die Lebensversicherungssparte mit einer Eigenkapitalrendite von 24 Prozent zur profitabelsten im Konzern gehört. Und Kunden, die erst kürzlich eine Police abgeschlossen haben, leiden darunter, dass die Versicherer eine Zinszusatzreserve in zweistelliger Milliardenhöhe aufbauen mussten, durch die alte Verträge abgesichert werden.

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