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Generationengerechtigkeit : Auch Jüngere haben ein Recht auf mehr Urlaub

Mitarbeiter in der Schuhfertigung dürfen auch künftig zwei Tag länger am Strand liegen Bild: dpa

Ältere Mitarbeiter dürfen nicht mehr bevorzugt werden. Das gilt trotz der Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts. Gleicher Urlaub für alle heißt das Prinzip – bis auf eine Ausnahme.

          Wer viel in seinem Leben gearbeitet hat, soll auch viel Urlaub machen dürfen. Und im Zweifel auch mehr als jüngere Kollegen, die noch nicht so viel gearbeitet haben. Das klingt zunächst wie eine Binsenweisheit, ist es aber nicht. Im Gegenteil: Die Frage, wann und unter welchen Umständen ältere Mitarbeiter eine Sonderbehandlung in Anspruch nehmen dürfen, ist eine delikate rechtliche Frage. Und eine, die immer wieder das Bundesarbeitsgericht beschäftigt.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          In der vergangenen Woche schon wieder: Da ging es um ein Unternehmen, das in Deutschland Schuhe herstellt. Schon die Tatsache, dass es so etwas in Deutschland überhaupt noch gibt, dürfte für viele eine Nachricht sein. In den vergangenen 40 Jahren wurde diese Industrie hierzulande nahezu ausgelöscht, aber das steht auf einem anderen Blatt. Ein paar Dutzend Unternehmen gibt es in Deutschland jedenfalls noch, darunter eben auch den Schuhhersteller Birkenstock, der sogar in New York Kultstatus genießt. Manche behaupten, mehr denn je.

          EU-Richtlinien gegen „Differenzierungswahnsinn“

          Allerdings werden bei Birkenstock die jüngeren Mitarbeiter auf geradezu drakonische Art und Weise diskriminiert. Jedenfalls könnte man diesen Eindruck bekommen, wenn man die Klage einer 54 Jahre alten Mitarbeiterin berücksichtigt. Die hat es immerhin bis zum Bundesarbeitsgericht geschafft. Sie bekommt nämlich nur 34 Urlaubstage im Jahr. Die älteren Kollegen ab 58 Jahre zwei Urlaubstage mehr. Eine klare Ungleichbehandlung wegen des Alters, und die ist seit der Einführung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes im August 2006 eigentlich verboten, jedenfalls dann, wenn es keine guten Gründe gibt.

          Das führt immer wieder zu Rechtsstreitigkeiten, denn die Diskriminierung wegen des Alters gehörte bis vor acht Jahren zum guten Ton in deutschen Unternehmen. Ältere Mitarbeiter bekamen mehr Gehalt, mehr Urlaub, mehr Schutz vor Kündigungen, oft auch ein größeres Büro und sogar die schöneren Topfpflanzen. Und in Besprechungen deutlich mehr Redezeit als ihre jüngeren Kollegen.

          Leider wurden sie allerdings umgekehrt auch bei der Arbeitsplatzsuche benachteiligt und bekamen nur schwer eine neue Stelle. Der Europäischen Union war zumindest der letzte Teil ein Dorn im Auge, deshalb setzten gleich mehrere europäischen Richtlinien dem vermeintlichen „Differenzierungswahnsinn“ ein Ende. Seitdem ist das Leben ein wenig simpler geworden: Ob Jung oder Alt – für alle gelten die gleichen Regeln. Jedenfalls im Prinzip.

          Beschäftigte im öffentlichen Dienst altern anders

          Ganz einfach ist es freilich immer noch nicht, denn von dieser Regel gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel für ein Unternehmen der Birkenstock-Gruppe. Schließlich sei die Fertigung von Schuhen „körperlich ermüdende und schwere Arbeit“, wissen die Richter des Bundesarbeitsgerichts, wenn auch nicht aus eigener Erfahrung. Deshalb darf das Unternehmen ältere Mitarbeiter mit längeren Erholungszeiten belohnen.

          Beim öffentlichen Dienst war das wiederum etwas ganz anderes. Auch der Staat selbst musste sich im Jahr 2012 vor den obersten deutschen Arbeitsrichtern rechtfertigen – und fiel mit Pauken und Trompeten durch. Das lag allerdings daran, dass dort die Urlaubsregelung auch besonders absurd ausfiel: Bis zum Grundsatzurteil setzte im öffentlichen Dienst der körperliche Verfall schon mit Vollendung des 30. Lebensjahres ein. Das war zumindest die Annahme der Tarifvertragsparteien, deshalb erhöhten sie die Zahl der Urlaubstage zu diesem Stichtag drastisch – von 26 Tagen im Jahr auf 29. Der nächste Alterungsschub vollzog sich mit dem 40. Geburtstag, der Jahresurlaub erhöhte sich um einen weiteren Tag auf 30. Dann, plötzlich, hörte der Alterungsprozess offensichtlich völlig auf, jedenfalls war von einem zusätzlichen Erholungsbedarf für ältere Mitarbeiter über 40 im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst auf einmal keine Rede mehr. Bis zur Rente mussten sich alle mit der gleichen Zahl von Urlaubstagen begnügen.

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