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Krankenkassen : Kostenwelle rollt auf Versicherte zu

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Der Spitzenverband der Krankenversicherung stellt gesetzlich Versicherte auf zusätzliche Kosten von mehr als zehn Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren ein.

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          Auf die 50 Millionen Mitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherung rollt nach Einschätzung des GKV-Spitzenverbands eine Kostenwelle von mehr als zehn Milliarden Euro zu. Um die von der großen Koalition beschlossenen und geplanten Zusatzausgaben zu finanzieren und die wachsenden Defizite im laufenden Betrieb aufzufangen, sei in den nächsten vier Jahren mit einem durchschnittlichen Beitragsanstieg um bis zu einem Prozentpunkt zu rechnen. Rechnerisch entspräche das sogar gut zwölf Milliarden Euro.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Da der gesetzliche Beitragssatz der Krankenversicherung bei 14,6 Prozent auf Arbeitseinkommen bis 4125 Euro im Monat eingefroren ist, würden die zusätzlichen Kosten allein auf den Zusatzbeitrag umgelegt. Den zahlen allein die Mitglieder – vor allem Arbeitnehmer und Rentner. Er liegt aktuell im Schnitt aller Kassen bei 0,83 Prozent. Bis 2019 könnte er auf 1,4 bis 1,8 Prozent steigen. Für einen Versicherten mit einem Arbeitseinkommen von  4125 Euro geht es dabei um monatlich bis zu 75 Euro.

          Große Kassen unter Druck

          Schon im kommenden Jahr erwarte sie einen Anstieg der Zusatzbeiträge auf breiter Front, sagte die Vorsitzende des Kassenverbands, Doris Pfeiffer. „Ich gehe davon aus, dass das eine breite Bewegung sein und nicht nur eine Handvoll Kassen betreffen wird“, sagte sie. Im Schnitt könnte der Beitrag im nächsten Jahr schon um 0,2 Punkte steigen.

          Derzeit erheben 50 Kassen einen Zusatzbeitrag auf dem vom Gesundheitsminister als im Durchschnitt notwendig anerkannten Niveau von 0,9 Prozent. Darunter sind viele große Kassen wie viele AOK, die Barmer/GEK, DAK oder KKH, denn in diesen 50 Kassen sind mehr als 60 Prozent der Versicherten Mitglied. Nur acht Kassen verlangen einen höheren Beitrag, dagegen geben sich 65 Kassen mit zusammen rund einem Drittel der Mitglieder einem niedrigeren Zusatzbeitrag zufrieden.

          Deren Anteil werde bald schrumpfen, ist sich Pfeiffer sicher. Das zeigten schon die jüngsten Zahlen. Immer öfter müssten Kassen auf ihr Angespartes zurückgreifen, um Defizite aus dem laufenden Betrieb zu finanzieren. Denn obwohl 2014 die Einnahmen um 3,1 Prozent gestiegen seien, hätten die Ausgaben mit 5,2 Prozent noch stärker zugelegt.

          Im Ergebnis sei schon bei mehr als einem Drittel der Kassen das Vermögen auf weniger als eine halbe Monatsausgabe geschrumpft. Vor einem Jahr sei die Finanzlage nur bei jeder fünften Kasse so angespannt gewesen. Wie ungleich die Finanzmittel unter den Kassen verteilt sind, zeigt die Tatsache, dass aktuell gut jede Dritte Kasse über eine Rücklage von mehr als einer Monatsausgabe verfügt.

          Steigende Ausgaben könnten damit die von der Politik auch aus Wettbewerbsgründen gewollte Spreizung der Beitragssätze beschleunigen, da Kassen ohne große Finanzpolster schneller höhere Beiträge verlangen müssten.

          Nach den Berechnungen des Kassenverbands belasten alleine die von der Koalition geplanten und beschlossen Mehrausgaben, unter anderem für neue Leistungen, Krankenhausreform, Prävention, Hospizversorgung und Innovationsforschung, die Kassen im nächsten Jahr mit 1,4 Milliarden Euro. Bis 2019 werde der Betrag dann auf 3,4 Milliarden Euro anwachsen, was 0,25 Beitragssatzpunkte entspräche.

          Hinzu komme der starke Anstieg der Kosten, der im Trend immer über den Einnahmen liege. Allein das führe zu einem mutmaßlich notwendigen Anstieg der Beitragssätze um 0,4 bis 0,7 Prozent, sagte Pfeiffer.

          Keine Hoffnung auf sinkende Kosten

          Im Verwaltungsrat der Kassen führte das zu einer Debatte, ob dann nicht auch die Arbeitgeber stärker an der Finanzierungen beteiligt und ihr Beitragsanteil von 7,3 Prozentpunkten angehoben werden müsse. Gewerkschaftsvertreter Christian Zahn verlangte das vehement, auch mit Blick auf die von beiden Seiten kontrollierte Selbstverwaltung. Arbeitgebervertreter Volker Hansen plädierte dafür, „auf absehbare Zeit“ bei dem heutigen Satz zu bleiben.

          Erwartungen in der Koalition, dass die Reform auch zu Kostensenkungen führen werde, teilt Pfeffer nicht. Solche Einsparungen seien nicht nur schwer zu quantifizieren, sondern auch in der Vergangenheit „häufig nicht eingetreten“.

          Als Chefin des Kassenverbands gehört es zu Pfeiffers Rolle, vor steigenden Ausgaben und Beitragssätzen zu warnen und Kostenbegrenzungen wie bei den Pharmaausgaben zu verlangen. Allerdings sind in den vergangenen Jahren die Einnahmen des Systems auch regelmäßig stärker gewachsen als erwartet worden war. Grund war die gute Konjunktur, die neue sozialversicherungspflichtige Stellen schuf und die Gehälter der Beschäftigten – auf die der Kassenbeitrag erhoben wird – überdurchschnittlich wachsen ließ.

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