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Versicherer gegen neue Regulierung : Im Zweifel schlecht versichert

Neue Regeln für einen schnellere Bearbeitung im Schadensfall müssen nicht sein, meinen die Versicherer. Bild: dpa

Die deutschen Versicherer wehren sich gegen den Vorwurf, Leistungen an Kunden systematisch zu verschleppen. Die Zahl der Prozesse sei gering. Eine neue Regulierung sei unnötig. Kritiker der Branche bewerten die Zahlen ganz anders.

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          Die falsche Wahl der Versicherung kann sehr unangenehme Folgen haben. So erging es beispielsweise einer krebskranken Frau. Sie hatte eine Berufsunfähigkeitspolice abgeschlossen. Ihr schien es klar zu sein, dass der Versicherer zumindest während ihrer Abwesenheit bei der Arbeit Leistungen an sie auszahlen würde. Doch es kam anders: Der Versicherer weigerte sich und verwickelte die Frau in einen langjährigen Rechtsstreit. Schließlich erwirkte ihre Anwältin vor Gericht einen Vergleich. Die Kundin erhielt eine hohe einmalige Auszahlung. Allerdings musste sie in Kauf nehmen, dass der Vertrag danach aufgelöst wurde.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
          Manfred Schäfers
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Allzu oft berichten Fachanwälte für Versicherungsrecht über solche Schicksale. Viele Medien greifen die Fälle auf. Der Ruf der Branche leidet. Bis ins Bundesjustizministerium sind die Klagen gedrungen. Das Haus von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bat die Branche deshalb um eine Stellungnahme. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ließ sich nicht nehmen, am Mittwoch auch die Öffentlichkeit einzubeziehen. „98 bis 99 Prozent der Fälle werden reibungslos reguliert“, sagte Norbert Rollinger, Vorstand der R+V Versicherung auf dem Pressetermin in Berlin. Jeden Tag würden 500 Millionen Euro an Versicherte ausgezahlt. Die Deutschen seien kein Volk frustrierter Versicherungskunden. Lebensversicherer zahlten 76 Milliarden Euro im Jahr aus, Schadensversicherer 44 Milliarden Euro. Von 23 Millionen Schadensfällen landeten nur 145.000 vor Gericht, hob Rollinger hervor, der auch Vorsitzender des GDV-Ausschusses für Schaden- und Unfallversicherung ist. In 32.000 Fällen seien die Rechtsstreitigkeiten zugunsten des Versicherten ausgegangen, in 69.000 Fällen zugunsten der Versicherer.

          Fachleute berichten von systematischen Verschleppungen

          Branchenkritische Fachleute bewerten diese Zahlen anders. Viele Anwälte, die überwiegend Kunden als Mandanten vertreten, berichten von teilweise systematischen Verschleppungen. „Bei einigen Versicherern scheint die Ablehnung von Versicherungsleistungen oder deren zögerliche Bearbeitung schon automatisch zu erfolgen“, berichtet die Bonner Fachanwältin Beatrix Hüller. In den vergangenen Jahren hat sie mehr als 2000 Leistungsfälle gegen Versicherer bearbeitet, davon viele auch vor Gericht. Zudem zeige die hohe Zahl an Vergleichen, dass Unternehmen häufig für Kunden zermürbende Prozesse in Kauf nähmen - und kurz vor einem Urteil klein beigäben.

          Der relativ hohe Anteil von Vergleichen solle nicht überbewertet werden, sagte dagegen Alexander Rettkowski von der Generali Lebensversicherung. Sie würden von den Gerichten vorgeschlagen, die ein Interesse daran hätten, Prozesse vorzeitig zu beenden. Es sei nicht richtig, Vergleiche den Erfolgen der Versicherten vor Gericht zuzuschlagen, meinte auch Rollinger. Ein Vergleich bestehe aus einem Kompromiss. „Der Kunde hat nicht bekommen, was er wollte, der Versicherer auch nicht.“ Die Auszahlung hänge oft von Faktoren ab, die Versicherer nicht beeinflussen könnten, sagte Rüdiger Hackhausen, Fachbereichsleiter Schaden bei der Allianz Versicherungs-AG. Er nannte Ermittlungsakten der Polizei, ärztliche Gutachten und fehlende Unterlagen zum Schaden. Doch die Hauptforderung werde in der Regel in kurzer Zeit abgegolten. Hier habe sich viel in den vergangenen zehn Jahren geändert. Telefonische Schadensmeldungen würden den Prozess noch einmal beschleunigen.

          „Zahlen schafft Frieden“

          „Alle Menschen machen Fehler“, sagte Rollinger. Im Normalfall seien sie versichert. Die Versicherer bemühten sich aber, Fehler zu vermeiden. „Sie haben eine professionelle Schadensregulierung, was nicht ausschließt, dass einzelne Fälle nicht gut laufen. Das bedauern wir.“ Zugleich bekomme der eine oder andere Betrüger Geld. „Das nehmen wir in Kauf, um für die anderen eine relativ schnelle und unbürokratische Auszahlung zu ermöglichen.“ Die Unternehmen hätten ein Interesse daran, Forderungen zu befriedigen: „Zahlen schafft Frieden.“ Genauer schauten sie aber hin, wenn beispielsweise ein neues Handy auf den Markt komme. Zufällig seien dann viele schnell kaputt. In seinen Ausführungen schloss der GDV: Neue gesetzliche Regeln für eine schnelle Bearbeitung von Schadensfällen seien überflüssig.

          Von Maklern ist zu hören, dass sich die Regulierung erheblich zwischen den verschiedenen Gesellschaften unterscheidet. Zum Teil sehen sich Unternehmen dazu gezwungen, mit einer harten Politik Fehler der Vergangenheit auszugleichen, wenn sie zu großzügig Kunden aufgenommen haben. Viele Versicherer haben etwa zu spät ihre Gesundheitsprüfungen verschärft. Als besonders problematisch gelten Versicherungsverträge, die das Versprechen beinhalten, über viele Jahre eine Rente zu zahlen - zum Beispiel Berufsunfähigkeitspolicen. Leicht können Verbraucher in diese Falle tappen, wenn sie den Vertragsabschluss ausschließlich an der Höhe der Beiträge festmachen. Unabhängige Berater dagegen wüssten, welche Gesellschaft strenger und welche großzügiger reguliere, sagen Makler.

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