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Altersvorsorge : Versicherungskunden leiden nicht unter der Baisse

Klassische Lebensversicherungen mit Garantie sind in Zeiten ultraniedriger Zinsen und angesichts strengerer Aufsichtsregeln kaum mehr wirtschaftlich. Bild: dpa

Indexpolicen haben im vergangenen Jahr 2018 ihre Stärke ausgespielt. Doch Verbraucherschützer beklagen die mangelnde Transparenz der Produkte.

          Die deutsche Versicherungswirtschaft musste sich in den vergangenen Jahren häuten. Klassische Lebensversicherungen mit Garantie sind in Zeiten ultraniedriger Zinsen und angesichts strengerer Aufsichtsregeln kaum mehr wirtschaftlich. Doch die Branche will ihre führende Position in der Altersvorsorge nicht verlieren. So sind in den vergangenen Jahren viele Formen entstanden, die Geld der Kunden riskanter als klassische Policen anlegen, aber das Kapitalmarktrisiko auch nicht vollständig beim Verbraucher belassen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Eine Variante sind Indexpolicen, bei denen der Kunde zu Beginn eines Jahres wählen kann, ob er die Überschussbeteiligung aus dem Sicherungsvermögen erhält oder im selben Volumen am Erfolg eines Aktienindex partizipiert. Die Versicherer haben diese Policen so gestaltet, dass der Kunde nie etwas verlieren kann. Das ist ein Zugeständnis an sicherheitsorientiertere Kunden, die in der Vergangenheit womöglich eine klassische Police gekauft hätten, mit dieser aber nicht mehr genug Ertragspotential hätten, um ihre Rentenlücke zu schließen.

          Im Gegenzug können Verbraucher aber auch nicht den Ertrag eines Index erzielen, weil sich Versicherer die größere Sicherheit mit einer Obergrenze (Cap) oder einer nur prozentualen Beteiligung an der Performance bezahlen lassen. Kurzum: ein Produkt, das etwas höhere Renditechancen mit einer geringeren Sicherheit verbindet.

          „Unter dem Strich sind Indexpolicen klassische Tarife, obwohl vielfach angenommen wird, der gesamte Beitrag werde in einen Index investiert“, sagt Miriam Michelsen, Bereichsleiterin Produktmanagement Vorsorge des Finanzvertriebs MLP. Sie seien ganz klar für sicherheitsorientierte Sparer gemacht. Werde bei 3 Prozent Jahresrendite ein Cap gezogen, partizipiere der Kunde nicht an einer möglichen Indexentwicklung von 10 Prozent, muss aber auch keine Verluste befürchten. Deshalb ziele die Fortbildung der MLP-Berater darauf ab, diesen Umstand gegenüber dem Kunden genau darzustellen.

          Am Kapitalmarkt kein Geld verloren

          Erst im Jahr 2018 hat sich für manchen Kunden vielleicht der Wert einer Indexpolice gezeigt. Denn egal, wie er sich am Anfang des Jahres entschieden hat, Verluste hat er mit seinem Investment nicht eingefahren. Denn trotz eines Jahresverlusts von 18 Prozent im Dax, blieb die Gutschrift entweder bei 0 Prozent (Indexbeteiligung) oder bei der Überschussbeteiligung des Versicherers stehen. „Somit haben Kunden im Vergleich zu einem Direktinvestment am Kapitalmarkt kein Geld verloren“, sagt Michael Hauer, Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung.

          Das unabhängige Beratungshaus hat Anfang der Woche eine Kurzanalyse über den Markt vorgelegt. Daraus geht hervor, dass im Jahr 2017 Indexpolicen mehrheitlich Renditen von mehr als 5 Prozent erzielt haben, was weit über der Überschussbeteiligung im Markt liegt. Im vergangenen Jahr stand dagegen überall eine Null. 18 deutsche Anbieter haben Indexpolicen im Angebot. Ihre Performance hing stark vom Startzeitpunkt der zwölfmonatigen Messung ab: Die Police der HDI lag noch bis zu einem Beginn im Oktober 2017 – also für neun von zwölf Phasen im Plus. Die Allianz Euro Stoxx 50 erzielte in keinem der Zeiträume ein Plus. Die Stuttgarter lag immerhin während acht Zeiträumen im positiven Renditebereich.

          Wer seit dem Jahr 2008 in dieser Form vorsorgt, hat nach einer Beispielrechnung des Instituts zwar in fünf von zehn Jahren keine positive Rendite erzielt, dafür war die Performance aber auch in den anderen fünf Jahren zum Teil besonders gut. Berechnungen zeigten, dass es sich in diesem Zeitraum (mit vielen guten Börsenjahren) gelohnt habe, sich für die Indexpartizipation statt für die sichere Verzinsung zu entscheiden. „Denn im Mittel lag die durchschnittliche Rendite pro Jahr, resultierend aus der Indexpartizipation, um etwa einen Prozentpunkt höher als die „sichere Verzinsung“ des jeweiligen Anbieters“, teilte das Institut mit.

          Kritik von der Verbraucherzentrale

          Für Marktführer Allianz ist das eigene Angebot zu einem Zugpferd geworden, wenn auch nicht zum führenden Produkt. „Es haben sich bislang mehr als 500.000 Kunden für eine Indexselect entschieden“, sagt eine Sprecherin und kontert das Flautejahr 2018 mit dem deutlich besseren Vorjahr. „2017 sicherten sich Kunden Zuteilungen von 6 bis 10 Prozent je nach Indexstichtag des Vertrags.“

          Die Ausgestaltung dieser Verträge hat aber auch Kritik hervorgerufen. Die Verbraucherzentrale Hamburg kritisiert, dass die Werbung des Versicherers nicht ausreichend deutlich mache, wie die Indexbeteiligung funktioniere, und dass eine Police nicht im selben Umfang von der Marktentwicklung profitiere wie ein direktes Investment. „Zum Teil senken Versicherer auch willkürlich ihr Cap, ohne dass ersichtlich wird, warum“, sagt Christian Biernoth, Versicherungsfachmann der Verbraucherzentrale.

          Auch für die MLP-Berater ist die Transparenz ein Thema, da es unter den 18 Anbietern vielfältige Produktvarianten gebe, sagt Michelsen. „Deshalb ist für uns auch wichtig, wie stabil die Überschussbeteiligungen sind, denn sonst fehlt Geld für die Indexbeteiligung“. Außerdem müssten Kunden die höhere Kostenbelastung im Blick haben. Mindern diese bei klassischen Policen die Rendite oft um 0,7 oder 0,8 Prozentpunkte, liege diese Renditeminderung bei Indexpolicen oft sogar noch um einen Viertelprozentpunkt oder mehr höher. Bei Indexfonds (ETFs) dagegen ist die Kostenbelastung deutlich geringer.

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