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Digitaler Wettbewerb : Über der Versicherungswirtschaft tobt ein Sturm

Orkan Niklas hat den Versicherungen hohe Aufwendungen beschert. Bild: dpa

Die deutschen Versicherer stehen zunehmend in der Kritik. Sie trügen nicht ausreichend zur Absicherung bei, lautet ein Vorwurf. Zugleich bedroht sie der digitale Wettbewerb.

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          Eine Erschütterung könnte den deutschen Versicherern immerhin erspart bleiben. In Offshore-Geschäfte mit der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca, wie sie durch ein Datenleck in Form der „Panama-Papiere“ öffentlich wurden, seien sie seines Wissens nicht verwickelt, sagte Alexander Erdland, Präsident des Branchenverbands GDV, am Mittwoch in Berlin. „Wir lehnen entsprechende Strukturen ausdrücklich ab und unterstützen Bemühungen zum internationalen Datenaustausch“, betonte er auf der Jahrespressekonferenz seines Verbands.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Doch auch so hat die Assekuranz genügend Themen, die sie beschäftigen. Da zählen die Auseinandersetzungen mit der Kärntner Heta-Bank um 1,5 Milliarden Euro eher noch zu den kleineren Baustellen. Denn durch einige für die Branche ungünstige Umstände stützt sich ihr Geschäftsmodell auf zunehmend wackligere Fundamente. Die Digitalisierung zwingt die Branche dazu, ihre Prozesse viel schneller und kundenfreundlicher zu gestalten. Das Aufkommen frischer Innovatoren in der Fintech-Szene setzt sie unter Zugzwang. Und das alles in einer Zeit, in der der Niedrigzins in Frage stellt, ob Lebensversicherer noch ausreichende Erträge liefern können, um die Lücken in der gesetzlichen Rente zu schließen.

          In der Politik schwindet Vertrauen in die Versicherungswirtschaft

          In der Politik ist auch wegen der hohen Abschlusskosten zunehmend Kritik an der Riester-Rente zu vernehmen. Am Dienstag hatte sich der CDU-Sozialpolitiker Karl-Josef Laumann auf einer Veranstaltung in Berlin besonders hörbar zu Wort gemeldet. Die Versicherungswirtschaft habe „kläglich versagt“, weil sie nicht die einst versprochenen Renditen erwirtschafte. Diese Schmähung wolle er so nicht stehen lassen, sagte GDV-Präsident Erdland nun am Tag darauf. Innerhalb eines Jahres hätten die Lebensversicherer, die zu einem Großteil die Riester-Verträge verwalten, ihre Abschlusskosten um 500 Millionen auf 7,1 Milliarden Euro gesenkt. „Und das ist erst der Anfang“, stellte er in Aussicht.

          Dazu trug zu einem kleineren Teil bei, dass die Zahl der Riester-Verträge um 0,4 Prozent auf 10,8 Millionen wie auch die Zahl der Lebensversicherungen insgesamt zurückging. Zum anderen Teil steht die deutsche Vermittlerschaft derzeit mitten in einem fundamentalen Wandlungsprozess. Die Politik hat die Versicherer gezwungen, ihre kalkulatorischen Kosten zu senken, was sich auch in geringeren Provisionssätzen niederschlägt. Die Zahl der Versicherungsvermittler ist innerhalb von sechs Jahren um 32.000 auf 231.300 zurückgegangen.

          In der Politik schwindet flächendeckend das Vertrauen in die Versicherungswirtschaft: Aus der schwarz-grünen hessischen Landesregierung kam kurz vor Weihnachten der Vorschlag für eine Deutschland-Rente – einen Staatsfonds, in dem Vorsorgegeld kostensparend angelegt werden könnte. „Wir erleben derzeit doch geradezu einen Schönheitswettbewerb jeweils sehr einseitiger Rentenideen“, kritisierte Erdland. Die Bundesregierung solle einen runden Tisch zur Altersvorsorge einrichten, da die derzeitigen Reformdiskussionen Verbraucher davon abhielten, einen geförderten Vertrag abzuschließen. „Die Idee der Deutschland-Rente hat Hochkonjunktur und bietet vor allem viel heiße Luft“, sagte er.

          „Garantien kosten Geld“

          Die Riester-Verträge entwickelten sich viel besser, als es die pauschale Kritik aus der Koalition suggeriere. Insbesondere warnte Erdland davor, dass ein Staatsfonds über Geld in Milliardenhöhe verfügen könne, das leicht zweckentfremdet werden könnte. Überdies bezweifelt der Verband, dass ein solcher Fonds höhere Renditen erzielen könne als Unternehmen, die miteinander im Wettbewerb stehen, und dass er bei Einrechnung aller Kosten tatsächlich günstiger wirtschafte. Auch die vor einiger Zeit von Banken angezettelte Diskussion über hohe Kosten von Garantieprodukten hält Erdland für wenig zielführend. „Garantien kosten Geld. In Umfragen zeigt sich aber, dass viele Kunden weiter an Garantien interessiert sind. Wir sprechen inzwischen intensiver über Garantiekosten.“

          Geschäftlich verlief das Jahr 2015 unspektakulär. In der Lebensversicherung fielen die Beitragseinnahmen um 1,1 Prozent auf 92,7 Milliarden Euro – nach einem Jahr mit einem extrem hohen Zuwachs der Einmalbeiträge kein Beinbruch. Die Schadenversicherung war abermals profitabel – bis auf die dauerhaft kriselnde Wohngebäudeversicherung. Der höchste Schaden ging vom Orkan Niklas aus, der Zahlungen in Höhe von 750 Millionen Euro auslöste. Die Beiträge steigerten sich um 2,7 Prozent auf 64,3 Milliarden Euro. Die private Krankenversicherung nahm 1,4 Prozent mehr ein (36,8 Milliarden Euro), verlor aber rund 100.000 Vollversicherte. Doch diese Zahlen verdecken, wie fundamental der Wandel durch die Digitalisierung ausfallen dürfte.

          Innovative Fintechs bieten oft kundenfreundlichere Lösungen für den Vertrieb, aber zunehmend auch für digitale Betriebsabläufe. Auch in Reaktion darauf hat die Branche ihre Investitionen in die Informationstechnik um 300 Millionen auf 4,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr ausgeweitet. „Auf dem Weg der Erneuerung ist 2015 allenfalls eine Zwischenetappe gewesen“, sagte Erdland. Bis die Branche wirklich Produkte und Abläufe anbietet, die vom Kunden her gedacht sind, ist noch ein weiter Weg. Erdland sprach von einer Symbiose mit den neuen Wettbewerbern. Doch schon bald könnten auch Internetfirmen Versicherer kaufen. „Wir müssen unseren Wissensvorsprung verteidigen, indem wir wach sind“, verlangte er von den Mitgliedsunternehmen.

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