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Allianz hebt sich ab : Markt für Lebensversicherungen wird immer enger

Größe bringt Vorteile: Markus Faulhaber vom Marktführer Allianz. Bild: Verena Müller

Die Allianz verfügt über genügend Mitarbeiter als Ressourcen, um sich am Markt zu behaupten. So kann sie sich von anderen Wettbewerbern abheben, denn viele können sich renditereiche Kapitalanlagen nicht leisten.

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          Die niedrigen Zinsen und die neuen Kapitalregeln führen zu einer immer stärkeren Konzentration im Markt für Lebensversicherungen. Mit einem Marktanteil von 24,2 Prozent im Neugeschäft im zweiten Quartal hat die Allianz die eigene Position abermals verbessert. Noch im Jahr 2012 hatte dieser Anteil bei 17,4 Prozent gelegen. Zusammen mit der Wiesbadener R+V Versicherung, die ebenfalls seit Jahren stark wächst, erhielt die Allianz Leben somit fast die Hälfte des Neugeschäfts im deutschen Markt. „Das ist Wettbewerb“, sagte Markus Faulhaber, Vorstandsvorsitzender der Allianz Leben, am Mittwoch in Frankfurt. „Wir versuchen unsere Stärken auf die Straße zu bringen.“ Wachstum sei das beste Kostenmanagement; wenn man stärker wachse als die eigenen Kosten, werde man noch wettbewerbsfähiger.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das ist ein Ergebnis der starken Herausforderungen im Markt. Durch den Niedrigzins fallen immer mehr der traditionellen Geldanlagen der Versicherer weg. Gleichzeitig zwingen ihre hohen Garantien die Anbieter zu festverzinslichen Anlagen. Wie eine Analyse des unabhängigen Analysten Carsten Zielke zeigt, haben von 84 untersuchten Unternehmen 9 eine Solvenzquote von weniger als 100, darunter große Marktteilnehmer wie die HDI Leben. Das bedeutet, dass sie ohne die von der Aufsicht gewährten Übergangsmaßnahmen zu wenig Eigenmittel hätten, um das Geschäft zu betreiben. Marktführer Allianz ist mit 307 Prozent der erforderlichen Mittel gut ausgestattet, ebenso ihr größter Rivale R+V mit 476 Prozent. Große Wettbewerber wie die Ergo mit 113 Prozent und die Debeka mit 108 Prozent liegen nur knapp über der notwendigen Grenze.

          „Das fördert Anbieter, die breiter aufgestellt sind“

          „Man sieht eine Spreizung von denen, die sich Diversifizierung leisten können, und denen, die es nicht können“, sagt Analyst Zielke. Es sei ein Irrglaube gewesen, dass die neuen Kapitalregeln Solvency II, die seit 2016 gelten, die Branche immer mehr in festverzinsliche Papiere treibe. Vielmehr zeigten sich positive Effekte durch die Diversifizierung der Kapitalanlage. Große Versicherer können sich zum Beispiel leisten, renditeträchtige Geldanlagen im Immobiliensegment oder in der Infrastruktur zu finden und zu entwickeln. „Wer dachte, Solvency II dränge alle aus Kapitalmarktrisiken heraus, sieht sich getäuscht. Diversifizierung wirkt erheblich“, sagt Zielke. Und das gelte nicht nur für die Kapitalanlage, sondern auch für das eigene Produktangebot. „Auch hier entsteht ein Diversifikationseffekt. Das fördert Anbieter, die breiter aufgestellt sind“, sagt Zielke.

          Dass Versicherer für ihre Diversifizierung belohnt werden, kommt natürlich vor allem großen Anbietern wie der Allianz entgegen. Denn sie hat genügend Mitarbeiter, um verschiedene Produktkonzepte zu entwickeln und die Geldanlage zu professionalisieren. Hinzu kommt, dass der Konzern auch genügend Ressourcen hat, um Antworten auf die Digitalisierung zu finden. „Für uns ist Digitalisierung nicht eine Technologie, sondern eine Strategie“, sagt Faulhaber. „Das geht tief ins Geschäftsmodell hinein.“ Künftige Produkte müssten einfacher, transparenter und flexibler sein, das verlangten die Kunden.

          Ein neues Altersvorsorgeprodukt

          Doch auch etwas teurer können sie sein. Ein neues Altersvorsorgeprodukt, das die Allianz am Mittwoch in Frankfurt vorstellte und das sich an jüngere Kunden richtet, lässt diese von der hohen Diversifikation der Kapitalanlagen profitieren, beinhaltet aber gleichzeitig auch eine Beitragsgarantie. All das mindert die Beitragsrendite durch die Kostenbelastung um 1,2 Prozentpunkte (für klassische Lebensversicherungen kommen gute Anbieter auf 0,7 bis 0,8 Punkte). Das könnten erste Anzeichen sein, wohin die Konzentration des Marktes führt. Zwar hat die Allianz die niedrigsten Verwaltungskosten und unterdurchschnittlich hohe Abschlusskosten, aber sie lässt sich die höhere Produktvielfalt auch etwas kosten. Und so ganz unprofitabel kann auch die ins Hintertreffen geratene klassische Lebensversicherung nicht sein. Die R+V, anders als die Allianz nicht an der Börse notiert, verkauft sie weiterhin im Neugeschäft, wo sie zuletzt noch immer einen Anteil von mehr als der Hälfte aller abgeschlossenen Policen hatte.

          „Skaleneffekte“ – diesen Begriff verwenden Allianz-Verantwortliche häufig. Er beschreibt, welche Größenvorteile der Versicherer in der Geldanlage ausspielen kann. Nach der Finanzkrise ab 2008 habe er strukturell in Anlageklassen investiert, die diese aufgegeben hätten, etwa Gewerbeimmobilien oder Mittelstandsfinanzierung. Staatsanleihen und Pfandbriefe spielen in der Neuanlage keine Rolle mehr. Der Aktienanteil von zuletzt 10 Prozent soll in mittlerer Frist auf 13 bis 18 Prozent steigen. Die alternativen Investitionen (Energienetze, Immobilien, Private Equity) umfassen inzwischen 60 Milliarden Euro und sollen auf Dauer ein Drittel der Anlage ausmachen.

          Finnische Gasnetze, Studentenwohnheime in Sydney und London und spanische Gasnetze waren die jüngsten Akquisitionen. Die Hälfte der Kapitalanlage sollen Unternehmensanleihen und Staatsanleihen von Schwellenländern sein. Die eigenen Stärken stellt der Marktführer gern aus. Doch bei seinem Solvenzbericht sieht Analyst Zielke noch Nachbesserungsbedarf. „Die Berichterstattung ist verbesserungswürdig“, heißt es in seiner Analyse.

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