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Privat gegen Gesetzlich : Niedrige Zinsen setzen private Versicherungen unter Druck

Die niedrigen Zinsen machen auch den privaten Krankenversicherern zu schaffen. Bild: dpa

Mit Rückstellungen fürs Alter garantieren die privaten Krankenversicherer, dass die Beiträge später nicht explodieren. Doch bei niedrigen Zinsen wird es für sie enger.

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          Die Zeit der Systemdebatten scheint vorbei. Derzeit liegen die Pläne, die wachsenden Gesundheitskosten durch eine Bürgerversicherung zu finanzieren, in den Giftschränken der Opposition. Während die gesetzlichen Krankenkassen als umlage-finanzierte Einrichtungen weiter mit der Alterung und der fallenden Zahl junger Menschen zu kämpfen haben, fühlt sich die private Krankenversicherung (PKV) als heimlicher Sieger der Debatte – zumindest solange der Giftschrank mit den Skizzen zum Radikalumbau geschlossen bleibt. Denn durch ihre Alterungsrückstellungen kalkulieren die PKV-Unternehmen die Beiträge für jeden Geburtsjahrgang auskömmlich. Nur der medizinische Fortschritt macht ihnen in normalen Zeiten einen Strich durch die Rechnung.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Doch die Zeiten sind nicht normal – zumindest nicht am Kapitalmarkt, wo die Nachfrage nach Anleihen die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen in diesem Jahr schon gefährlich nah an die Null-Prozent-Linie getrieben hat. Was heißt das für das angeblich demographiefeste private Modell? Wenn auf Anleihen kaum noch Zinsen gezahlt werden, können die Versicherer dann noch in ausreichendem Maße Alterungsrückstellungen bilden? Oder verlieren sie durch die große Liquidität auf den Märkten ihr Alleinstellungsmerkmal?

          Positive Nettoverzinsung durch langfristige Anlagen

          „Viele Akteure sagen: Je niedriger der Zins ist, desto mehr verliert die PKV an Wettbewerbsvorteilen“, sagt Frank Wild, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der Branche. „Aber die grundlegenden Vorteile bleiben auch bei einem niedrigen Zins bestehen.“ In einer Kurzanalyse hat er kürzlich nachgewiesen, dass die Alterungsrückstellungen zwischen 2010 und 2013 zwischen 11,4 und 12,7 Milliarden Euro betrugen – trotz der niedrigen Zinsen so hoch wie in keinem Jahr davor. Für das vergangene Jahr gibt es noch keine Daten. „In diesem System wäre es von Vorteil, wenn die Zinsen höher wären, aber durch ihre langfristige Anlage erzielen die Versicherer immer noch eine positive Nettoverzinsung“, sagt Wild.

          „Mit unserer aktiven Anlagepolitik können wir immer noch 100 bis 125 Basispunkte mehr erzielen als Privatanleger“, sagt Birgit König, Vorstandsvorsitzende der Allianz Private Krankenversicherung. Über die gemeinsame Kapitalanlage der Allianz-Gesellschaften legt sie das Kundengeld außer in Staatsanleihen auch in spezielleren Unternehmensanleihen an, genauso wie in Aktien oder Infrastruktur. „Wir können auch da investieren, wo man ein großes Volumen braucht und sich sehr lang festlegt.“ Mit Hilfe der Kapitalanlage könne sie Vollversicherungstarife noch immer günstiger anbieten als der Höchstsatz der gesetzlichen Kassen.

          Ein durchschnittlicher Kunde komme im Alter von Mitte dreißig auf einen Beitrag von rund 450 Euro im Monat. Davon gingen 150 Euro in die Rückstellungen, 300 Euro würden für Leistungen, Verwaltung und Schadenregulierung kalkuliert. Selbst bei einem Nullzins würden also noch Rückstellungen in erheblichem Ausmaß anfallen. Wird der Kunde älter, steigen tendenziell seine Leistungen, und Rückstellungen der Vergangenheit werden genutzt, Beiträge zu glätten.

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