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Versicherer im Kreditgeschäft : In der Finanzwirtschaft verschwinden die Grenzen

Sonnenaufgang am Finanzplatz London: Banken und Versicherer rücken nicht nur räumlich näher zueinander. Bild: Reuters

Versicherer dringen in das Kreditgeschäft der Banken vor. Die sind froh, weil sie so Kapital sparen. Aber die Sorge geht um, dass viele Versicherer die Risiken nicht einschätzen können.

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          Nicht nur die extrem niedrigen Zinsen bedrohen das Geschäftsmodell von Banken und Versicherern. Auch die strengeren Vorgaben der Aufsichtsbehörden zwingen sie, das Geschäftsmodell neu auszurichten. Sowohl Philipp Waldstein, Geschäftsführer des Munich-Re-Vermögensverwalters Meag, als auch Philipp Lingnau, Vorstandsmitglied der Morgan Stanley AG in Deutschland, kommen in Gesprächen mit dieser Zeitung zu dem Befund: Versicherer rücken immer stärker in das Geschäft der Banken vor.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es ist noch nicht allzu lange her, als der Allfinanzgedanke, die Verbindung von Bank- und Versicherungsgeschäft unter einem Dach, noch en vogue war. Doch davon nahmen viele Abstand: Die Allianz trennte sich von der Dresdner Bank, umgekehrt die Credit Suisse von der Winterthur. Die ING spaltete sich in eine Bank- und eine Versicherungsgesellschaft auf.

          Doch nun sieht die Symbiose in der Finanzwirtschaft anders aus: Versicherer brauchen langfristige Anlagen, weil die an den Anleihemärkten zu erzielenden Renditen nicht ausreichen, um Garantiezinsen alter Lebensversicherungen von zum Teil noch 4 Prozent zu erwirtschaften. Umgekehrt müssen die Banken ihre Kreditvergabekapazitäten zurückschrauben, weil sie nicht ausreichend Eigenkapital als Verlustpuffer haben.

          Versicherer beteiligen sich überall

          Einen Vorgeschmack liefern die Zahlen zu den Baukrediten. Die Versicherer haben im vergangenen Jahr um 41 Prozent mehr Finanzierungen zugesagt als im Jahr 2014, wie aus einer Statistik des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hervorgeht. Aber auch bei Immobilien- und Infrastrukturprojekten spielen die Versicherer eine immer größere Rolle. Sie finanzieren Stromversorgungskabel in Amerika oder beteiligen sich an Anlagen für erneuerbare Energien. Doch das ist noch nicht alles. Selbst in die Finanzierung von mittelständischen Unternehmen rücken Versicherer vor.

          Es hat sich längst ein Markt für Investmentberatungsgesellschaften etabliert. Ein Beispiel ist die Caerus Debt Investment aus Düsseldorf. Sie hat nun einen Immobilienkreditfonds mit einem Volumen von bis zu 300 Millionen Euro aufgelegt. Angesprochen werden Versicherer, die sich ab einer Zeichnungssumme von 10 Millionen Euro beteiligen können.

          Der Caerus-Vorstandschef Michael Morgenroth ist von seinem Angebot überzeugt. Für Versicherer gebe es derzeit keine andere Anlageklasse, die ein attraktiveres Risiko-Rendite-Verhältnis und einen höheren Ertrag im Hinblick auf die aufsichtsrechtlichen Kapitalvorgaben aufweise.

          „Am Markt treffen sich Banken und Versicherer wieder“

          Nach Ansicht von Waldstein, der bei der Meag für Kapitalanlagen zuständig ist, müssen Banken aufgrund der strengeren Regulierung ihr Geschäftsmodell ändern. Sie hielten weniger Risiken, vor allem langfristig. Zugleich müssten die Versicherer Alternativen zu ihren festverzinslichen Anlagen suchen.

          Früher hätten die Versicherer Bankanleihen gekauft, während die Banken Kreditrisiken getragen hätten. Das Modell hat aber für Waldstein keine Zukunft mehr. Die Versicherer kauften keine Bankanleihen mehr, weil sie noch immer davon viele in ihren Büchern hätten. Die Banken gingen dazu über, die Kreditrisiken am Markt zu plazieren, etwa über Verbriefungen. „Am Markt treffen sich Banken und Versicherer wieder“, sagt Waldstein.

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