https://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/versichern-und-schuetzen/versicherungen-wieso-einige-unantastbar-sind-17513831.html

Versicherer-Rangliste : Die uneinnehmbaren Geld-Bastionen

Eine Frau geht an dem Schriftzug „Allianz“ an einem Gebäude des Versicherungskonzerns vorbei. Bild: dpa

Der Versicherungsmarkt ist fast so zementiert wie die Fußball-Bundesliga – und zwar trotz des digitalen Wandels: Insurtechs haben kaum eine Chance. Warum sind die Platzhirsche so unantastbar?

          3 Min.

          Die Assekuranz ist wie die Fußball-Bundesliga. Ein Blick auf die Tabelle der Marktanteile aller deutschen Versicherer zeigt: Der Meister kommt immer aus München. So wie bei den Kickern der FC Bayern immer oben steht, so steht auch unter den Finanzdienstleistern die Allianz wie festgenagelt an der Spitze.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Und während die Elf aus der Säbener Straße ihre Titel zuletzt mit 13 Punkten Vorsprung auf RB Leipzig gewann, so konnte der größte deutsche Versicherer seinen Abstand auf die zweitplatzierten öffentlichen Versicherer in den vergangenen sieben Jahren ebenfalls ausbauen. Während diese bei 10,4 Prozent über alle Sparten stagnierten, baute die Allianz ihren Marktanteil seit 2013 um gut 3 Prozentpunkte auf 19,75 Prozent aus.

          All das zeigt eine Studie des Kölner Instituts für Versicherungsinformation und Wirtschaftsdienste (KIVI), einer vor zwei Jahrzehnten aus der Kölner Universität ausgegründeten GmbH. Am Donnerstag wurde die jüngste Version veröffentlicht. Wer sie sich genauer anschaut, wird sich einige interessante Fragen stellen: Warum sind die Marktanteile so starr, obwohl mit den Insurtechs digitale Angreifer die Parole ausgegeben haben, eines Tages die etablierten Häuser als führende Anbieter für Versicherungsschutz abzulösen?

          Bild: F.A.Z.

          m noch einmal ins Bild des Fußballs zu wechseln: Den neuen, modernen, frischen Akteuren wie der TSG Hoffenheim und RB Leipzig ist es ja auch gelungen, den Traditionsvereinen ihre Grenzen aufzuzeigen. Zudem zeigen sich bei den etablierten Anbietern einige interessante Verschiebungen.

          R+V profitiert von ihrem Vertriebsmodell

          Außer der Allianz hat die genossenschaftliche R+V in den vergangenen Jahren zugelegt. Die soliden Produktangebote und der Vertrieb über die Bankschalter der Volks- und Raiffeisenbanken haben sich als Erfolgsmodell erwiesen. Mit 6,4 Prozent Marktanteil hat der Wiesbadener Konzern einen Sprung um einen Prozentpunkt seit 2013 gemacht. Damit hat er die italienische Generali-Versicherung erstmals vom dritten auf den vierten Rang verwiesen.

          Insurtechs holen nicht auf, aber Wachstum über eine große Kundenbasis ist möglich. Das ist eine erste Erkenntnis aus den Zahlen. „Kunden zu haben und einen Zugang zu ihnen zu pflegen sind die entscheidenden Faktoren“, sagt Christian Schareck, der bei der Beratungsgesellschaft KPMG für das deutsche Versicherungsgeschäft verantwortlich ist. „Das begründet in klassischen Vertrieben, die idealerweise digital aufgestellt sind, das Vertrauen.“ Das Vertrauen entstehe durch eine langjährige Beziehung zum Vermittler, der für den Versicherer am Verkaufspunkt (Point of Sale) agiert.

          us Sicht von Schareck wandelt sich der Markt gerade. Weil Versicherungsangebote immer häufiger Elemente eines „Ökosystems“ wie der Mobilität, der Gesundheit, des Wohnumfelds seien, werde sich auch der Vertrieb dieser Produkte verändern. „Wenn es gelingt, Lösungen im Plattformgeschäft zu kombinieren, und wenn Versicherer nicht der Anbieter des Hauptprodukts sind, dann werden wir Verschiebungen sehen“, sagt er.

          Das bedeutet, dass unter Umständen künftig ein Autohersteller oder der Ausrüster mit Smart-Home-Technologie die Assekuranz an die Seite schieben und den Kundenzugang dominieren, nicht aber unbedingt Insurtechs, die den Versicherungsprozess in die digitale Welt übersetzen.

          Insurtechs haben den Markt noch nicht signifikant verändert

          „Wenn man mal die Vergleichsplattform Check24 ausnimmt: Wo ist ein Insurtech, das relevant ist und wirklich den Markt verändert“, fragt Christian Mylius, Managing Director der Beratungsgesellschaft EY Innovalue. Die Angreifer hätten das Problem, dass sie noch nicht nah am Kunden seien. Dadurch sind die Akquisitionskosten hoch.

          „Insurtechs starten bei null und kaufen es teuer zusammen“, sagt er. Ein großer Bestand wie der der Allianz oder der R+V habe den Vorteil, dass er Geld verdiene und sich Möglichkeiten ergeben, Kunden mit neuen Deckungskonzepten zu versorgen. „Ein erfolgreicher Vertrieb kennt seine Kunden extrem gut, berät sie vor Ort und versorgt sie mit passenden Lösungen. Er bleibt an ihm dran. Vertrieb ist nicht per se schlecht“, sagt er.

          Und noch einen weiteren Grund haben die Verschiebungen. In Zeiten des niedrigen Zinses können Versicherer mithilfe ihres Bestands recht attraktive Konditionen für Einmalbeitrags-Anlagen anbieten. „Wir als Ratingagentur gucken, ob das bestandsschädigend ist und am Deckungsstock rüttelt, der Garantien sicherstellt“, sagt Reiner Will. Das Geschäft sei nicht grundsätzlich gefährlich. Aber der „Appetit“ auf solche Risiken schwanke von Jahr zu Jahr. Deshalb sind die Marktanteile volatil. Die Allianz lag 2019 schon bei 20,4 Prozent und fuhr dann ihre Einmalbeiträge zurück. Denn eines gilt für große Bestände auch: Wenn sie zu großzügig kalkuliert sind, können sich die Risiken akkumulieren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kandidat für den Senat: Herschel Walker

          Stichwahl in Georgia : Bloß nicht über Trump reden

          Vor der Stichwahl um den letzten offenen Senatssitz am Dienstag wollen die Republikaner vor allem eines: sich möglichst wenig mit ihrem früheren Präsidenten auseinandersetzen. Leichter gesagt als getan.
          Politiker neigen zum Geldausgeben. Bezahlen müssen dafür die Steuerbürger.

          Hanks Welt : Lang lebe der Bundesrechnungshof!

          Die Behörde ist nur eine Institution für Erbsenzähler? Mitnichten! Er ist unser letztes Bollwerk gegen teure politische Beglückungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.