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Die Zukunft der Rente : Folgen der Finanzkrise drehen die Altersvorsorge um

Die Kosten des Bürgers für die gleiche Rente haben sich in den vergangenen Jahren verdreifacht. Bild: dpa

Banken waren Verursacher, Versicherer die Überträger, Pensionseinrichtungen sind Opfer der Finanzkrise. Nun suchen Versicherungsmathematiker nach Auswegen. Was kommt dabei für den Otto Normalbürger heraus?

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          Die deutschen Versicherungsmathematiker bringen sich in die intensiv geführte Debatte über die Zukunft der Altersvorsorge in Deutschland mit dem ein, was sie am besten beherrschen: mit Zahlen, Daten und Fakten. „Die Kosten des Otto Normalbürgers für die gleiche Rente haben sich in den vergangenen Jahren verdreifacht“, sagt Alfred Gohdes. In der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), einem Zusammenschluss von 4800 deutschen Versicherungsmathematikern, die für die Stabilität von Vorsorgeeinrichtungen zuständig sind, verantwortet er die betriebliche Altersversorgung.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Noch im Jahr 2002 musste eine 35 Jahre alte Person - egal, ob männlich oder weiblich - etwa 300 Euro aufbringen, um zum regulären Renteneintrittsalter 1000 Euro Alters- und eine 60-prozentige Hinterbliebenenrente zu erzielen. Zunächst stieg dieser Betrag auf etwa 450 Euro, um dann nach der Einführung der Rente mit 67 wieder auf 350 Euro zu fallen. Doch seit Ausbruch der Finanzkrise und unter dem Eindruck der Rettungsbemühungen der Notenbanken ist dieser Betrag inzwischen auf 930 Euro gestiegen, rechnet Gohdes vor, der im Hauptberuf für das Beratungsunternehmen Willis Towers Watson arbeitet.

          „Der bestehende Kapitalstock muss die Zusagen an Pensionäre bedecken“, ergänzt Friedemann Lucius von der Beratungsagentur Heubeck auf einem Pressetermin in Köln, den die DAV ausgerichtet hat. „Doch er baut sich aktuell weniger stark auf, als er sollte.“ Noch könnten bestehende Pensionszusagen an die Beschäftigten erfüllt werden. Doch er sehe die Zukunft der Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung durchaus kritisch. „Was uns Sorge bereitet, ist das, was man bilanziell noch nicht sehen kann. Denn auch in Zukunft werden Kapitalerträge fehlen. Das Problem frisst sich in die Bilanzen herein“, sagt Lucius.

          Weil sich durch die verfallenden Anleiheverzinsungen die Spielregeln für die Vorsorgeeinrichtungen spürbar änderten, halten die Sachverständigen auch Regeländerungen für notwendig. „So wie auch die Spielregeln in der gesetzlichen Rentenversicherung geändert werden, wenn die Lebenserwartung steigt, indem das Eintrittsalter von 65 auf 67 gesetzt wird, müssen solche Anpassungen auch hier möglich sein“, sagt Gohdes. So sollten Aufsichtsbehörden zeitweise Unterdeckungen flexibel handhaben. „Anders als Versicherer müssen sie nicht jederzeit in der Lage sein, Rückkaufswerte auszuzahlen“, sagt Gohdes. Das sollte beispielsweise Pensionskassen mehr Spielraum in der Kapitalanlage geben. Auch müsse es arbeitsrechtlich möglich sein, künftige Leistungen der Versorgungszusagen zu kürzen, ohne dass Arbeitgeber die Lücken auffüllen müssen.

          Auf den Magen schlägt die Zinszusatzreserve

          Auch die Aktuare, die sich mit Lebensversicherungen beschäftigen, sehen einen wachsenden Bedarf, bestehende Regeln zu ändern. Die Entscheidung des Bundesfinanzministeriums, den Höchstrechnungszins zum 1. Januar 2017 auf 0,9 Prozent zu senken, tragen sie mit. „Manche Anbieter werden dann aber vorerst Riesterverträge nicht mehr anbieten können“, sagt Roland Weber, Vorstandsmitglied der Debeka und der DAV. Gesetzlich sind die Anbieter verpflichtet, ihren Kunden den Erhalt aller Beiträge und aller Zulagen zu Rentenbeginn zu garantieren. Da sich aber nicht alle Beiträge verzinsen, sondern nur der Sparanteil, der abzüglich der zum Teil hohen Verwaltungskosten (bis zu 20 Prozent der Beiträge) übrig bleibt, reichen die 0,9 Prozent Garantiezins selbst bei 20 Jahren Laufzeit bei vielen Anbietern nicht mehr aus, um den Beitragserhalt sicherzustellen. Deshalb müssen sie nun mit ihren Vertrieben neue Provisionsvereinbarungen aushandeln, die den Versicherern erlauben, geringere Kosten einzukalkulieren.

          Auf den Magen schlägt den Aktuaren die Zinszusatzreserve. Seit 2010 müssen Versicherer einen zusätzlichen Puffer aufbauen, um sicherzustellen, dass sie alle hochprozentigen Garantien der Vergangenheit sicher erfüllen können. Nach der bestehenden Systematik droht diese Zusatzreserve bis zum Jahr 2025 auf 225 Milliarden Euro zu steigen. Das entspräche rund einem Viertel der gesamten heutigen Kapitalanlagen der deutschen Lebensversicherer. „Wir schlagen vor, die Zinszusatzreserve langsamer aufzubauen“, sagt der DAV-Vorsitzende Wilhelm Schneemeier, der im Hauptberuf in der Geschäftsführung von Swiss Life in Deutschland sitzt. „Sonst muss der Umbau der Kapitalanlage blitzartig erfolgen.“ Versicherer müssten in diesem Fall Wertpapiere mit sehr langen Laufzeiten abschließen, um die versprochene Verzinsung sicherzustellen. Damit beraubten sie sich aber der Möglichkeit, in renditeträchtige und etwas risikoreichere Kapitalanlagen zu investieren.

          Angesichts hoher Gewinne etwa beim Branchenprimus Allianz wundert sich so mancher Beobachter, warum nicht auch eine Kapitalerhöhung denkbar wäre. Die Eigenkapitalquote der Branche liegt bei 1,8 Prozent. Weil die Versicherer in die aufsichtsrechtlich relevante Eigenmittelquote auch Kundenreserven einrechnen können, kommen sie hier auf 5 bis 10 Prozent. Mehr Eigenkapital würde ihnen aber mehr Spielraum geben, etwa auch in Aktien oder Immobilien zu investieren.

          „Das Problem ist, dass einen Wertverlust allein der Aktionär trägt, während an einer Wertaufholung zu 90 Prozent der Versicherte partizipieren muss“, erklärt Johannes Lörper, Vorstandsmitglied des GDV und der Ergo Leben. Aktuell hohe Nettorenditen aus der Kapitalanlage ließen Versicherer zwar als recht leistungsstark dastehen. Allerdings seien diese dringend notwendig, um die wachsenden Anforderungen aus der Zinszusatzreserve zu bedienen. Derzeit beträgt sie 32 Milliarden Euro, Ende des Jahres könnten es schon 47 Milliarden sein.

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