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Die Vermögensfrage : Wozu noch eine Kapitalversicherung?

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Müßiges Pärchen, keine Sorgen: Ältere Menschen sind weniger betroffen vom Niedrigzins als jüngere. Bild: F1online

Wo gibt es eine Altersversorgung, die auch nach drei Jahrzehnten nicht einmal die Einzahlungen garantieren kann? Bei den Lebensversicherern. Ihre Kapitalversicherungen werden immer unrentabler. Selbst Ratensparverträge sind oft attraktiver.

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          Der Rückzug ist diskret und findet so gar keinen Niederschlag im Mediengetöse der Konzerne: Die ersten Lebensversicherer haben sich seit Jahresanfang vom Geschäft mit Riester-Verträgen verabschiedet. Sie haben offenbar Schwierigkeiten, wie vom Gesetzgeber gefordert ihren Kunden zu Rentenbeginn wenigstens die eingezahlten Beiträge zu garantieren.

          Die Wolken über den Riester-Verträgen lassen für die traditionellen Verträge der Lebensversicherer, die Kapitalversicherungen mit Monatsprämien und einer Versicherungssumme bei Tod oder Vertragsende, Unwetter erwarten. Hier fragt kein Gesetzgeber nach dem Erhalt der Beiträge, hier ist aber der Wertverlust wegen des eingebauten Todesfallschutzes höher als bei den Riester-Verträgen.

          „Bei den Kapitalversicherungen ist es häufig aussichtslos, mit dem Garantiezins die Beiträge zu erreichen“, stellt lakonisch ein Versicherer fest und verweist auf die für Anleger inzwischen fatale Mischung aus hohen Kosten, einem teuren Todesfallschutz und den niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt.

          Es gibt Alternativen

          Tatsächlich gehen je nach Vertragslaufzeit und Versicherer von 100 Euro Beitrag zwischen 10 und 30 Euro für die Kosten und den Versicherungsschutz drauf. Monat für Monat, Jahr für Jahr. Nur der Rest wird angelegt und trägt Zinsen. Doch wo einst hohe Zinsen dafür sorgten, dass die Löcher nach einigen Jahren gestopft wurden, die Provisionen, laufende Kosten und Todesfallschutz rissen, verlieren die Anleger heute Geld. Besonders getroffen werden Anleger, die sich bei Gesellschaften mit hohen Kosten versichern.

          Deshalb sind inzwischen andere Formen der Altersvorsorge interessanter: Für kurze Vertragszeiten, zum Beispiel 12 Jahre, gibt es Ratensparverträge, bei denen jeder Euro gespart und mit drei Prozent verzinst wird, für längere Dauern gibt es Sparpläne für die preiswerten börsengehandelten Indexfonds. Beide Anlageformen können bei Bedarf um Risikoversicherungen ergänzt werden.

          Niedrige Zinsen lassen das Lachen vergehen

          Lebensversicherer sind traditionell stolz auf ihre Renditen. Und den sogenannten Garantiezins, den Zins, den sie dem Anleger fest versprechen, haben sie über Jahrzehnte nur milde belächelt. Irrelevant! Tatsächlich sorgten hohe Überschüsse regelmäßig für eine laufende Verzinsung deutlich über dem Garantiezins. Doch die alten Erfolge sind der Schnee von gestern.

          Problem Nummer eins: Die ausgeschütteten Zinsen sind seit 2004 um 1,1 Prozentpunkte gesunken. Zunächst langsam, seit 2010 jedoch zügiger um rund 0,2 Prozentpunkte im Jahr. Tendenz fallend. Und solange die Lebensversicherer, die rund 800 Milliarden Euro verwalten und jährlich dreistellige Milliardenbeträge anzulegen haben, mit den Minizinsen auf den Kapitalmärkten leben müssen, wird sich an dieser Tendenz nichts ändern: Hochverzinsliche Kapitalanlagen laufen aus, niedrigverzinsliche Anlagen kommen in die Bücher, die laufende Verzinsung sinkt weiter.

          Der Garantiezins ist relevant!

          Fragt man den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), wie lange denn der Genosse Trend brauchen werde, um sich nach einer Zinswende zu verabschieden, bekommt man als Antwort nur vages PR-Deutsch: Der Wettbewerb sorge schon dafür, dass auch in Zeiten „unterdurchschnittlicher Kapitalmarkterträge“ die Gesamtverzinsung für die Versicherten „relativ stabil“ bleibe, und so weiter.

          „Relativ stabil“? Tatsächlich senken die Gesellschaften für 2015 wieder auf breiter Front ihre laufenden Überschusssätze. Analysten haben bereits ein durchschnittliches Minus von 0,23 Prozentpunkten ermittelt. Die ersten Gesellschaften rutschten dabei deutlich unter die branchenintern als kritisch angesehene Drei-Prozent-Marke. Der HDI und die Viktoria Leben sogar auf 2,50 Prozent. Das ist viel weniger, als in den Verträgen der neunziger Jahre garantiert worden war. Garantiezins? Von wegen irrelevant!

          Wie viel bleibt von 100 Euro übrig?

          Problem Nummer zwei: der Zinsträger. „Wenn man 100 Euro monatlich in eine Kapitalversicherung einzahlt, bleiben nach Abzug von Abschlusskosten, Verwaltungskosten und dem Risikoanteil nur 45 Euro als Sparanteil übrig“, erklärte Bianca Boss vom Bund der Versicherten (BdV) 2013 in einem ARD-Beitrag.

          Falsch, konterte der GDV in einem „Faktencheck“: „Bei einer Kapitallebensversicherung mit einem Monatsbeitrag von 100 Euro beträgt der Sparanteil über eine Laufzeit von 30 Jahren durchschnittlich 86,5 Prozent und nicht, wie vom BdV behauptet, 45 Prozent.“ Wie das bei kürzeren Laufzeiten aussieht, möchte der GDV aber auch nach wiederholtem Fragen nicht verraten.

          Es kommt wohl mal wieder darauf an: auf die Laufzeit der Verträge, auf den Versicherer, seinen Vertrieb und seine Kosten und auf die Beitragshöhe. Kurze Laufzeiten, kleine Beiträge und ein teurer Außendienst ramponieren den Sparbeitrag. Verzinslich angelegt wird dann nur noch wenig, und am Ende bekommt der Sparer als garantierte Altersversorgung nicht einmal sein Geld zurück.

          Ein Banksparplan wirft höhere Rendite ab

          Ein aktuelles Beispiel mit 100 Euro Monatsbeitrag und dem Endalter 67 verdeutlicht das Elend: Bei einem teuren Anbieter, einem Versicherer mit Außendienst, erreicht das garantierte Guthaben erst nach 38 Jahren die Summe der Beiträge. Bei kleineren Beiträgen noch später, faktisch also nie. Die HUK-Coburg Lebensversicherung, ein kostengünstiger Anbieter, schafft es 16 Jahre früher.

          Die Versicherer zeigen ihren Kunden in Beispielrechnungen neben den garantierten Leistungen stets auch Zinsen, die gezahlt würden, blieben die Überschusssätze auf dem aktuellen Niveau. Doch diese Zahlen sind unverbindlich, und der Trend spricht gegen sie.

          Es gibt Alternativen: Wo die Versicherer auch nach 12 Jahren nicht einmal die Beiträge garantieren, bleibt bei einem Banksparplan von Anfang an jeder Euro stehen. Und er trägt Zinsen. Die Stiftung Warentest hat im Dezember 2014 nach den Sparplänen gesucht und Renditen zwischen 2,5 und „mehr als drei Prozent“ gefunden.

          Zugegeben, die „konkurrenzlosen“ 3,125 Prozent Zinsen für einen Zehn-Jahres-Sparplan fand die Stiftung bei der österreichischen Tochtergesellschaft der russischen DenizBank. Doch diese unterläge, so die Stiftung, „der vertrauenswürdigen österreichischen Einlagensicherung“. 100.000 Euro ließen sich „bedenkenlos anlegen“. Ende Januar hatte die Bank dem sinkenden Kapitalmarktzins etwas Tribut gezollt, der „Deniz-Sparplan“ bot aber auch nach dem EZB-Böller für zehnjährige Sparverträge immer noch eine Verzinsung von 3 Prozent.

          Anleger können es sich auf der Website der Bank ausrechnen: Selbst nach Abzug der Quellensteuer von 990,34 Euro werden hier aus 200 Euro monatlich nach zehn Jahren 26971,01 Euro. Zu diesem Zeitpunkt dümpelt fast jede vergleichbare Kapitalversicherung mit allen garantierten und nicht garantierten Zinsen noch unter 24000 Euro.

          ETF ist rentabler

          Und der Versicherungsschutz, der Standardeinwand aller Versicherungsvertreter? Der lässt sich bequem einrichten, wenn es denn sein muss: 27.000 Euro Versicherungssumme kosten bei der Europa Versicherung, einem kostengünstigen Direktversicherer, für einen 40 Jahre alten Nichtraucher 2,27 Euro im Monat. Wird der Rest zu 200,00 Euro, also 197,73 Euro, monatlich in den Sparplan investiert, ergeben sich nach zehn Jahren und Abzug der Quellensteuer immer noch 26566,45 Euro. Wozu noch eine Kapitalversicherung?

          Die Frage stellt sich auch bei den langfristigen Verträgen mit den Laufzeiten zwischen 20 und 40 Jahren, denn auch hier gibt es mit Sparplänen auf börsengehandelte Indexfonds (ETF) kostengünstigere Möglichkeiten. Es gibt sie in vielen Risikovarianten, als Rentenfonds oder als Aktienfonds mit unterschiedlichem Zuschnitt vom Weltindex bis zu Länderfonds. Das Angebot ist besonders bei Direktbanken breit, wobei die laufenden Kosten und die Ausgabeaufschläge unter einem Prozent der Beiträge gehalten werden können.

          Zum Vergleich: Die laufenden Kosten der Lebensversicherer lagen 2013 nach Angabe der Finanzaufsicht Bafin im Schnitt bei 2,3 Prozent. Die Direktbanken verlangen für diese Sparpläne eine Provision um 1,75 Prozent der Rate, bei den Versicherern belaufen sich die durchschnittlichen Abschlusskosten auf 8,5 Prozent der Beiträge.

          Gute Anlage: Der Dax

          Und die Rendite? Selbst der GDV räumt ein, dass „Anleger, die regelmäßig und über einen langen Zeitraum am Aktienmarkt investiert haben, mit einiger Wahrscheinlichkeit eine überdurchschnittliche Rendite erzielen“. Das Deutsche Aktieninstitut, ein Verein, dessen Daseinszweck die Förderung der Aktie ist und dem auch einige Versicherer angehören, ist da präziser: Wer seit 1965, egal wann beginnend, 20 Jahre lang in Dax-Werte investierte, kam mindestens auf eine Durchschnittsrendite von 6 Prozent pro Jahr, bei 30 Jahren waren es in der Regel 9 Prozent und nur einmal als Minimum 7 Prozent. Diese Rendite gab es auf rund 97 Prozent des Kapitaleinsatzes und nicht nur auf 86,5 Prozent oder noch weniger.

          „Bei größerem finanziellen Spielraum können Aktien, Anleihen und Fonds eine sinnvolle Ergänzung sein“, stellt der GDV in einem Papier zur erfolgreichen Altersvorsorge fest. Andersherum wäre es besser: Eine Risikolebensversicherung könnte eine sinnvolle Ergänzung zu einem ETF-Sparplan sein.

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