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Altersvorsorgemüdigkeit : Armutsrisiko im Alter wird vielfach unterschätzt

Ein karges Leben im Alter wünscht sich niemand. Bild: dpa

Immer mehr Rentner sind von Armut im Alter bedroht. Doch viele Menschen unterschätzen das Armutsrisiko in späten Jahren.

          Wer träumt nicht von einem schönen und entspannten Lebensabend. Mit Reisen zu interessanten Orten, regelmäßigen Konzert- und Theaterbesuchen, leckeren Restaurants und einem allabendlich sonnigen Plätzchen auf der eigenen Terrasse mit Blick in die Natur. Man möchte sich etwas leisten können, solange die eigene Gesundheit einigermaßen mitspielt. Denn Zeit hat man ja eigentlich im Alter, auch wenn das manch einem Ruheständler nicht so vorkommen mag, und verdient hat man es sich zudem.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Doch die Realität sieht häufig anders aus. Vielen älteren Menschen fehlt Geld für die einfachsten Dinge des Lebens. Sie leben in Armut und können sich kaum das Essen leisten, das täglich auf den Tisch kommen sollte. Geschweige denn den neuen Mantel im Winter. Die Wohnung ist klein und karg. Der Fernseher und das Radio ersetzen die bunte Welt hinter den schon ältlichen Vorhängen. Für die meisten Hobbys bleibt kein Geld. Und die Schwierigkeiten fangen erst richtig an, wenn Krankheiten ein normales Leben nicht mehr möglich machen und zudem hohe Kosten für Medikamente und Pflege anfallen.

          Ein Sechstel armutsgefährdet

          Dabei wird die Gefahr für Altersarmut oft unterschätzt - und das vor allem in jungen Jahren, wenn die Welt vielfach in Ordnung scheint und alles möglich ist. Doch anders als bei finanziellen Engpässen in der Jugend oder bei Menschen mittleren Alters sind die Chancen von Senioren nur noch sehr begrenzt, wenn es darum geht, ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Mehr als eine halbe Million Rentner sind hierzulande auf die Grundsicherung im Alter angewiesen - eine Sozialleistung, die es ihnen ermöglicht, das Existenzminimum zu erreichen. Je nach Wohnort ist sie unterschiedlich hoch.

          Nach Daten des Statistischen Bundesamtes waren im vergangenen Jahr 16,3 Prozent der Deutschen im Alter von 65 Jahren an armutsgefährdet. Als solches gelten Menschen, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der gesamten Bevölkerung auskommen müssen. Bei den Frauen traf dies im Jahr 2014 auf einen Anteil von 18,4 Prozent zu, bei den Männern waren es 14 Prozent.

          Dabei habe das Armutsrisiko und die Ungleichheit in der Einkommensverteilung hierzulande in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, hat die Bertelsmann Stiftung festgestellt. So habe der Anteil der Deutschen im Alter von 65 Jahren und mehr, die als armutsgefährdet gelten, im Jahr 2006 noch bei 10,4 Prozent gelegen. Im Jahr 2013 seien dies schon 14,3 Prozent der Bundesbürger gewesen. Nach Ansicht von Fachleuten dürfte dieser Anteil in den kommenden Jahren noch weiter wachsen.

          Viele Vorsorgemuffel

          Vor allem Frauen, Geringqualifizierte und Menschen mit Migrationshintergrund seien in Deutschland im Alter besonders armutsgefährdet, heißt es von der Bertelsmann Stiftung. Denn gerade für diese Gruppen seien unterbrochene Erwerbsbiographien, hohe Teilzeitarbeitsquoten und niedrige Löhne die Regel. Diese führten zu geringeren Renten und erhöhten das Risiko, im Alter auf finanzielle Unterstützung angewiesen zu sein. Auch der jüngste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung habe gezeigt, dass 14 bis 16 Prozent der Bundesbürger unverändert von Einkommensarmut bedroht seien.

          Dabei scheinen viele Deutsche wahre Vorsorgemuffel zu sein. Im Durchschnitt steckt jeder dritte Erwachsene im Alter von 18 bis 65 Jahren keinen einzigen Cent in die private Altersvorsorge. Dies hat eine repräsentative Umfrage der R+V-Versicherung ergeben. Demnach scheinen Männer noch etwas nachlässiger zu sein als Frauen. Mehr als ein Drittel von ihnen (34 Prozent) legt privat nichts für das Alter zurück. Doch auch bei den Frauen seien es „erschreckende“ 29 Prozent, heißt es von R+V.

          In der Umfrage dieser Versicherung wurde auch deutlich, wie weit Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Mehr als 80 Prozent der Befragten wollen sich demnach im Alter nicht einschränken und mindestens ebenso gut leben wie bisher, oder es sich sogar besser gehen lassen. Betrachtet man die Wünsche näher, werden weitere geschlechterspezifische Unterschiede deutlich: Während Frauen mehr Wert auf Genießen legen (rund 43 Prozent) als nur den Status quo zu erhalten (37 Prozent), ist es bei Männern umgekehrt. Fast der Hälfte der männlichen Befragten reicht es, so weiterzuleben wie bisher, nur ein gutes Drittel bezeichnet sich als spätere Genießer.

          Frauen stärker betroffen

          Doch der Wunsch nach einem schönen Lebensabend kollidiere ganz klar mit der fehlenden Altersvorsorgeplanung, heißt es von der R+V. Denn auch der Status quo müsse im Ruhestand finanziert werden. Doch gerade Frauen gerieten hier ohne zusätzliche private finanzielle Vorsorge häufig ins Hintertreffen. Denn mit Blick auf die gesetzliche Rente lägen Frauen in Deutschland nach wie vor weit zurück und bekämen im Durchschnitt gerade einmal gut die Hälfte der Rente der Männer.

          Nach dem jährlichen Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung erhielten Frauen zuletzt durchschnittlich gut 570 Euro im Monat, bei den Männern sind es fast 1000 Euro. „Hier machen sich Auszeiten zur Kindererziehung, zur Pflege von Angehörigen oder auch langjährige Teilzeitjobs direkt im Portemonnaie bemerkbar“, sagt Daniela Steinle, Vorsorgeexpertin der R+V. Auch die Direktbank Comdirect verweist darauf, dass das Risiko der Altersarmut bei Frauen besonders hoch sei. Daher sollten gerade sie darauf achten, sich früh mit den Themen Sparen und Altersvorsorge auseinanderzusetzen.

          Reicht das Geld nicht mehr, dann kommen oftmals Kredite ins Spiel. Ein mit Altersarmut verbundenes zusätzliches Problem ist denn auch die Überschuldung. Vor allem Senioren sind offenbar immer häufiger davon betroffen. In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Überschuldeten im Alter von 60 bis 69 Jahren um 12,4 Prozent gestiegen, bei den Älteren von 70 Jahren an sogar um mehr als 35 Prozent. Dies geht aus Daten der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervor. Immer mehr ältere Menschen gerieten in eine Schuldenfalle, heißt es dort.

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