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Altersvorsorge : Der Österreicher hat’s gern staatlich

Die Hofburg in Wien Bild: Reuters

In keinem anderen westlichen Land ist die private Altersvorsorge weniger beliebt als in Österreich. Man traut den Kapitalmärkten nicht.

          4 Min.

          Österreich blickt neidvoll auf Deutschland, auch in der gegenwärtigen Debatte zum Staatshaushalt. Der Budgetplan der Wiener Regierung sieht für 2016 ein Minus von 5,1 Milliarden Euro vor. Mit rund 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist der Fehlbetrag geringer als im Vorjahr, aber noch recht weit entfernt von der „schwarzen Null“ beim großen Nachbarn. Dabei könnte Wien aus dem Stand heraus einen Überschuss erzielen, wenn es das Rentensystem in den Griff bekäme. Jedes Jahr muss der Staat die Pensionskassen mit 10 Milliarden Euro alimentieren.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Das liegt an vielen Konstruktionsfehlern. Die Regierung hat begonnen, einige von ihnen zu beheben, etwa dass Männer bisher schon mit 60 Jahren und Frauen mit 55 Jahren abschlagsfrei in Frühpension gehen konnten. Dennoch bleibt das System hochdefizitär und alles andere als zukunftsfest. Das tatsächliche Renteneintrittsalter ist nach wie vor geringer als 60 Jahre.

          Der gerade veröffentlichte Melbourne Mercer Global Pension Index, der die Rentensysteme von 25 Ländern vergleicht, stellt für 2015 sogar eine leichte Verschlechterung fest, Österreich rangiert jetzt nur noch auf Platz 18. Ganz oben stehen Dänemark und die Niederlande, Deutschland erreicht Rang 12. Der Index setzt sich aus vielen Unterpunkten zusammen, besonders schlecht schneidet Österreich bei der Nachhaltigkeit ab. Nur für Italien sind die Aussichten im Rentensystem noch düsterer.

          Die Empfehlungen des Berichts decken sich mit denen anderer Fachleute: Ältere Menschen sollten länger arbeiten, die betriebliche und die private Vorsorge müssten gestärkt werden. Zwar gibt es auch in Österreich ein Drei-Säulen-Modell, aber zu mehr als 95 Prozent dominiert das staatliche Umlageverfahren.

          Der private Teil ist winzig

          Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD hat errechnet, dass unter ihren Mitgliedern nur Portugal, Griechenland und Italien einen höheren Anteil öffentlichen Geldes in die Pensionen stecken als Österreich. Im Verhältnis zum BIP wendeten nur Belgien, Slowenien und Luxemburg mehr auf, kritisiert die OECD – und so werde es auch 2050 noch sein.

          Hingegen ist der private Teil winzig. Der OECD zufolge beziehen die Österreicher lediglich 3,5 Prozent ihrer Altersbezüge aus kapitalgedeckten Angeboten. Das ist der niedrigste Wert unter den westlichen Staaten. Deutschland liegt mit 17 Prozent im OECD-Durchschnitt. „Warum dieser Anteil in Österreich so niedrig ist, folgt einem erklärten politischen Willen“, sagt Michael Christl, der Rentenfachmann der Denkfabrik Agenda Austria in Wien. „Die Regierungsparteien – allen voran die Sozialdemokraten – trauen den Kapitalmärkten nicht.“

          Aus vielen Gründen erscheint es sinnvoll, dass die Österreicher für ihren Lebensabend mehr privat zurücklegen: um das Risiko zu streuen, um von den Kapitalrenditen zu profitieren, um der Altersarmut vorzubeugen. Wer allein auf das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz AGSV angewiesen ist, erhält heute eine Bruttorente von kaum 1200 Euro im Monat. Das ist nicht einmal die Hälfte des Durchschnittseinkommens aus unselbständiger Arbeit.

          „Vermögen von über 7 Milliarden Euro“

          Um die Bevölkerung zu ermuntern, stärker vorzusorgen, hat Österreich 2003 eine Art Riester-Rente eingeführt. Das staatlich geförderte private System heißt Prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge (PZV). Anders als Riester steht es jedem offen – Arbeitnehmern, Unternehmern, Freiberuflern, Landwirten, Studenten, Hausfrauen. Der Zuschuss orientiert sich an den geförderten Zinsen der Bausparkassen, die zwischen 1,5 und 4 Prozent betragen. Hinzu kommen 2,75 Prozent Rentenprämie, so dass die Staatshilfe maximal 6,75 Prozent beträgt. In Niedrigzinsperioden wie derzeit sind es 4,25 Prozent.

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