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Krankenversicherungen : Besser nicht privat versichert!

Eine Patientin auf dem Weg in den Magnetresonanztomographen. Bild: dpa

Private Krankenversicherung – das klingt nach Luxusversorgung. Die hohen Preise rechtfertigt das nicht.

          Noch einmal Glück gehabt! Das dürften die meisten privat Krankenversicherten gedacht haben, als sie am Freitag hörten, was Union und SPD in ihren Sondierungsgesprächen vereinbart haben. Die schlimmsten Befürchtungen traten nicht ein. Die Bürgerversicherung und damit die langfristige Abschaffung der privaten Krankenkasse kommt nicht. Und auch die Ärzte sollen weiterhin höhere Honorare für Privatversicherte erhalten und haben damit auch künftig einen Anreiz, Privatversicherte besser zu behandeln.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Alles wunderbar also, die private Krankenversicherung behält ihre Attraktivität, würde man meinen. Dann lässt sich also bedenkenlos zu ihr wechseln. Doch ist das wirklich so? Zweifel sind angebracht, selbst wenn die Bürgerversicherung nun doch nicht kommt. Schon in den vergangenen Jahren ist die private Alternative erheblich unter Druck geraten.

          Privatversicherungen werden nicht mehr so verherrlicht

          Seit 2012 ist der stete Anstieg der Zahl der privat Versicherten gestoppt. Jetzt sind es noch 8,8 Millionen, 200.000 weniger. Die Zahl der Bürger, die aus den gesetzlichen Kassen wechseln, sinkt schon länger. Seit dem Jahr 2000 ist sie um zwei Drittel geschrumpft. Gleichzeitig leidet das Image in der Öffentlichkeit. Schuld sind vor allem die aufsehenerregenden Beitragserhöhungen einzelner Versicherer, die teilweise weit mehr als zehn Prozent betrugen, was potentielle Neukunden von einem Wechsel abhält. Denn die Privatversicherer haben ein Kostenproblem: Die Ausgaben haben sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt. Und jetzt ärgert sie auch noch EZB-Präsident Mario Draghi mit seiner Geldpolitik. Die niedrigen Zinsen sorgen dafür, dass sich die Altersrückstellungen der Versicherer schlechter verzinsen und die Anbieter deswegen mehr Geld von ihren Kunden einfordern müssen, um die nötigen Rücklagen aufzubauen, die den Anstieg der Beiträge im Alter dämpfen sollen.

          Nun muss man fairerweise erwähnen, dass die Mitgliederzahl auch aus Gründen zurückgeht, die nichts mit der Attraktivität der Privatversicherung zu tun hat. So sinkt seit Jahren die Zahl der jungen Selbständigen, weil sie lieber einen der vielen neuen sicheren Arbeitsplätze in den Unternehmen annehmen, die in Folge der guten Konjunktur entstanden sind. Von 2014 bis 2016 ist ihre Zahl um 100.000 gefallen. In den Firmen müssen sie sich dann aber gesetzlich versichern, weil sie für die Privatversicherung zu wenig verdienen. Als Selbständiger waren sie vorher fast immer Privatversicherte.

          Hinzu kommt die Demographie. Es gibt immer weniger junge Leute unter 35 Jahren. Aus dieser Gruppe stammen traditionell die meisten Neukunden der Privaten. Und auch die spektakulären Beitragserhöhungen lassen sich erklären. Die Privatversicherung darf erst dann die Prämien anheben, wenn die Ausgaben die erwarteten Kosten um fünf Prozent übersteigen, ab zehn Prozent müssen sie das. Die Folge sind hohe Beitragssprünge, die in der Öffentlichkeit für Unmut sorgen. Dass davor jahrelang die Preise gleich bleiben, wird dann meist vergessen. Im Schnitt stiegen die Beiträge nach Zahlen der Ratingagentur Assekurata seit 2008 jährlich um 4,3 Prozent, bei Tarifen für Beamte, die ungefähr die Hälfte aller Mitglieder ausmachen, sogar nur um etwa 2,5 Prozent. Das ist zwar mehr als die allgemeine Preissteigerung, aber ungefähr so viel wie bei den gesetzlichen Krankenkassen. Die bekommen jedes Jahr mehr Geld, ohne dass es groß auffällt. Denn mit jeder Lohnerhöhung steigt auch der Beitrag an die Kasse, und auch die Schwellen, bis zu denen der Lohn mit Beitrag belastet wird (Beitragsbemessungsgrenze), werden jedes Jahr angehoben.

          Aber das ist eben nur die halbe Erklärung. Auch die Attraktivität von privater und gesetzlicher Kasse wird anders wahrgenommen. Die Privaten werden nicht mehr ganz so stark verherrlicht, wie das früher der Fall war. Ihre Nachteile werden stärker diskutiert. Und die Kassen haben an Image gewonnen. „Früher wirkten sie angestaubt als bessere Behörde, nun sind sie kundenorientiert“, sagt Mathias Kifmann, Gesundheitsökonom an der Universität Hamburg. Sie lockten Abwanderungswillige, indem sie nun Yoga-Kurse und Heilpraktiker bezahlen und gesundes Verhalten mit einem Bonus belohnen. Und indem sie über Spezialprogramme eine bessere Versorgung zum Beispiel für Schwangere oder bei Rückenleiden anbieten.

          Gesetzliche bis Rezession attraktiver

          Auf der anderen Seite hat die gute Konjunktur manch frühere Schwierigkeiten der Kassen erst einmal in Wohlgefallen aufgelöst. Die Beitragssätze sind weitgehend stabil, zu Jahresanfang wurden sie sogar gesenkt. Gesundheitsreformen, die irgendwelche Leistungen einschränken, gab es schon länger nicht mehr. Das macht die Gesetzlichen attraktiver, zumindest bis zur nächsten Rezession. Und vor allem, bis spätestens ab 2030 die zunehmende Alterung der Deutschen für steigende Beiträge sorgen wird. Kommt die große Koalition tatsächlich zustande, werden die Kassen jetzt sogar noch etwas billiger. SPD und Union wollen, dass künftig auch der Zusatzbeitrag zur Hälfte von den Arbeitgebern bezahlt wird. Das entspricht einer Beitragssatzsenkung um 0,5 Prozentpunkte. Im besten Fall sinken die Beiträge dadurch um 265 Euro im Jahr. Zudem sollen sich Selbständige künftig günstiger in der gesetzlichen Kasse versichern können.

          Die privaten Versicherungen halten dagegen: „Sie stehen für ärztliche Therapiefreiheit nach neuestem medizinischen Stand und die lebenslange Garantie eines unkürzbaren Leistungskatalogs“, sagt Verbandsdirektor Volker Leienbach. Das heißt: Bezahlt wird, was mit dem Kunden im Vertrag vereinbart wurde, und nicht, was der Gemeinsame Bundesausschuss aus Kassen, Krankenhäusern und Ärzten für gesetzliche Patienten für richtig hält. Im besten Fall werden Privatversicherte also mit moderneren Methoden behandelt. Und sie müssen sich nicht wie Kassenversicherte den Budgets der Ärzte unterwerfen, etwa bei der Verschreibung von Medikamenten.

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          Die Vorteile der besseren Leistungen muss man allerdings relativieren. „Die Privaten vermitteln das wohlige Gefühl, eine bessere medizinische Versorgung zu garantieren“, sagt Günter Neubauer, Leiter des privaten, unabhängigen Instituts für Gesundheitsökonomik in München. „Aber meist ist sie nicht besser, sondern nur anders.“ Zum Beispiel im Krankenhaus. „Die ärztlichen Behandlungsleitlinien sind für alle Patienten gleich.“ Privatversicherte würden also nicht besser operiert als gesetzliche. Der Unterschied liegt im Komfort: Ein- oder Zweitbettzimmer, eventuell besseres Essen, Chefarztbehandlung. Aber auch das klingt besser, als es ist. Zweibettzimmer sind mittlerweile auch für Kassenpatienten Standard in den meisten Krankenhäusern, und eventuell noch vorhandene Unterschiede wirken kürzer, weil sich die Aufenthaltszeiten in den Kliniken in den vergangenen Jahren halbiert haben.

          Auch die Chefarztbehandlung ist eine zweischneidige Sache. „Oft sind die Oberärzte mit neuen Behandlungsmethoden vertrauter, weil sie häufiger operieren als der Chefarzt, der auch viel mit der Klinikverwaltung zu tun hat“, sagt Neubauer. Zum anderen verweise der Chef auch manchmal aus Zeitgründen auf seinen Oberarzt. Der operiert aber auch gesetzlich Versicherte. Vorteil der Privatkunden ist dann lediglich, dass sie schneller einen Operationstermin bekommen und sich den Oberarzt aussuchen können, wenn es kein Notfall ist.

          Versorgungsqualität ist umstritten

          Die schnellere Terminvergabe ist auch der auffälligste Unterschied in der ambulanten Versorgung beim Facharzt. Ob die Versorgung auch besser ist, ist umstritten. Privatversicherte werden umfangreicher untersucht, weil der Arzt das einzeln abrechnen kann. „Manchmal werden sie aber auch zu viel behandelt und schneller operiert als nötig, weil das für den Arzt lukrativ ist“, sagt Gesundheitsökonom Neubauer. Über die Rechnungen gibt es auch öfters Streit zwischen Patient und Versicherung, denn wenn diese die Kosten nicht oder nur in Teilen übernehmen will, zahlt der Patient die Differenz. Es gibt sogar Leistungen, bei denen die Kassen mehr bezahlen, zum Beispiel für die Reha oder für psychologische Behandlungen.

          Hinzu kommen die Nachteile, die Privatversicherungen schon immer hatten: Der Kunde kann seine Versicherung kaum mehr wechseln, wenn er unzufrieden ist, weil er dann einen Teil der angesparten Altersrückstellungen verliert. Unter den gesetzlichen Kassen herrscht hingegen sehr reger Wettbewerb. Und die Beiträge, die in jungen Jahren noch niedrig sind, können später richtig teuer werden: in Familien, denn dort müssen auch die Ehefrau und die Kinder versichert werden, während das bei den Kassen kostenlos ist. Und bei Älteren, die in der Gesetzlichen dann viel weniger bezahlen.

          Fazit: Die private Krankenversicherung ist zwar finanziell attraktiv für Beamte, die geringe Beitragssteigerungen zu verkraften haben und für die der Staat im Pensionsalter hohe Beihilfen zahlt und auch für Familienangehörige einen Teil der Kosten übernimmt. Sie ist auch attraktiv für die, die hohe Betriebsrenten zu erwarten haben, weil die mit Krankenkassenbeiträgen belastet werden. Aber für viele Arbeitnehmer und Selbständige kann die Private ziemlich teuer werden. Und auch der Reiz umfangreicher Leistungen schwächt sich bei näherem Hinsehen ab. Wer sie unbedingt haben will, kann sie sich als Kassenpatient zum Teil über private Zusatzversicherungen garantieren lassen. Davon gibt es schon 25 Millionen, und die Zahl steigt stetig an.

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