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Altersvorsorge : Niemand denkt an die Kosten einer Garantie

Bis zum Rentenalter eingezahlt: Modellierung der Altersvorsorge einer 25 Jahre alten Krankenschwester Bild: F1online

Dass in der geförderten Altersvorsorge Sparern alle eingezahlten Beiträge zustehen, ist unumstritten. Doch was kostet das eigentlich?

          5 Min.

          Walter Riester ist mit sich im Reinen. „Ich würde sie heute wieder genauso machen“, sagte der ehemalige Bundessozialminister über die nach ihm benannte Riester-Rente vor zwei Jahren der F.A.Z. Schon als Gewerkschafter habe er etwa bei Tarifabschlüssen immer alles genau durchgerechnet. „Ich fand das immer ein gutes Instrument, um zu wissen, was eine Maßnahme kostet und einbringt“, betonte er kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Riester-Reformen bestanden daraus, Rentenleistungen zu senken, die betriebliche Altersvorsorge aufzuwerten und kapitalbildende Rentenprodukte staatlich zu fördern. Ziel war es, die Nachteile des gesetzlichen Umlageverfahrens bei einer absehbar schrumpfenden Bevölkerung auszugleichen. Ergänzend sollten Sparer am Produktivvermögen der Volkswirtschaft beteiligt werden. Um die geförderten Varianten der Rente anzunähern, wurde festgelegt, dass mindestens die eingezahlten Beiträge am Ende der Vertragslaufzeit wieder ausgezahlt werden müssen. In der betrieblichen Altersvorsorge und bei Riester-Verträgen wurde somit die Beitragsgarantie verpflichtend.

          Im damaligen Kapitalmarktumfeld erschien das wenig kostspielig. Doch 15 Jahre später herrscht der Niedrigzins. Um Garantien zu stellen, müssen Produktanbieter große Teile ihrer Geldanlage in festverzinsliche Papiere investieren. Statt ins Produktivvermögen wird das Geld der Sparer dadurch in die Staatsfinanzierung geleitet. Hat sich Riester verrechnet?

          „Wir hatten damals schon einen Namen aufgebaut“

          Karl Reichmuth bejaht diese Frage sofort. Der 76 Jahre alte Schweizer hat vor 20 Jahren seine eigene Privatbank gegründet. „Ich stamme aus Schwyz, dem freiheitsliebendsten Kanton. Das hat mich dazu geführt, darüber nachzudenken, wie man Geld in Eigenverantwortung anlegt“, sagt er. Zwei Dinge hinderten Sparer, eigenverantwortlich zu handeln: die Delegierung von Anlageentscheidungen an Verwalter wie Fonds oder Versicherungen und die Pflicht, Beiträge zu garantieren. „Im Markt ist es geradezu eine Idiotie, etwas zu versprechen“, sagt Reichmuth, denn der Ausgang sei unsicher.

          Reichmuth zog mit seiner Bank im Jahr 2000 eine Konsequenz: Mit einer privatrechtlichen Klausel zur Betriebsrente konnten Angestellte vereinbaren, bei einem Stellenwechsel nicht die gesamten Vorsorgebeiträge ausgezahlt zu bekommen. Sie verzichteten also freiwillig auf ihre Beitragsgarantie und erlaubten damit eine freiere Geldanlage. Dies blieb auch in den schweren Zeiten des Finanzmarkts nicht ohne Folgen: Im Jahr 2008 verlor das Vorsorgevermögen fast 20 Prozent seines Werts. Doch Reichmuth, der noch kurz vor der Finanzkrise ein Buch mit dem Titel „Entscheidung und Haftung gehören zusammen“ geschrieben hatte, war überrascht über seine Kunden. Sie hielten still, keiner klagte die Privatbank Reichmuth & Co. an.

          2007 fiel dann in der Schweiz die Beitragsgarantie. Seither können alle Wettbewerber Betriebspensionspläne ohne Garantie aufstellen. „Wir hatten damals schon einen Namen aufgebaut“, sagt Reichmuth. Seither ist das Anlagevolumen der Tochtergesellschaft Pensflex auf 3 Milliarden Franken gestiegen. Seit drei Jahren versucht er, das Modell auch in Deutschland auszurollen. Doch er scheitere an der Garantiegläubigkeit hierzulande. „Für mich war das ein Kulturschock. Ich dachte, wir könnten auch hier etwas Privatrechtliches machen, aber die Deutschen machen immer erst etwas, wenn es vom Staat abgesegnet ist.“

          Doch allmählich wächst das Bewusstsein, dass Garantien nicht kostenlos sind. Eine Reihe großer Versicherer hat sich in diesem Jahr von der Lebensversicherung mit jährlicher Zinsgarantie verabschiedet, um freier in der Kapitalanlage zu werden. Marktführer Allianz hat inzwischen 170.000 Verträge seines Produkts verkauft, das nur eine Beitragsgarantie beinhaltet. So ganz kommen Versicherer also nicht von den Garantien weg, denn für Kunden hört sich das Versprechen, mindestens die eingezahlten Beiträge wieder herauszubekommen, verlockend an. Neue Formen der Garantien suchen den Kompromiss aus dem sehr kostspieligen Garantiezins von derzeit bis zu 1,25 Prozent und der völlig freien Geldanlage und finden sie in der Beitragsgarantie.

          Nachteile einer Garantie kaum thematisiert

          „Momentan macht es die Garantie dem Berater leichter, die Vorsorge zu verkaufen“, sagt Frank Breiting, der bei der Deutsche-Bank-Tochtergesellschaft Deutsche Asset & Wealth Management den Bereich geförderte Vorsorgeprodukte leitet. „Der Kunde wird sagen: lieber mit Garantie. Aber er versteht nicht, dass er mit der Entscheidung mal eben 100.000 Euro abschreibt.“ Verbraucherschützer heben aus seiner Sicht zu stark auf die Gebühren ab, wenn sie Kunden beraten.

          Die Nachteile einer Garantie würden dagegen kaum thematisiert. Zumindest aus der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg aber sind zu diesem Thema durchaus kritische Anmerkungen zu hören. Dennoch sei die Wirkung dieser Argumente nicht breit genug, findet Breiting. Deshalb hat er mit dem Finanzprofessor Olaf Stotz von der privaten Frankfurt School of Finance & Management kooperiert. Stotz hat eine Studie ausgearbeitet, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt. Darin hat er erstmals einen Garantiekostenindex erstellt, der aufzeigt, wie viel Geld einem Anleger in einem Garantieprodukt gegenüber einer reinen Aktienanlage entgeht. Um den Vergleichswert dieser Anlage zu beziffern, hat Stotz Tausende mögliche Kapitalmarktentwicklungen simuliert.

          Bild: F.A.Z.

          „Als Riester eingeführt wurde, war die Welt noch eine ganz andere“, betont der Kapitalmarktforscher. Seither hat sich der Aufwand für eine Garantie vervielfacht. „Ich war selbst überrascht, um wie viel sich die Kosten erhöht haben.“ Der Mechanismus ist einfach: Liegt der Marktzins bei 5 Prozent, muss nur ein kleiner Teil des Vorsorgevermögens in festverzinsliche Anlagen gehen, durch den allein die Garantie zum Auszahlungszeitpunkt erfüllt werden kann. Je niedriger der Zins fällt, desto höher wird zwangsläufig der Anteil der festverzinslichen Papiere. „Wenn eine Anleihe nur 1 Prozent Verzinsung bietet, braucht man von 100 Euro schon 80 Euro, um die Garantie zu stellen. Früher brauchte man nur 20 Euro“, sagt Stotz. Es geschieht das scheinbar Paradoxe: Je unattraktiver die Festzinsanlage wird, desto mehr muss durch die gesetzliche Vorgabe in sie hineinfließen.

          Warum dominieren Versicherer den Markt?

          Für seine Studie hat Stotz den Fall einer 25 Jahre alten Krankenschwester modelliert, die monatlich 50 Euro in die Altersvorsorge steckt. Bis zum Rentenalter von 67 Jahren wird sie 25.200 Euro eingezahlt haben. Im Kapitalmarktumfeld des Jahres 2000, als die Riester-Rente diskutiert wurde, hätte sie im Durchschnitt aller Szenarien bei einem höheren Verlustrisiko durch eine Aktienanlage 20.000 Euro mehr Auszahlung erwarten können als durch das Garantieprodukt. Durch den seither sinkenden Zins wuchs dieser Abstand auf gut 140.000 Euro. Die Entwicklung dieser Differenz bezeichnet Stotz als Garantiekostenindex.

          „Die Garantie führt dazu, dass Anlagemodelle keine Rendite aufbauen können, die dann das Geld arbeiten lassen“, sagt auch Thomas Haßlöcher, der mit seiner Plattform Netvisory verschiedenen Anbietern ermöglicht, bei Arbeitgebern Konzepte ohne Garantie aufzubauen. Noch nutze der Mittelstand solche Konzepte kaum – anders als große Konzerne, die überwiegend auf Beitragsgarantien in der betrieblichen Altersvorsorge verzichten.

          Eine der führenden Beratungsgesellschaften für solche Konzepte ist Towers Watson. „Seit 2006 haben Großunternehmen ihre Betriebspensionen bei Neugestaltungen nahezu ausschließlich kapitalmarktorientiert ausgerichtet“, berichtet deren Pensionsfachmann Thomas Jasper. Bei kleineren Unternehmen stünden dagegen Versicherungslösungen im Vordergrund. Allmählich setze sich die Sicht durch, dass mehr Spielraum bestehe, wenn keine zu hohe Garantie ausgesprochen wird. Warum dennoch Versicherer den Markt dominieren? „Mit der betrieblichen Altersvorsorge ist viel Verwaltung verbunden. Vielen kleineren und mittleren Arbeitgebern erscheint die Versicherung als die effizienteste Variante, denn mit dem Beitrag sind alle Kosten abgegolten“, sagt Jasper.

          Die gesetzliche Pflicht zu Garantien hat Versicherern einen Vorsprung in der Altersvorsorge verschafft, den sie so schnell nicht aufgeben wollen. Doch immer mehr zeigt sich, dass in den Garantien ein eigenes Risiko schlummert, das der Gesetzgeber zum Zeitpunkt der Riester-Reformen noch nicht gesehen hat. Ob sich aber das Ziel erreichen lässt, die Rückgänge der gesetzlichen Rente durch Produkte zu kompensieren, in die sich der Niedrigzins immer stärker hineinfrisst, erscheint zunehmend fraglich.

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