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Schutz vor Risiken : Wer braucht eine Unfallversicherung?

Bergrettung im Karwendelgebirge: Die Unfallversicherung sollte die Kosten abdecken. Bild: Reinhard Eisele

Deutsche Versicherer verdienen mit privaten Unfallversicherungen gutes Geld. Dabei decken sie kein existentielles Risiko ab. Sind sie deshalb überflüssig?

          Rund ein Drittel der deutschen Erwachsenen haben eine private Unfallversicherung. Sogar 72 Prozent halten sie für wichtig, wie eine Befragung des Marktforschungsinstituts You Gov im vergangenen Sommer gezeigt hat. Nur die Altersvorsorge kam auf höhere Werte. Dagegen wurden Policen gegen Berufsunfähigkeit und den Todesfall als weniger bedeutend erachtet.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dieser Befund wundert manchen Beobachter des Versicherungsmarktes, denn Unfallpolicen schützen die Kunden keineswegs gegen ein existentielles Risiko. „Sie sind bei weitem nicht ausreichend, um die Arbeitskraft abzusichern“, sagt Rita Reichard, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Das existentielle Risiko bestehe darin, dass ein Versicherter nicht mehr arbeiten und damit einen regelmäßigen Verdienst erzielen könne. Nur 2 Prozent der anerkannten Schwerbehinderten hätten zuvor einen Unfall erlitten. Die wenigsten, die nicht mehr arbeiten könnten, seien Unfallgeschädigte, argumentiert Reichard. Priorität habe eine Berufsunfähigkeitsversicherung.

          Lukratives Geschäft für Versicherer

          Viele Verbraucher seien mit Schutz gegen wichtige Risiken deutlich unterversorgt, gesteht auch der Finanzsachverständige Yan Steinschen aus Bielefeld ein. Wer eine Hausratversicherung, aber keine Berufsunfähigkeitspolice abschließe, handle falsch. Das Urteil der Verbraucherschützer ist ihm allerdings deutlich zu pauschal. „Vielleicht belastet einen ein Unfall, vielleicht muss man sein Leben neu ordnen. Und das kann Investitionen erfordern“, sagt er. Mit diesem Argument kann selbst Verbraucherschützerin Reichard etwas anfangen: „Eine Unfallversicherung kann eine Ergänzung zur Berufsunfähigkeitspolice sein, wenn man eine größere Summe für einen Umbau als Sofortzahlung einplanen will“, sagt sie.

          Obwohl die monatlichen Beiträge überschaubar sind, ist die private Unfallversicherung für deutsche Versicherer ein lukratives Geschäft. Etwa jeder zehnte Euro, den sie in der Schaden-Unfallversicherung einnehmen (wozu auch Autoversicherungen und Privathaftpflichtpolicen gehören), stammt aus diesem Segment. Das waren 2013 rund 6,4 Milliarden Euro. Traditionell verdienen sie mit jedem Euro Beitragseinnahme nach Abzug der Schäden und der Kosten etliche Cent. Im gesamten Schaden-Unfallgeschäft lag der Anteil von Schadenleistungen an den Beitragseinnahmen im vergangenen Jahrzehnt zwischen 72 und 84 Prozent. In der Unfallversicherung mussten die Versicherer mit 54 bis 60 Prozent einen weitaus geringeren Anteil für Schäden ausgeben.

          Doch auch aus dieser Zahl solle man nicht auf den Nutzen schließen, findet der Finanzsachverständige Steinschen. „Ich halte einen Versicherungsminimalismus für genauso falsch, wie alles zu versichern“, sagt er. Einige wohlhabende Kunden, die er betreue, legten sich 100.000 Euro als Liquiditätsreserve auf ein Tagesgeldkonto, um beispielsweise nach einem Unfall genug Geld für einen Umbau zu haben. Das aber sei nicht nötig, wenn man sich gegen tatsächliche Risiken absichere, statt sich für Eventualitäten zu wappnen. „Rücklagenbildung und Versicherungen sind Komplemente“, sagt er.

          Als weiteren Grund sieht er die offene Definition der Berufsunfähigkeit (BU): Sie ist subjektiv und hängt von der jeweiligen Tätigkeit ab. Ein steifer Finger reiche in einem Bürojob nicht für eine monatliche Rente aus, für einen Chirurgen dagegen bedeute sie eine 100-prozentige Berufsunfähigkeit. Weil Unfallversicherungen auf objektive Kriterien wie eine Gliedertaxe oder eine Knochentabelle setzten, sei die Schadenleistung für den Versicherten besser planbar.

          Alternative zur Unfallversicherung

          Wer eine Unfallversicherung abschließe, müsse deshalb auf vernünftige Grundleistungen achten, empfiehlt Katrin Bornberg, Geschäftsführerin des Analysehauses Franke und Bornberg. „An Händen und Beinen passiert viel. Hier muss also schon rechtzeitig geleistet werden“, sagt sie. Ansonsten steht sie Unfallversicherungen kritisch gegenüber. „Ein Euro kann nur einmal ausgegeben werden, und wenn man sich vor den finanziellen Lasten einer Invalidität absichern will, sollte man eher über eine Dread-Disease-Police nachdenken“, rät sie. Solche Versicherungen sichern Zahlungen zu, falls der Versicherte an zuvor definierten Krankheiten erkrankt. Das geschehe bei Erwachsenen häufiger als ein Unfall.

          Unterschiedlich bewerten die Experten auch die starke Ausweitung der Leistungskataloge. „Hier ist viel hereingekommen, bei dem man sich fragt, ob es noch der Definition eines Unfalls entspricht oder ob es nur einer Preiserhöhung dient“, sagt Bornberg. Erleide der Kunde eine Infektionskrankheit nach einem Zeckenbiss, sollte dies durch die Krankenversicherung gedeckt sein. Das müsse also nicht in einer Unfallversicherung eingeschlossen sein. Anders sieht es Steinschen, der die Kunden durch weitere Unfalldefinitionen im Vorteil sieht.

          Einig sind sie sich dann wieder darin, dass eine Unfallpolice unbedingt die Bergungs-, Such- und Rettungskosten nach einem Unfall beispielsweise während eines Alpenspaziergangs beinhalten sollte, sofern man dorthin verreist. Einige Versicherer begrenzen diese Leistung auf Unfälle in Deutschland. Andere AssistanceLeistungen wie einen Bügelservice hält Katrin Bornberg dagegen für fragwürdig. Als wichtiger erachtet sie Reha-Leistungen. „Hier kann eine Unfallversicherung eine sinnvolle Ergänzung zur Krankenversicherung sein, wo diese Leistungen immer stärker beschnitten werden“, sagt sie.

          „BU muss, Unfall kann“, fasst Steinschen seine Empfehlung zusammen. Wichtig sei es aus seiner Sicht, mindestens 50.000 Euro bei Vollinvalidität abzusichern, keine hohen Progressionen zu vereinbaren, so dass bei kleinen Unfällen wenig und bei großen Unfällen viel gezahlt wird, und ein gutes Bedingungswerk. „Es darf kein Alibischutz sein und sollte nicht gegen einen Kreuzbandriss absichern. Wenn etwas am Körper dauerhaft geschädigt ist, muss Geld fließen“, sagt er.

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