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Dank Flexi-Rente : Zahlen Sie mehr in die Rentenkasse!

  • -Aktualisiert am

Zwei bis drei Prozent Rendite bringt es, die gesetzliche Rente freiwillig aufzustocken. Bild: Ute Grabowsky/photothek.net

Wer ab 50 freiwillig Geld in die Rentenkasse steckt, macht ein gutes Geschäft: Am Ende bringt das mehr Zinsen als die private Vorsorge.

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          Geschenkt wird ja heute keinem Sparer mehr etwas. Vor allem keine Zinsen mehr. Es ist also kein Wunder, dass sich viele Anleger Gedanken machen, wie sie überhaupt noch genügend Geld fürs Alter zusammensparen sollen. Auf eine Idee kommen dabei aber die wenigsten, und sie klingt zugegeben auch überraschend: Beschäftigte könnten freiwillig mehr Geld in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen. Denn das lohnt sich zurzeit außergewöhnlich stark, da die Rendite der staatlichen Rente derzeit mit den Zinsen am Kapitalmarkt mehr als konkurrieren kann. Zudem hat die Bundesregierung die Regeln in der abgelaufenen Woche mit einem neuen Gesetz noch erleichtert, sie hat die Flexi-Rente verabschiedet.

          Vom Grundsatz her regelt das neue Gesetz, dass Arbeitnehmer jetzt einfacher eine vorzeitige Teilrente beziehen und trotzdem in einem Nebenjob weiterarbeiten können. Bisher galten dafür starre Einkommens- und Hinzuverdienstgrenzen. Und in einem weiteren Passus geht es um die Frühverrentung, insbesondere um die Frage, wie man die Rentenabschläge ausgleichen kann, die bei einem vorzeitigen Berufsausstieg üblich sind. Genau diese Regelung eröffnet Vorsorgesparern jetzt mehr Möglichkeiten.

          Viele ältere Beschäftigte liebäugeln schließlich damit, nicht bis zur Regelaltersgrenze weiterzuarbeiten, sondern schon früher aus dem Beruf auszusteigen – zumal der Rentenbeginn gerade für sie stufenweise von 65 auf 67 angehoben worden ist. Der Haken dabei ist: Wer schon mit beispielsweise 63 Jahren aufhört, hat satte Abschläge bei der Rente zu erwarten, ein Leben lang.

          Das ist nicht neu, macht aber viel Geld aus. Für jeden Monat, den jemand vorzeitig aufhört, zieht der Staat ihm 0,3 Prozent der gesetzlichen Altersbezüge ab. Das bedeutet für einen heute 58-Jährigen, der mit 63 aussteigt (also drei Jahre früher als regulär) dass er auf 10,8 Prozent seiner Rente verzichten muss. Ein 1000-Euro-Durchschnittsrentner verliert damit 110 Euro monatlich, hat also 1320 Euro weniger Rente im Jahr. Ein Gutverdiener verzichtet auf 162 Euro im Monat, knapp 1950 Euro im Jahr. Und das gilt, wie gesagt, für den Rest des Lebens.

          Neues Gesetz ermöglicht große zusätzliche Einmalzahlungen

          Nun gibt es aber eine Methode, um nicht auf diese Summe verzichten zu müssen: Man kann freiwillig vorab einen größeren Betrag in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, um die späteren Abschläge auszugleichen. Freiwillig mehr einzahlen kann man übrigens immer, aber in jüngerem Alter nur in geringem Umfang. Dank des neuen Gesetzes sind aber große zusätzliche Einmalzahlungen jetzt schon ab 50 Jahren möglich (nicht erst ab 55 wie bisher). Allerdings darf man sich keine Illusionen machen, denn der Betrag, den man dafür braucht, ist fünfstellig. Aber es lohnt sich dennoch, momentan noch viel mehr als bisher.

          Vor allem – jetzt kommt der Trick –, wenn man gar nicht früher in Rente gehen will. Denn mit dieser Einzahlung gleicht man quasi vorab die Rentenlücke aus, die bei Frühverrentung entstehen würde. Man ist aber nicht an einen frühen Berufsausstieg gebunden, sondern hält sich die Option der Frühverrentung sozusagen nur offen. Arbeitet man trotz der Einzahlung weiter bis zum gesetzlichen Rentenalter oder sogar darüber hinaus – was politisch durchaus erwünscht ist –, dann bekommt man später nicht nur die ursprünglich angepeilte Altersrente gezahlt, sondern sammelt noch ein paar Entgeltpunkte obendrauf. Damit hat man sich dann ein echtes Rentenplus erarbeitet, und das wirkt wie ein kleiner Turbo. Wieso lohnt sich die freiwillige Einzahlung nun besonders jetzt?

          Weil die Höhe der Ausgleichzahlung von der Rentenversicherung jetzt schon errechnet wird und später nicht mehr verändert werden kann. Mit den derzeitigen Parametern beziffern die Behörden, wie hoch der spätere Rentenabschlag in Euro und Cent wohl ist. Und eine Ausgleichssumme dafür zahlt der Sparer heute bereits ein. Der Clou dabei: Es ist davon auszugehen, dass die Renten auch in Zukunft moderat steigen werden, da sie an die jeweilige Wirtschaftskraft angepasst werden.

          Tatsächlich würden die Abschläge also später höher ausfallen, wenn sie erst beim erfolgten Berufsausstieg ermittelt würden. Wer jetzt schon den Betrag einzahlt, bleibt davon verschont und profitiert lediglich vom positiven Effekt, dass er in ein paar Jahren mehr Rente ausgezahlt bekommt, als ihm derzeit prognostiziert wird. Außerdem sind die Rentenbeiträge zurzeit mit 18,7 Prozent vom Bruttoeinkommen so niedrig wie seit 25 Jahren nicht mehr und der Rentenabschlag damit niedriger.

          Niedrigzinsen machen die Einzahlungen lukrativ

          Vor allem die Niedrigzinsen der Kapitalmärkte aber machen die Zusatzeinzahlung lukrativ. Denn sie sorgen dafür, dass Sparer höhere Auszahlungen aus der gesetzlichen Rentenkasse zu erwarten haben, als es ihnen private Rentenversicherungen derzeit versprechen, wenn man bei ihnen den gleichen fünfstelligen Betrag einzahlen würde.

          Ein Beispiel: Der oben erwähnte 58-Jährige möchte schon mit 63 Jahren in Rente gehen, also drei Jahre früher. Er erwartet eine Rente von 1250 Euro und dementsprechend einen Abschlag von 135 Euro. Die Rentenkasse berechnet: Gegen eine Ausgleichszahlung von 35000 Euro erhält er ab 63 dennoch die volle Rente, hat also die 135 Euro Abschlag ausgeglichen. Die 35000 Euro kann er als Einmalzahlung leisten oder auch auf mehrere Jahre stückeln – was sinnvoll ist, weil er dadurch die steuerlichen Abzugsmöglichkeiten nicht nur einmalig, sondern jährlich nutzt.

          Würde er stattdessen den gleichen Betrag in eine private Rentenpolice einzahlen, die mit 63 fällig wird, bietet ihm derzeit die beste Versicherung am Markt bloß eine Monatsrente von 120 Euro, also 15 Euro weniger als die gesetzliche Rente. Die meisten Top-10-Versicherer sagen sogar nur 110 Euro zu, also 300 Euro jährlich weniger als die Gesetzliche. Mit einer steuerlich geförderten Rürup-Police käme der 58-Jährige auch maximal auf 110 Euro, meist sogar nur auf 90 Euro Zusatzrente im Monat. Die Verzinsung der gesetzlichen Kasse schlägt sie derzeit alle.

          Mehr als zwei Prozent Rendite sind drin

          Diese Rechnung geht von keinen Rentenerhöhungen aus. Erwartet man wegen der guten Wirtschaftsleistung in den kommenden Jahren Anhebungen um ein oder sogar zwei Prozent im Jahr, was durchaus realistisch ist, fällt der Abstand noch deutlicher zugunsten der gesetzlichen Kasse aus. Mit mehr als zwei oder sogar deutlich über drei Prozent Rentenrendite kann ein Beschäftigter dann für seine Einzahlung rechnen, hat Finanzmathematiker Werner Siepe ermittelt. Vorausgesetzt, der Sparer lebt so lange, wie es das Statistische Bundesamt für den Bevölkerungsdurchschnitt annimmt, nämlich noch 22 Jahre über den Renteneintritt hinaus. Wird er älter, fällt der Ertrag noch höher aus.

          Arbeitet er dann mit 63 weiter, so erwirbt er sich sogar zusätzliche Entgeltpunkte, die seine Rente von 1250 Euro noch weiter erhöhen. Unser Beispielrentner käme auf 4,2 Entgeltpunkte mehr, rund 128 Euro zusätzlich, wenn er bis zum für ihn geltenden gesetzlichen Ausstiegsalter von 66 durchhält. Das macht dann schon 1378 Euro Rente. Schafft er sogar noch ein Jahr länger, wird’s richtig lukrativ. Denn dann kommen nicht nur die entsprechenden Entgeltpunkte hinzu, sondern auch noch ein monatlicher Bonus fürs Weiterarbeiten.

          Der Zuschlag beträgt 0,5 Prozent pro Monat, das entspricht weiteren sechs Prozent mehr Rente lebenslänglich, die man sich bereits nach zwölf Monaten erwirtschaftet hat. Macht im Beispielfall weitere 125 Euro, also insgesamt 1503 Euro Rente mit 67 – statt der ursprünglichen 1250 mit 66. Spätestens dann hat die jetzige Ausgleichszahlung ein Plus bewirkt, das der Kapitalmarkt derzeit keinem Sparer auf so kurze Zeit bieten kann.

          Die Versicherungen ärgern sich über die Möglichkeit

          Deshalb ist es auch kein Wunder, dass vor allem die Lobby der Versicherungsunternehmen nicht von dieser Möglichkeit des Gesetzes begeistert ist: Die Ausgleichzahlungen würden „deutlich zu günstig angeboten“, mahnen sie. Das führe dazu, dass das gesetzliche System ausgehöhlt werde, wenn sich die Älteren derart am Rententopf bedienen würden – die ja ohnehin schon höhere Renten erwarten könnten als die Jungen. Die heute 30- oder 40-Jährigen würden die Zeche zahlen.

          In Wirklichkeit fürchten die Versicherer wohl eher um den Verkauf ihrer eigenen Produkte, wenn künftig mehr Geld in die gesetzliche Kasse fließt. Denn bisher macht nur eine Minderheit der Älteren überhaupt von den Ausgleichzahlungen Gebrauch. Und über das gesetzliche Rentenalter hinweg arbeiten nur rund zwei Prozent aller Beschäftigten, obwohl es sich so lohnt. Ob die nun wirklich das Gesamtsystem aushöhlen, darf man stark bezweifeln.

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