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Altersvorsorge : Wie viel Geld brauche ich im Alter?

Eine ganz schöne Puzzelei, diese Altersvorsorge. Bild: Getty

Ob Rente, Riester und betriebliche Vorsorge reichen, weiß keiner so genau. Altersvorsorge im Blindflug, nennt dies Verbraucherschützerin Mohn. Sie rät zu sanftem Zwang, um zu höheren Renten zu kommen.

          Rentendiskussionen verlaufen meistens scheinheilig. Mit Verweis auf die vielen kleinen Renten wird der Teufel der Altersarmut an die Wand gemalt. Deswegen müssten dringend die Renten älterer Frauen weiter erhöht und auch sonst kleinere Renten aufgebessert und am besten generell noch mehr Geld ins Umlagesystem gepumpt werden, fordern derzeit wieder Politiker vor allem von CDU, CSU und SPD. Die Forderungen sind so pauschal, wie sie falsch sind.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          „Ein Manko unserer Rentenpolitik ist der fehlende Blick auf die einzelwirtschaftliche Ebene“, sagt Dorothea Mohn, in der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) für das Thema Finanzmarkt zuständig. „Ob der Einzelne auf eine auskömmliche Gesamtversorgung zusteuert, bleibt völlig unklar.“ So muss der Bezieher einer niedrigen gesetzlichen Rente nicht kurz vor der Altersarmut stehen, sondern kann aufgrund seiner Erwerbsbiographie und seiner Familiensituation durch Vermögen oder Einkünfte des Partners bestens versorgt sein.

          Altersvorsorge im Blindflug

          Doch dazu gibt es keine vernünftig aufbereiteten Daten. Zwar existieren Zahlen zu Riester-Verträgen und betrieblicher Altersvorsorge. Ein umfassendes Bild, wie gut der Einzelne für das Alter abgesichert ist und damit eine valide Grundlage für eine Diskussion um die Altersvorsorge, gibt es aber nicht. „Derzeit erfolgt die Altersvorsorge im Blindflug, und keiner weiß, ob es reicht“, sagt Mohn. „Es gab die politische Entscheidung, mit der Riester-Rente die gesetzliche Rente teilweise zu privatisieren. Allerdings erzeugt der Vertrieb kaum bedarfsgerechte Riester-Empfehlungen. Die empfohlenen Produkte sind häufig zu teuer, vielfach passt die Produktform nicht. Zudem ist die Verbreitung deutlich geringer als vom Gesetzgeber anvisiert und erforderlich.“

          Die Verbraucherschützerin hat dabei im Gespräch mit der F.A.Z. Christine Bortenlänger, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts, an ihrer Seite. Überraschend ist dabei nicht nur die deckungsgleiche Analyse von Verbraucherschützerin und Kapitalmarktvertreterin, sondern auch dieselbe Empfehlung an die Politik: Weg mit den verpflichtenden Garantien in der Riester-Rente und in der betrieblichen Altersvorsorge. „Wir brauchen nicht überall Garantien, denn damit werden auch zu viele Chancen weggarantiert, und das ist in der Altersvorsorge so unglaublich teuer“, sagt Bortenlänger.

          Ein gut diversifiziertes Portfolio mit deutschen Aktien habe nach 20 Jahren eine Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent für den Beitragserhalt. Müsse dieser jedoch garantiert werden, zwinge dies die Anbieter zu einer risikoärmeren Geldanlage. Im Ergebnis führe das Aktienportfolio, so die Berechnungen der Frankfurt School of Finance and Management, nach 42 Jahren mit 100 Euro monatlicher Einzahlung zu einem angesparten Vermögen von 509.000 Euro.

          Mit Garantien, die eingezahlten Beiträge von 50.400 Euro in dieser Zeit nach 42 Jahren auch wirklich sicher zu haben, seien es dagegen nur 224.000 Euro. „Es ist daher geradezu eine Frechheit, wenn behauptet wird, die Garantien seien zum Schutz des Sparers. Dabei wird nur sein Unwissen und eine diffuse Verlustangst ausgenutzt“, sagt Bortenlänger.

          „Der Wegfall der Garantien wirkt zunächst wie eine bittere Pille, sie ist aber notwendig, geschluckt zu werden, es geht nicht anders“, sagt Verbraucherschützerin Mohn. Der Diskurs darüber sei nicht leicht. „Ich stoße damit im politischen Raum mittlerweile zwar auch auf Verständnis, meistens aber auf höchste Skepsis: Altersvorsorge, die muss doch sicher sein, das muss doch alles garantiert sein.“

          Doch Mohn will Zahlen sprechen lassen. „Die Kosten der Garantien müssen auf den Tisch. Und daneben gilt es, die Frage zu stellen, was denn ein Beitragserhalt nach 40 Jahren inflationsbereinigt noch wert ist? Das ist nicht viel.“ Zudem hat sich das Problem durch die Niedrigzinsphase noch verschärft. Die für die Kapitalgarantie nötige sichere Geldanlage weist oft nur noch Renditen nahe null auf. Der gerade in der auf viele Jahre angelegten Altersvorsorge so wichtige Zinseszinseffekt geht damit fast verloren.

          Wegbereitung zu Altersvorsorgeprodukten eine sozialpolitische Aufgabe

          Mohn hält es zudem für eine sozialpolitische Aufgabe, den Verbrauchern den Weg in günstigere und bessere Altersvorsorgeprodukte zu weisen. „Gerade das so wichtige Thema der Altersvorsorge den Finanzvertrieben zu überlassen, halte ich für grenzwertig, und es funktioniert offenkundig weder in der betrieblichen Altersvorsorge noch bei Riester zufriedenstellend.“ Sie plädiert für ein staatlich organisiertes, provisionsfreies, kostengünstig verwaltetes Finanzprodukt, in das Verbraucher mit einem kleinen Schubs befördert werden müssten. „Konsumverzicht und Produktauswahl sind nicht sexy, das macht keiner gerne freiwillig.“

          Bortenlänger hält einen sanften Zwang zu mehr privater Altersvorsorge ebenfalls für nötig. „Wenn vom Arbeitgeber automatisch ein Beitrag zur Altersvorsorge geleistet wird oder vom Gehalt im Rahmen der Entgeltumwandlung abgezogen wird, es also gar nicht erst auf das Konto kommt, tut es psychologisch nicht so weh.“ Verbraucher sollten aber die Möglichkeit haben, sich dagegen zu entscheiden, also eine Opt-out-Klausel haben. „Ich kann mir sehr gut ein Terrassenmodell in der Altersvorsorge vorstellen, mit der gesetzlichen Rente als Basis und der privaten, renditestärkeren Rente als zweiter Stufe“, sagt Bortenlänger.

          In der Pyramide weiter oben wären dann Stufen, für die mehr Eigeninitiative nötig ist wie etwa ein eigenes, staatlich gefördertes Altersvorsorgekonto. Die Chefin des Aktieninstituts hält jedoch nichts von einer staatlichen Zwangsbeglückung. „Es könnte ein staatliches Angebot geben, daneben sollte aber auch Konkurrenz von privaten Anbietern möglich sein“, sagt Bortenlänger. „Da könnten wir uns treffen“, sagt Mohn. „Eine staatliche Voreinstellung, aus der die Anleger aber rausoptieren können.“

          Mohn und Bortenlänger wollen keinen großen deutschen Staatsfond

          Mohn und Bortenlänger plädieren aber nicht dafür, dass das Geld vom Staat selbst verwaltet wird, wollen also keinen großen deutschen Staatsfonds. „Die konkreten Entscheidungen, welche Aktien und Anleihen in diesem breit gestreuten, eher passiv verwalteten Fonds liegen, sollten natürlich Kapitalmarktexperten treffen und nicht Herr Schäuble“, sagt Mohn. Die darüber von der schwarz-grünen Landesregierung in Hessen unter dem Stichwort „Deutschland-Rente“ angestoßene Diskussion stehe aber noch am Anfang.

          Als Blaupause wird oft das schwedische Altersvorsorgesystem genannt. „In Deutschland entspricht die privat für das Alter zurückgelegte Summe nur 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Schweden sind es mittlerweile rund 40 Prozent und in Ländern mit größerer Nähe zum Kapitalmarkt wie den Vereinigten Staaten, Großbritannien oder der Schweiz sind es mehr als 100 Prozent“, sagt Bortenlänger.

          Umstrittene Provisionsberatung

          Mohn plädiert zudem weiterhin für das Verbot des provisionsgetriebenen Finanzvertriebs in Deutschland. „Solange wir uns das leisten, werden wir schlechte Verbraucherfinanzen haben.“ Die Abkehr von diesem System, bei dem die Banken in erster Linie vom Verkauf besonders teurer und nicht vom Verkauf besonders guter Finanzprodukte leben, könnte auch die Regulierung im Bereich der Verbraucherfinanzen reduzieren. „Dann müssten wir nicht mehr die Interessenkonflikte zwischen Produktverkäufer und Anleger managen, viel besser, wir hätten die Interessenkonflikte beseitigt“, sagt Mohn.

          Bortenlänger plädiert hingegen für den Fortbestand der Wahlmöglichkeit zwischen provisionsorientierter Beratung, bei der dem Verkäufer in der Bank vom Produktanbieter eine Provision für den Produktverkauf gezahlt wird, und der Beratung, für die sich das Honorar des Beraters nach Leistung und Zeitaufwand richtet. „Die Beratung muss aber wieder einfacher werden“, sagt Bortenlänger. „Das Unterschreiben dicker Papierstapel hat die Beratung nicht verbessert, sondern viel Beratung verhindert.“

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