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Altersvorsorge : Beschäftigte vertrauen Arbeitgebern

Fürs Alter sollte man Geld zurücklegen – aber wie? Bild: Ute Grabowsky/photothek.net

Nach einer Umfrage haben Betriebspensionen für Arbeitnehmer einen hohen Stellenwert. Wegen der niedrigen Zinsen findet in den Betrieben zudem ein Umdenken statt.

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          Das deutsche Modell der Altersvorsorge basiert auf drei unterschiedlich starken Säulen: der gesetzlichen Rente, der von Arbeitgebern getragenen betrieblichen Altersvorsorge und dem privaten Sparen – zum Teil mit staatlicher Unterstützung. Alle drei Säulen haben an Stabilität verloren; der demographische Wandel und der Niedrigzins nagen an ihnen. Finanzaufseher sehen vor allem in der zweiten Säule große Herausforderungen. Pensionskassen gelten als stärker gefährdet durch die Entwicklung am Kapitalmarkt als Lebensversicherer.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Doch fragt man Arbeitnehmer nach ihrem Vertrauen, scheint dieses ungebrochen. 61 Prozent der Befragten sehen die Altersversorgung durch den Arbeitgeber als die wichtigste oder zweitwichtigste Einkommensquelle im Alter. Nur die gesetzliche Rente bekam mit 75 Prozent noch höhere Werte – wobei der Unterschied noch deutlich größer ist, wenn man nur nach der Quelle fragt, die am wichtigsten ist.

          Dann landet die Rente mit 62 Prozent auf dem ersten, die Betriebspension mit 14 Prozent auf dem zweiten Platz. Das hat eine repräsentative Umfrage des Beratungsunternehmens Willis Towers Watson unter 2281 Deutschen ergeben. International beteiligten sich 29.000 Arbeitnehmer an der Befragung. Mit deutlichen Abständen folgten Ersparnisse und Investitionen (für 34 Prozent am wichtigsten oder zweitwichtigsten), Immobilien (23 Prozent) und das Arbeiten im Ruhestand (6 Prozent).

          „Die betriebliche Altersversorgung wird als kollektives Instrument durch die Bündelung der Arbeitgeber, die kein eigenes Profitinteresse damit verfolgen, als deutlich effizienter wahrgenommen“, sagte Thomas Jasper, Altersvorsorgespezialist von Willis Towers Watson, in Frankfurt. Das Vertrauen in die gesetzliche Rente sei in Deutschland geringer als in den anderen Ländern der Umfrage, was sich dadurch erklärt, dass das Rentenniveau bis 2030 auf bis zu 43 Prozent des Durchschnittseinkommens fallen könnte.

          Interessiert an neutraler Instanz

          Auch die private Altersvorsorge werde wegen des stark belastenden Niedrigzinses als weniger attraktiv wahrgenommen. Die hohe Wertschätzung wird auch durch die Antworten auf die Frage belegt, welche Angebote ihrer Arbeitgeber die Beschäftigten wählen würden. 60 Prozent der Teilnehmer fanden einen höheren Beitrag zur Altersversorgung oder eine garantierte Rentenhöhe, die nicht von der Entwicklung an den Finanzmärkten abhängt, am wichtigsten oder zweitwichtigsten.

          Zusammengenommen waren diese beiden Punkte also noch beliebter als eine starke Erhöhung des Grundgehalts (54 Prozent). Andere Angebote wie höhere Bonuszahlungen, flexiblere Arbeitszeiten, bezahlte Freistellungen, Chancen auf eine bessere Karriereförderung, eine höhere betriebliche Krankenversicherung oder die Option auf Leistungen, die sonst nicht von Arbeitgebern angeboten werden, fielen gegen Betriebspensionen deutlich ab.

          Insgesamt scheinen die Arbeitnehmer vor allem daran interessiert zu sein, dass sie mit den Arbeitgebern eine neutrale Instanz mit im Boot haben, die nicht selbst an Vorsorgebeiträgen verdienen will. „Mehr als ein höherer Arbeitgeberbeitrag wird sogar gewürdigt, wenn Unternehmen Beiträge aufstocken, die Mitarbeiter selbst investieren“, sagte der Berater Stephan Wildner. In der Beratung von Willis Towers Watson seien immer stärker Modelle gefragt, in denen Arbeitgeber auf Beteiligung setzen. Große Defizite sieht er nach wie vor in der Vermittlung dessen, welche Leistungen die Arbeitgeber ihren Mitarbeitern gewähren.

          Vertrauen hängt von Krisenmanagement ab

          Nur 31 Prozent der Befragten finden die Informationen, die sie über ihre Betriebspensionen erhalten haben, verständlich. „Das ist ganz schlimm für Unternehmen, die viel Geld für die Altersvorsorge ausgeben“, sagte Wildner. Doch inzwischen arbeiteten viele Arbeitgeber daran, mit Hilfe von Smartphone-Apps und Videopräsentationen mehr Aufklärung zu betreiben.

          Die jüngst aufgekommene Diskussion um die Stabilität der Pensionskassen hat bislang dem Vertrauen in die zweite Säule noch nicht geschadet. Die Finanzaufsicht Bafin hat rund ein Dutzend Pensionskassen in eine engere Beaufsichtigung genommen. „Ob Vertrauen verloren geht, hängt davon ab, wie die Arbeitgeber mit dieser Krise umgehen“, sagte Jasper.

          Etliche Arbeitgeber hätten gegenüber ihren Pensionskassen schon Garantieversprechen gegeben oder sogar Teile der Pensionsverpflichtungen auf die eigene Bilanz genommen. „Sie federn die Probleme der Pensionskassen ab“, sagte Wildner. „Diese hatten lange den Nimbus des Unantastbaren, während Versicherer als schmutzig und Arbeitgeber mit Direktzusagen fast schon als liederlich galten. Das wird jetzt geradegerückt.“

          Ein Umdenken setzt ein

          Nach wie vor hat Sicherheit einen hohen Stellenwert für die Beschäftigten. Obwohl sich im Niedrigzins zeigt, dass Garantien hohe Kosten verursachen, fanden 65 Prozent die Absicherung wichtiger als hohe Erträge. Sogar 83 Prozent wünschen sich einen Schutz vor Inflation. Doch in den Betrieben setze allmählich ein Umdenken ein.

          „Es ist schwierig, Betriebsräten klarzumachen, dass eine Garantie von 2,5 Prozent viel Geld kostet“, sagte Wildner. „Es gibt aber aktuelle Beispiele, in denen Gewerkschafter darauf drängen, nur noch eine Beitragsgarantie festzusetzen.“ Mit der zunehmenden Dauer der Niedrigzinsphase scheint auch das Wissen über die Folgen zuzunehmen.

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