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Versicherungsvertrieb : Versicherungsmakler laufen Sturm gegen neue Regeln

Unabhängiger Rat nur bei vorgegebener Vergütung? Versicherungsmakler fürchten um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Bild: Edgar Schoepal

Mit der Richtlinie für den Versicherungsvertrieb soll sich die Beratungsqualität verbessern. Doch der Berufsstand unabhängiger Vermittler befürchtet, marginalisiert zu werden.

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          So eine deutliche Ablehnung gegen neue Regeln ist selten zu hören. „Der Gesetzentwurf hat die Qualität, den Berufsstand der Versicherungsmakler, den Sachwalter der Kunden nachhaltig zu beschädigen – ohne auch nur einen Schritt beim Verbraucherschutz vorangekommen zu sein“, so formulierte der Verband Deutscher Versicherungsmakler (VDVM) seine Kritik, als er Ende November zu einem Gesetzentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums Stellung nahm. Mit diesem soll die europäische Versicherungsvertriebsrichtlinie (IDD) in deutsches Recht umgesetzt werden. Bis Anfang dieser Woche hatten Interessenvertreter Zeit, ihre Kritik zu äußern. Schon in der kommenden Woche will das Bundeskabinett das Gesetz beschließen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Dringlichkeit dieses Anliegens zeigt sich an folgendem Umstand: Der eigentlich allen Vermittlerformen offenstehende und somit neutrale Bundesverband der Sachverständigen für das Versicherungswesen (BVSV) hat eine Petition an Minister Sigmar Gabriel (SPD) aufgesetzt, die 5300 Vermittler unterschrieben haben. Noch bis zum 21. Dezember kann sie unterstützt werden. „Weshalb zielt der Referentenentwurf darauf ab, den Beruf des Maklers so zu erschweren, dass es fast unmöglich wird, ihn auf Dauer auszuüben?“, heißt es darin.

          Um die Sorge zu verstehen, muss man die unterschiedlichen Vermittlerformen voneinander abgrenzen: Versicherungsvertreter handeln im Auftrag des Produktgebers und werden über eine Provision vergütet. Das Gegenstück dazu ist der Berater, der auf Honorarbasis Produkte vermittelt. Er soll mit dem Gesetzentwurf gestärkt werden. Zwischen den Stühlen steht der Versicherungsmakler, der im Auftrag des Kunden handelt und bislang sowohl über Provision als auch ein Honorar vergütet werden konnte.

          Vergütung müsse weiterhin frei gewählt werden können

          Der Entwurf sieht nun vor, dass sich Versicherungsvermittler – also auch Makler – nur durch ein Versicherungsunternehmen bezahlen lassen dürfen. „Der Wegfall der Berechtigung, Honorare anzunehmen, schränkt die Möglichkeiten der Makler zu stark ein“, sagt BVSV-Geschäftsführer Michael Wendel. Der Honorar-Versicherungsberater werde bessergestellt, indem er anders als Vermittler seine Vergütung ohne Stornohaftzeit verbuchen könne. Überdies gerieten die Makler in Abhängigkeit der Versicherer. In der Sache sind sich viele Interessenvertreter einig. Kurz vor Ablauf der Frist sprang auch der Gesamtverband der versicherungsnehmenden Wirtschaft, der 1200 Unternehmen von Mittelstand bis Dax vertritt, den Maklern bei.

          Die Vergütung müsse weiterhin frei gewählt werden können, sonst gerieten Unternehmen, die Versicherungsschutz benötigten, ins Hintertreffen. „Ein Honorarannahmeverbot für Versicherungsmakler würde bestehende gut funktionierende Geschäftsmodelle zwischen Makler und der versicherungsnehmenden Wirtschaft in Frage stellen“, befürchtet der Verband. Zum Beispiel könnten unabhängige Makler keine Nettopolicen mehr vermitteln, die schon ohne Abschlusskosten kalkuliert und dadurch deutlich günstiger sind. „Was passiert, wenn der Versicherer den Vermittler nicht vergüten will, weil dieser den Vertrag nicht vermittelt hat?“, fragt der Maklerverband VDVM. Habe ein Kunde eine Police übers Internet abgeschlossen und wende sich dann im Schadenfall an einen Makler, müsse dieser auch Assistenz leisten und dafür bezahlt werden können.

          Doch nach anfänglich starker Dynamik stagnierte zuletzt die Zahl derer, die die Petition an Gabriel unterzeichnet haben. So sehr sie in der Sache an einem Strang ziehen, so ungern machen sich alle Lobbygruppen gemein. Vom Versichererverband GDV ist wenig Unterstützung zu erwarten. „In Einzelheiten gibt es noch Klärungs- und sicher auch Nachbesserungsbedarf“, schrieb der Vorsitzende der GDV-Geschäftsführung Jörg von Fürstenwerth am Donnerstag in einer Kolumne. Der Rolle des Maklers müsse besser Rechnung getragen werden. Im Grundsatz ziele der Entwurf aber in die richtige Richtung.

          Die Versicherer sind froh, dass das Gesetz nicht über die europäische Richtlinie hinausgeht. Zum Beispiel verpflichtet es Vermittler zu 15 Stunden Weiterbildung im Jahr – ein Level, das weit unterhalb einer freiwilligen Selbstverpflichtung des GDV liegt. Koppelgeschäfte sollen zwar verboten werden – Ausnahme sind aber Kreditverträge. So wäre es auch weiterhin erlaubt, mit einem Immobilenkredit eine Restschuldversicherung zu verkaufen. Dagegen laufen der Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Vertreterverband BVK Sturm. „Dass der Gesetzgeber hier der Finanzbranche mit Umgehungsregeln Brücken baut, ist für uns völlig unverständlich“, sagt BVK-Präsident Michael Heinz.

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