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Teurer Lebensabend : So viel kostet der Ruhestand

Vorkalkuliert: 70 bis 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens braucht man noch im Ruhestand. Bild: Bildagentur-online

Wer später auf Urlaub, Kultur und Komfort nicht verzichten mag, braucht viel Geld. Mehr, als die meisten Leute denken.

          Es ist derzeit nicht unbedingt leicht, zum Thema Rente positive Dinge zu vermelden, aber hier kommt eines: Das Leben im Alter wird billiger. Und trotzdem wird das Geld bei vielen von uns später nicht reichen. Vor allem bei den Mittelalten, den heute 35- bis 45-Jährigen, bei denen erstmals alle beschlossenen Rentenkürzungen voll greifen, wird es ganz schön knapp.

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es wird Zeit für eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung, mit der wir überschlagen können, was im Alter auf unserem Konto landet und wie viel wir dann zum Leben brauchen. Nicht nur zum Überleben, sondern auch für Kultur und Hobbys, Urlaube und Restaurantbesuche. Denn all das genießen wir mit 40 genauso wie mit 70. Aber drei von zehn Sparern im mittleren Alter haben „keinen Schimmer“, was sie monatlich ausgeben – und wofür genau, sagen Finanzplaner. Vier wissen allenfalls grob, wie viel Geld sie insgesamt verpulvern und ob vom Einkommen etwas übrig bleibt. Nur jeder Dritte kann einzelne Posten exakt benennen. „Wer seine Lebenshaltungskosten nur über den Daumen peilt, neigt dazu, seine Ausgaben zu unterschätzen und Einnahmen zu überschätzen“, warnt Michael Huber vom Vorsorgeberater VZ Vermögenszentrum.

          Viele glauben, im Alter brauche man doch nichts mehr. Doch das Leben wird im Alter zwar 30 Prozent billiger, aber es kommen auch neue Ausgaben hinzu, zum Beispiel für Gesundheit oder für ein eigenes Auto, wenn man vorher Dienstwagen gefahren ist. Und vor allem Immobilienbesitzer verschätzen sich kräftig, sagt Klaus Morgenstern vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA): „Sie sparen zwar die Miete, ignorieren aber oft, dass eine Immobilie gebundenes Vermögen ist, das keinen Ertrag bringt, sondern Geld kostet: Alle 20 Jahre ist im Schnitt eine neue Heizung fällig oder eine andere große Reparatur.“ Das führt unterm Strich dazu, dass Eigentümer gar nicht so viel billiger leben als Mieter, haben Berechnungen ergeben.

          Es gibt viele Strategien, um die Rentenlücke zu schließen.

          Aber wie viel braucht man nun zum Leben? Die allermeisten beginnen ihre Rechnung mit der Zahl 43 Prozent, so hoch wird das Rentenniveau vom Jahr 2030 an sein. Das heißt: Ruheständler bekommen dann 43 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens als gesetzliche Rente ausgezahlt, 4,5 Prozentpunkte weniger als jetzt. Diese 4,5 Prozent müsste man also zusätzlich zusammensparen, sagen Vorsorgeexperten stets. „Dabei ist die Aussagekraft dieser 43 Prozent erstaunlich gering“, findet Finanzplaner Huber. „Wichtiger als die Frage, wie viel Rente ich im Vergleich zum letzten Nettoeinkommen bekomme, ist doch: Wie hoch ist meine gesetzliche Rente im Vergleich zu dem, was ich monatlich brauche?“ Gutverdiener, die in der aktiven Phase hohe Kredite für ein Haus tilgen, Unsummen in die Ausbildung ihrer Kinder stecken oder sich satte Sparverträge leisten, brauchen im Ruhestand viel weniger Geld, ihren Lebensstandard zu halten, weil dann viele teure Posten wegfallen.

          „Hochausgabenphase“

          Wie viel Geld man im Alter benötigt, ist natürlich so unterschiedlich wie die Zahlen auf unseren Gehaltszetteln. Wer ein Leben lang wenig verdiente, kommt leicht mit wenig aus. Wer gut verdient, hat sich ein großzügigeres Ausgabeverhalten angewöhnt. Das ändern wir meist auch im Alter nicht groß. Im Schnitt jedenfalls, so sagen Auswertungen des Wirtschaftsministeriums, bleiben die Hauptposten bei allen recht unveränderlich, egal in welchem Alter: Fürs Wohnen geben wir 25 bis 30 Prozent unseres verfügbaren Einkommens aus, für Ernährung 15 Prozent und für Unterhaltung 12 Prozent. Das sind schon einmal die Eckwerte. Der Rest, insbesondere der Posten Mobilität, hängt stark davon ab, ob wir in der Stadt oder auf dem Land leben. Als Faustregel benennen Finanzplaner wie Huber: „Mit 70 bis 80 Prozent des jetzigen Nettoeinkommens kommen viele im Alter realistischerweise aus.“

          Im Laufe des Ruhestands verschieben sich die Anteile der einzelnen Ausgabenposten. Vor allem in der ersten Zeit, den Jahren zwischen 65 und 75, lassen es viele Rentner ordentlich krachen: Sie reisen, kaufen sich neue Sportgeräte, bilden sich fort, sind mobil und aktiv. Vorsorgeexperte Morgenstern nennt das die „Hochausgabenphase, man holt nach, wozu man im Berufsleben keine Zeit hatte“. Ältere Rentner sparen sich dann einiges, vor allem Kosten für Verkehrsmittel (50 Prozent), weil sie das Auto abschaffen und weniger aushäusig unternehmen. Zudem geben sie 80 Prozent weniger für Bildung aus und 25 Prozent weniger für Telekommunikation, Post und Internet. Denn dann verzichten viele auf Tarife mit sehr hohen Datenvolumen oder das zweite Smartphone.

          Unterschätzte Inflation

          Mehr Geld geben Rentner ab 80 oder 85 Jahren fürs Wohnen aus, das wird rund 20 Prozent teurer, vor allem weil die Mieten steigen. Aber auch Eigentümer investieren mehr, denn mit dem Besitz steigen die Ansprüche: ein neues Bad muss her mit ebenerdiger Wellnessdusche oder ein neuer Anstrich. Während sich die einen im Alter neue Zähne oder ein Facelift gönnen (die Gesundheitsausgaben verdoppeln sich ab 80), spendieren Hausbesitzer oft ihrer Immobilie eine Schönheits-OP. Statt das Haus abzuwohnen, wollen sie nämlich dessen Wert bewahren, sagen sie selbst. Zudem zahlen Rentner auch für Dienstleistungen wie Bringdienste oder Putzhilfen rund 23 Prozent mehr. Unterm Strich bleibt der Gesamtkonsum so über die Jahre ungefähr gleich hoch, zumindest nominal.

          Denn eines unterschätzen fast alle gewaltig: die Inflation. Für einen Durchschnittsverdiener bedeutet ein heute festgelegtes Wunscheinkommen für den Ruhestand von 1500 Euro, dass im Jahr 2043 2560 Euro Einnahmen nötig sind, während ihm nur eine gesetzliche Rente zur Verfügung steht, die dann eine Kaufkraft von nur noch knapp 1000 Euro hat. Seine Versorgungslücke beträgt also satte 1600 Euro – im Monat.

          Kann man das mit Betriebsrenten, Riester- oder Sparverträgen ausgleichen? Heutige Rentner leben zu zwei Dritteln von der gesetzlichen Rente, nur zehn Prozent des Alterseinkommens stammen aus der Betriebsrente. Steigen wird die künftig wohl zu wenig. Weitere zehn Prozent speisen sich aus Wohneigentum und etwa 14 Prozent aus privaten Sparverträgen. Das Vermögen daraus ist jedoch sehr ungleich verteilt: Wer gespart hat, erhält im Schnitt 500 Euro Zusatzrente. Jeder Fünfte allerdings liegt da bei null Euro. Künftig werden es vielleicht noch mehr sein, sagt Tabea Bucher-Koenen vom Munich Center for the Economics of Aging (MEA): „40 Prozent aller Leute sparen gar nicht.“ Bislang wissen die Forscher nicht, warum: „Es gibt mit Sicherheit Haushalte, für die es rational ist, nicht zu sparen, weil sie Schulden abzahlen oder weil zu wenig übrig bleibt. Aber die Nichtsparer sind über alle Einkommen- und Bildungsklassen verteilt.“

          Oft liegt es nicht am fehlenden Geld

          Am fehlenden Geld liegt es also oft nicht, vielleicht aber „an den astronomischen benötigten Summen und dem fehlenden therapeutischen Geschick vieler Finanzberater“, überlegt Vorsorgeexperte Michael Huber. Rechnet man einem 40-jährigen vor, dass er 400 Euro im Monat sparen müsste, um seine Rentenlücke inklusive Inflation auszugleichen, ist es kein Wunder, wenn man ihn entmutigt. Die Zahlen des MEA machen da mehr Mut: Tabea Bucher-Koenen hat ausgerechnet, dass mit einem Sparanteil von vier Prozent des Bruttoeinkommens schon die größte Lücke gestopft ist, zumindest wenn ein Sparer auf eine Rendite von 3,75 Prozent pro Jahr kommt. Das Altersvorsorgeinstitut DIA rät zu einer Sparquote von acht Prozent, um auch künftige Rentenkürzungen und größere Preissteigerungen abzupuffern. Das entspräche einer Rate von 320 Euro für 4000 Euro Einkommen.

          Das klingt machbar und kann später eine satte Monatsrente von 1300 Euro abwerfen – vorausgesetzt man spart mit Fonds oder Indexfonds, die auf lange Sicht sechs Prozent Rendite jährlich bringen. Mit klassischen Sparformen wie Anleihen oder Rentenversicherungen ist es dagegen nicht möglich. Und man muss das Geld im Alter dann auch wirklich aufzehren. Genau das aber tun viele Rentner nicht, haben Forscher entlarvt: Insgesamt neigen Ruheständler dazu, Vermögen und Besitz lieber zu bewahren, als anzutasten. Sie fürchten quasi das ewige Leben und wollen dafür gewappnet sein. Tatsächlich werden viele Bundesbürger erheblich älter als sie denken. Von den heute lebenden Generationen wird jeder Dritte bis Vierte 90 Jahre alt oder älter. So lange muss das Geld natürlich reichen. Aber was bringt es, wenn es ewig hält und man dafür die letzten 20 Jahre knausert?

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