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Neue Policen : Versicherer erproben neue Garantiemodelle

„Letztes Aufbäumen“: Die Ergo startet mit neuen Garantietarifen Bild: Schoepal, Edgar

Die Lage am Kapitalmarkt zwingt zum Umdenken. Anbieter brechen mit dem Modell bisheriger Lebens- oder Rentenversicherungen und bieten gesplittete Garantien an. Für Kunden wird es unübersichtlicher.

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          Für Verbraucher wird die Entscheidung über ihre Altersvorsorge noch schwerer. Künftig unterscheiden sich Lebensversicherungen nicht mehr nur nach der Leistung und dem unterschiedlichen Grad an Flexibilität. Selbst eine Garantie ist bald nicht mehr unbedingt eine lebenslange Garantie. Verschiedene Versicherer kommen in den kommenden Monaten mit neuartigen Produkten auf den Markt. Sie brechen mit dem Modell bisheriger Lebens- oder Rentenversicherungen, die mit Hilfe eines Sicherungsvermögens über die gesamte Laufzeit des Vertrags eine feste Zinsgarantie zu jedem Zeitpunkt erfüllen können.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die neuen Policen bieten entweder nur noch zum Ende des Vertrags eine feste Verzinsung - bei vorzeitiger Kündigung verfällt die Garantie. Oder zu Beginn der Rentenphase wird neu gewürfelt, und über die restliche Laufzeit gilt eine neue Garantie. Schon vorher hatten sich die Fragen gehäuft: Kann man in den Vertrag zuzahlen? Lässt sich der Rentenbeginn nachträglich verschieben? Erfolgt eine Zuzahlung zum alten oder zum neuen Garantiezins? Noch bis 1994 war das ganz anders gewesen. Damals war der Markt reguliert, und die Zinsen waren hoch. Jedes Unternehmen brachte nahezu identische Produkte auf den Markt.

          Unattraktiver für Eigenkapitalgeber

          Bester Anbieter war derjenige mit den geringsten Kosten und dem besten Anlageergebnis. Die Niedrigzinsphase aber macht es für die Unternehmen nun teurer, ihre Garantien zu erfüllen, weil sie in nominal niedriger verzinste Papiere investieren. Versicherer legen ihr Kundengeld vergleichsweise langfristig an. Kommt es zur Zinswende, profitieren sie erst verspätet von den höheren Renditechancen. Hinzu kommt, dass die künftigen Kapitalregeln Solvency II, die ab 2017 gelten sollen, für langfristige (oft lebenslange) Garantien besonders viel Eigenkapital verlangen.

          Die Lebensversicherung wird also unattraktiver für Eigenkapitalgeber. „Die klassische Lebensversicherung wird durch die Niedrigzinsphase und staatliche Regulierung an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gebracht“, sagt Daniel von Borries, der im Ergo-Vorstand das deutsche Lebengeschäft verantwortet. Sein Unternehmen hat nun als erstes die Konsequenzen gezogen und will von Juli an zusätzlich zur klassischen und zur fondsgebundenen Police eine dritte Variante anbieten: eine Rentenversicherung, die erst zum Ende der Ansparphase eine feste Garantie gewährt und in der Rentenphase eine jährliche Verzinsung von 1,75 Prozent. Formal handelt es sich um eine fondsgebundene Versicherung.

          Bild: F.A.Z.

          Anders als üblich trägt aber nicht der Kunde das Kapitalanlagerisiko. Der Vorteil für die Ergo: Für sie wird es etwas günstiger, die Garantie zu erzeugen, weil diese nicht mehr für jedes Jahr des Vertrags gilt. Der komplizierte Prozess des Deckungsstocks, der Anlagen und Verbindlichkeiten aufeinander abstimmt  wird ersetzt. An seine Stelle treten drei Anlagetöpfe: Geldmarkt- und Rentenfonds sowie der Aktienindex Dax. Die Kapitalanlage wird so gesteuert, dass die Schwankungsbreite der Fonds immer gleich ist. Zeigen sie eine schlechte Wertentwicklung, steigt der Wert der Garantie, für die die Ergo-Muttergesellschaft Munich Re eintritt.

          Anders sieht das Vorhaben der Wettbewerber Allianz und Axa aus. Die Allianz plant ebenfalls im Juli, ein Produkt mit gesplitteten Garantien einzuführen. Bei Vertragsabschluss wird ein fester Zins für die Ansparphase vereinbart. Zu Beginn der Rentenphase wird die Garantie neu berechnet - nach der dann herrschenden Lage am Kapitalmarkt. „Wer aber wie bislang eine Garantie über die gesamte Laufzeit haben will, bekommt diese nach wie vor“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Allianz Leben, Markus Faulhaber, kürzlich der „Südwest Presse“.

          Der Kunde profitiere, wenn der Garantiezins in der Rentenphase höher ist als aktuell. Es kann aber auch genau umgekehrt kommen. In jedem Fall aber werde es für das Unternehmen günstiger, eine Garantie bereitzustellen. An die Kunden werde das über höhere Überschussbeteiligungen weitergegeben. Die Axa prüft derzeit ein ähnliches Modell. Zudem will sie im Vertrieb stärker auf fondsgebundene Produkte setzen, bei denen der Kunde das Risiko allein trägt.

          Auffällig ist, dass es börsennotierte Unternehmen sind, die als erste solche neuartigen Produkte erproben. Unter den Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit herrscht Zurückhaltung. „Bei gesplitteten Garantien weiß der Kunde nicht genau, was er am Ende hat“, sagt Michael Fauser, Vorstandsmitglied der Continentale. Deren Direktversicherungstochter Europa gehört zu den Anbietern mit der höchsten Ablaufleistung. Aus seiner Sicht wird sich der Markt entlang der Rechtsformen teilen.

          „Die klassische Lebensversicherung wird eine Domäne finanzstarker Versicherungsvereine werden“, sagt er. Einen Schritt weiter geht der Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein, dessen Amt als Vorsitzender des Bundes der Versicherten derzeit ruht. „Wir erleben ein letztes Aufbäumen der Branche, um ihre Existenzberechtigung zu beweisen“, sagt er. Das Ergebnis seien intransparente Produkte, die vorgaukelten, genauso werthaltige Garantien wie zuvor zu bieten.

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