https://www.faz.net/-hbv-86ao1

Niedrige Zinsen : Der Garantiezins ist Geschichte

  • -Aktualisiert am

Für Kunden lohnen sich Lebensversicherungen immer weniger. Bild: dpa

Eine große Lebensversicherung nach der anderen schafft den Garantiezins ab. Bitter für die Kunden.

          Wenn es stimmt, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, müssten Kunden, die eine der neuen Lebensversicherungen abschließen, sehr lang und sehr gut leben. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass diejenigen mit solchen Verträgen irgendwann feststellen werden, dass sich viele Hoffnungen eben nicht erfüllen. Denn die Zeiten, in denen Lebensversicherer den Kunden noch eine garantierte Vermehrung ihres Kapitals versprachen, also einen Garantiezins, sind vorbei. Das war bisher das Hauptargument, mit dem die Branche ihre Verträge verkaufte und mit dem sie wuchs. 92,5 Millionen Verträge hat sie unter die Bundesbürger gebracht. Mittlerweile darf man angesichts der Minizinsen bei den alten Verträgen zweifeln, ob sie später noch eine nennenswerte Rendite abwerfen. Bei den neuen Produkten ohne Garantiezins aber muss man das erst recht. Dennoch verkaufen sie sich wie verrückt.

          In den Produktbeschreibungen klingt es ja auch anders. Dort ist viel von Garantiekapital die Rede, von attraktiven Überschussbeteiligungen und steigenden Zinsniveaus. So hat die Allianz schon über 100 000 Neukunden in die „Allianz Perspektive“ gelockt. Hätte sie das auch geschafft, wenn auf dem Produktblatt stehen würde, dass dem Kunden hier nur eines garantiert wird - nämlich, dass ihm mit 67 Jahren genau die Summe zur Verfügung steht, die er eingezahlt hat? Nicht mehr. Alles andere, inklusive der „attraktiven Überschussbeteiligung“, ist reine Spekulation.

          Mit dieser Hoffnung auf steigende Renditen machen die Versicherer derzeit ein gutes Geschäft. Allein 5,7 Millionen neue Policen schlossen die Bundesbürger 2014 ab. Viele davon ohne Garantiezinsen, Marktführer Allianz und die Branchengröße Ergo preschten vor. Auch Axa, Württembergische und HDI bieten garantielose Produkte an, die Talanx will sie jetzt einführen. Einige davon sind fondsgebundene Versicherungen, mit denen die Branche schon zur Jahrtausendwende auf Kundenfang ging. Sie versprach hohe Erträge an den Kapitalmärkten, seitdem brachen die Kurse zweimal ein. Und viele Kunden mussten feststellen, dass die Versicherungen dieses Risiko voll auf sie abgewälzt hatten.

          Demnächst werden 80 Prozent der Versicherungssparer garantielose Produkte wählen, sagen Versicherungsvorstände. Der Chef der Deutschen Aktuarvereinigung und Ergo-Vorstand Johannes Lörper rät sogar: „Wir sollten als Aktuare darauf drängen, dass keine Garantien mehr auf unbegrenzte Zeit gegeben werden.“ Der Garantiezins ist Geschichte.

          Für Kunden sind die neuen Policen ein schlechteres Geschäft als die alten

          Denn die Branche knabbert nach eigener Aussage schwer an den Versprechen, die sie ihren Kunden vor allem in den neunziger Jahren gab. Damals garantierte sie vier Prozent. Doch seit der Finanzkrise erwirtschafte sie kaum noch, was sie da versprach. Nun sind seit 1999 die Garantiezinsen stark gesunken auf 1,25 Prozent. Das senkte die Last der Zusagen bereits deutlich. Viele Kündigungen von Altkunden taten ihr Übriges. Über alle Verträge hinweg liegt das Garantieversprechen nur noch bei drei Prozent. In sieben Jahren könnten es 2,6 Prozent sein oder weniger. Dagegen erzielt die Branche mit dem Kundengeld am Kapitalmarkt einen Nettoertrag von 4,63 Prozent. So richtig schlecht geht es ihr also dann doch noch nicht. Zumal auch die Risikogewinne steigen, die Erträge, die entstehen, weil viele Kunden kürzer leben als gedacht und Renten kürzer gezahlt werden.

          Für die Kunden dagegen sind die neuen Policen ein noch schlechteres Geschäft als die alten. „Es gibt die wildeste Mischung von Produkten, die ganz unterschiedlich funktionieren. Und die Verträge sind dermaßen intransparent, dass der Kunde die Fallstricke nicht erkennt“, kritisiert Axel Kleinlein, Vorstand beim Bund der Versicherten (BdV). Vor allem jungen Sparern mit langen Laufzeiten biete „der garantierte Erhalt der eingezahlten Beiträge weniger Sicherheit als bei herkömmlich kalkulierten Produkten“, stellte auch das Ratinghaus Franke&Bornberg zur „Allianz-Perspektive“ fest. Ein alter Vertrag verspräche einem 32-jährigen 49.000 Euro bei Renteneintritt (bei 1200 Euro Jahresbeitrag). Die neue Police nur 42.000 Euro. Das sind 16 Prozent weniger. Es dauert auch länger, bis der Rückkaufswert der eingezahlten Summe entspricht, sprich: bis der Kunde den Vertrag kündigen kann, ohne Verlust zu machen. Beim bisherigen 35-Jahres-Vertrag war das nach 21 Jahren der Fall, jetzt erst nach 28 Jahren, so Franke & Bornberg.

          Nun wird den Kunden meist noch eine Überschussbeteiligung jährlich gutgeschrieben. Die soll, so sagen Anbieter, bei den neuen Policen irgendwo hinterm Komma etwas höher sein als bei alten Policen. Die Sache hat zwei Haken: Erstens schieben viele Versicherer einen Großteil der Zinsgutschrift bis zum Schluss auf. Doch mit dem größeren Überschuss bei Vertragsende entgeht den Kunden der Zinseszins. Zudem schlägt dann die Kapitalmarktlage voll durch, die gerade herrscht. Zweitens kommen die angehäuften Überschüsse bei den neuen Policen nicht zwingend auf das Garantiekapital obendrauf. Hat der Versicherer bis dahin schlecht gewirtschaftet und die 42.000 Euro noch nicht erzielt, gleichen die Überschüsse diese Lücke aus. Entsprechend weniger bleibt übrig.

          Der dritte und entscheidende Punkt ist jedoch: Bei den neuen Policen entscheiden die Versicherer erst am Ende, mit welchem Zinssatz und welcher Sterbetafel sie das Kapital verrenten. Bei alten Verträgen wird das schon heute festgelegt. „Es kann also sein, dass Kunden mit neuen Policen mehr Geld ansparen, aber weniger Rente ausgezahlt bekommen als mit einem alten Vertrag. Das ist das Perfide“, findet BdV-Vorstand Kleinlein. Ob die Firmen gestiegene Zinsen an die Kunden weitergeben oder nicht, entscheiden sie selbst. „Alle Verschlechterungen nimmt der Kunde in solchen Verträgen mit“, sagt Kleinlein, „Verbesserungen nur, wenn der Versicherer das will.“ Man muss schon ziemlich großer Optimist sein, um so etwas abzuschließen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.