https://www.faz.net/-hbv-8az1k

Privatversicherung : Niedrigzins und Unisex belasten Krankenversicherte

Privatversicherte können die volle ärztliche Kompetenz nutzen. Bild: Agentur Focus

In diesem Jahr kann es zum Teil zu erheblichen Beitragssteigerungen für Privatversicherte kommen. Mit der richtigen Tarifwahl sind sie vermeidbar.

          Um die private Krankenversicherung ist es ruhig geworden. Die ganz großen Diskussionen über eine Bürgerversicherung werden wahrscheinlich erst wieder im Wahlkampf 2017 geführt werden. Die Unruhe nach dem Unisex-Urteil des Europäischen Gerichtshofs hat sich gelegt, genau wie die Debatte über hohe Provisionen, die zu einer Deckelung der Abschlussvergütungen geführt hat. Doch wer Pech hat und dieser Tage einen Brief des Versicherers in der Post findet, könnte sich die Augen reiben. Zum Teil stehen erhebliche Beitragsanpassungen ins Haus.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Über den gesamten Bestand von fast 800.000 Vollversicherten wird die Axa ihre Beiträge durchschnittlich um 4,9 Prozent erhöhen. „In den einzelnen anzupassenden Tarifen kann die Beitragsanpassung höher ausfallen, einige Versicherte erhalten aber auch Beitragssenkungen“, teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. In einzelnen Tarifen können dabei leicht monatliche Beitragssteigerungen von 170 oder 180 Euro zustande kommen. Die Ruhe der vergangenen Jahre erweist sich als trügerisch, denn mit zwei Effekten hat die gesamte Branche in unterschiedlichem Ausmaß zu kämpfen: dem Niedrigzins und den Folgen des Unisex-Urteils.

          Der Niedrigzins trifft alle Versicherer, denn sie kalkulieren die Tarife so, dass jüngere Kunden mehr zahlen, als sie an Leistungen verursachen. Die Differenz geht in die Alterungsrückstellungen, für die sie attraktive Verzinsungen am Kapitalmarkt suchen. Doch bei Renditen für zehnjährige Bundesanleihen weit unter einem Prozent sind die Möglichkeiten eingeschränkt. Die Folge: Für bestimmte Tarife ändern die Versicherer ihre Rechnungsgrundlagen. Bislang haben sie mit einem Rechnungszins (der in der Krankenversicherung auch als aktuarieller Unternehmenszins bekannt ist) von 3,5 Prozent kalkuliert. Für die neuen Unisex-Tarife liegt dieser meist nur noch bei 2,75 Prozent. Nun passen einige Versicherer auch den Rechnungszins für Bestandsversicherte an – und damit für Kunden, die schon lange vor dem Unisex-Urteil ihre Police abgeschlossen haben.

          Beitragserhöhung von durchschnittlich 0,07 Prozent

          „Jede Absenkung des Rechnungszinses um einen Zehntelprozentpunkt führt zu einer Beitragsanpassung von einem Prozent“, rechnet Gerd Güssler vom Branchendienst KVpro vor. Viele Versicherer reduzierten ihren Rechnungszins in dem Moment, in dem sie wegen steigender Schäden sowieso ihre Beiträge anpassen dürfen – wenn also die sogenannten „auslösenden Faktoren“ eintreten. „Bei einzelnen Gesellschaften können die Beitragsanpassungen dadurch sogar zwischen 20 und 50 Prozent betragen“, sagt Güssler. „Aber die Masse der Gesellschaften ist eher stabil.“

          Das gilt unter anderem für den Marktführer Debeka: Der Koblenzer Beamtenversicherer zählt vier Millionen Kunden in der Voll- und der Zusatzversicherung. Für den großen Teil blieben die Beiträge stabil, für 170.000 Kunden stiegen sie wegen höherer Leistungen etwas an. „Für 1,5 Millionen Mitglieder kommt es sogar zu Beitragssenkungen“, teilte der Vorstandsvorsitzende Uwe Laue Ende Oktober mit. Im Durchschnitt aller Kunden ergebe sich daraus eine Beitragserhöhung von 0,07 Prozent.

          Unter den fünf größten Anbietern ist das Bild gemischt: Die Beitragsanpassung der Axa fällt wie erwähnt überdurchschnittlich hoch aus. Die Ergo-Tochtergesellschaft DKV passt jedes Jahr erst zum 1. April ihre Verträge an und kann noch keine Prognose abgeben. Die Allianz, Nummer drei am Markt, hatte vor zwei Jahren ihre Beiträge sogar reduziert. Diesmal werde die Anpassung wie im Vorjahr durchschnittlich unter 1,5 Prozent liegen, teilte eine Sprecherin mit – trotz des Niedrigzinses. Der Rechnungszins müsse nicht gesenkt werden. Und bei der Signal, der Nummer fünf, heißt es: „Die Beitragsanpassungen fallen im kommenden Jahr wieder sehr gering aus.“ Durchschnittlich blieben die Beiträge für Signal-Kunden gleich, für Kunden der Tochtergesellschaft Deutscher Ring gingen sie sogar leicht zurück.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          IS-Kämpfer im irakischen Mosul (Archivbild aus dem Juni 2014)

          Die Rücknahme von IS-Kämpfern : Zurück zum Rechtsstaat

          Im Umgang mit IS-Kämpfern kann Deutschland ein Zeichen setzen. Nicht als Vaterland von Verrätern, sondern als Verfechter der Werte der freien Welt. Dazu zählt die Unschuldsvermutung – aber auch, dass jede Tat verfolgt und angemessen bestraft werden muss. Ein Kommentar.

          Framing-Manual der ARD : Es ist Irrsinn, aber es hat System

          Wer keinen Rundfunkbeitrag zahlt, ist „demokratiefern“, „wortbrüchig oder auch illoyal“ und missachtet den „allgemeinen Willen des Volkes“: Warum die ARD jetzt semantische Gehirnwäsche übt.

          Russland und Europa : Pipeline-Grüße aus München

          Nach ihrem Auftritt auf der Sicherheitskonferenz feiert die russische Staatspresse Angela Merkel. Sie widersetze sich „illegalen“ Versuchen der Amerikaner, das Gaspipelineprojekt Nord Stream 2 noch zu verhindern, heißt es in Moskau.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.