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Lebensversicherungen : 14 Milliarden Euro aus gekündigten Policen

Herzzerreißend: Scheidungen sind einer der häufigsten Gründe dafür, eine Lebensversicherung zu kündigen Bild: dpa

Das Storno-Volumen deutscher Lebensversicherer erreicht ein Rekordniveau. Vorsicht: Kündigen hat für Kunden Nachteile, Rendite gibt es erst zum Schluss.

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          Dass die Kündigung einer Lebensversicherung fast nur Nachteile hat, ist offenbar nicht weit verbreitet. Noch nie zuvor zahlten Lebensversicherer so viel Geld an Kunden, die ihren Vertrag gekündigt haben. Um 3,1 Prozent stieg das Volumen auf 14,4 Milliarden Euro, wie aus der Broschüre „Die deutsche Lebensversicherung in Zahlen“ des Branchenverbands GDV hervorgeht. Dem Policenaufkäufer Policen Direkt war das eine Mitteilung wert, in der er den Zuwachs mit der zunehmenden Verunsicherung der Verbraucher erklärt. Die Lösung ist schnell zur Hand: Statt den Vertrag zu kündigen, könne man ihn auch an einen Aufkäufer veräußern - jemanden wie Policen Direkt zum Beispiel.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Tatsächlich hat sich das Niveau der Auszahlungen wegen Vertragsstornos seit dem Jahr 2000 von 9 auf über 14 Milliarden Euro gesteigert. Gleichzeitig nahm aber auch das Volumen der Auszahlungen insgesamt zu, weil die verfügbaren Einkommen und parallel dazu die Versicherungssummen gestiegen sind. Nach Beobachtung von Manfred Poweleit vom Branchendienst Map-Report kündigen nicht die typischen Altersvorsorgesparer in so großem Umfang. „Die durchschnittliche Versicherungssumme ist im Storno höher als im Bestand oder im Neugeschäft“, sagt er. „Es werden also eher hochvolumige Verträge gekündigt.“

          Der Markt hat deutlich an Bedeutung verloren

          Gemessen an der Zahl der Verträge hat sich die Quote in den vergangenen Jahren verbessert. Im Jahr 2004 wurden noch 4,2 Prozent aller Verträge gekündigt, im vergangenen Jahr waren es 3,48 Prozent - ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr. „Diese Entwicklung zeigt, dass die Kunden insbesondere in Krisenzeiten an ihrer Lebensversicherung festhalten“, sagt eine GDV-Sprecherin. Kündigungen sind meist nachteilig: Am meisten Rendite werfen Verträge ab, wenn sie bis zum Ende der vereinbarten Laufzeit gehalten werden. Wie hart ein frühzeitiger Storno den Kunden trifft, hängt vom Versicherer ab. Es gibt Policen am Markt, bei denen ab dem 13. Vertragsjahr wieder mindestens die Beiträge ausgezahlt werden. Bei anderen dauert es länger - bis zu 33 Jahre. Die niedrigeren Rückkaufswerte in den Jahren davor mindern aber nicht die Qualität der Police, denn etwa die Europa zählt mit ihren regulären Ablaufleistungen zu den stärksten Anbietern am Markt - aber eben nur, wenn der Kunde bis zum Ende durchhält. Ein weiterer Nachteil für Verträge seit 2005: Lief der Vertrag nicht mindestens zwölf Jahre und ist der Kunde jünger als 60 Jahre alt, verliert er sein Steuerprivileg. Auszahlungen müssen dann voll versteuert werden.

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          Für die meisten Kunden, die kündigen, geht das mit einem Verlust einher. „Die meisten Policen werden zwischen dem dritten und dem fünften Vertragsjahr gekündigt“, berichtet Poweleit. „Das sind die, bei denen die Kloppertruppen zugeschlagen haben.“ Denn nach wie vor verkaufen aggressive Vertriebe die hochprovisionierten Policen an Kunden, denen sie die Produkteigenschaften nicht ausreichend erklärt haben. Qualitätsanbieter haben Stornoquoten um die 2 Prozent. Nach Poweleits Berechnungen werden 48 Prozent der Verträge vorzeitig gekündigt - weniger als die Verbraucherzentralen behaupten (75 Prozent), aber immer noch zu wenige, um daraus auf eine flächendeckend umfassende Beratung vor dem Kauf schließen zu können. Im vergangenen Jahr sahen sich möglicherweise auch Kunden veranlasst, ihre Police zu liquidieren, die noch von der großzügigen Regel zur Mitgabe von Bewertungsreserven profitieren wollten, die dann aber wider Erwarten doch nicht abgeschafft wurde.

          Policen Direkt bewegt sich auf einem Markt, der nach den Boomjahren vor der Finanzkrise inzwischen deutlich an Bedeutung verloren hat. Wurden noch 2007 Verträge im Volumen von 1,1 Milliarden Euro auf dem Zweitmarkt aufgekauft, dümpelt das Niveau seit vier Jahren zwischen 100 und 200 Millionen Euro im Jahr. Die Aufkäufer führen die Policen weiter, um die häufig recht attraktive endfällige Rendite zu erhalten und an Fondsinhaber zu verteilen. Alternativ können Verbraucher, die unter Geldnot leiden, ihren Vertrag auch beitragsfrei stellen.

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