https://www.faz.net/-hsz-7jbq3

Versicherungsaufsicht : „Es gibt Versicherer, die an ihre stillen Reserven müssen“

Felix Hufeld Bild: Frank Darchinger/darchinger.com

Der Niedrigzins zwingt die deutschen Lebensversicherer zu Zusatzreserven und zu Produktinnovationen. Hier solle die Branche noch mutiger werden, fordert Felix Hufeld, Exekutivdirektor für Versicherungsaufsicht der Bafin.

          5 Min.

          Herr Hufeld, der Niedrigzins nagt an der Lebensversicherung. Müssen Kunden fürchten, dass ihre Garantien nicht mehr erfüllt werden?

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Im Augenblick nicht. All unsere Modellrechnungen und Stresstests belegen, dass die deutschen Lebensversicherer kurz- und mittelfristig in der Lage sein werden, ihre Verpflichtungen zu erfüllen.

          Was langfristig geschehen würde, sollte es zu japanischen Verhältnissen mit dauerhaft extrem niedrigen Zinsen kommen, ist schwer zu prognostizieren. Aber es ist völlig klar, dass das Konsequenzen hätte.

          Was heißt kurz-, mittel- und langfristig?

          Ich will das nicht weiter konkretisieren. Alle Berechnungen beruhen auf einer Vielzahl von Annahmen. Kleinste Schwankungen der Variablen führen zu gravierenden Änderungen der Ergebnisse. Deshalb wäre es nicht seriös, jetzt eine Jahreszahl zu nennen, nach dem Motto, ab dem Jahr x wird es richtig brenzlig.

          Was passiert, wenn ein Unternehmen den Garantiezins nicht mehr zahlen kann? Immerhin liegt der in manchen Beständen immer noch nahe 4 Prozent.

          Um genau dieses Szenario möglichst weit hinausschieben zu können, gibt es seit 2011 eine Zinszusatzreserve. Noch sind Reserven da, und die werden nun in echte Deckungsrückstellungen umgewandelt, um Leistungsversprechen halten zu können. Allein für das laufende Jahr werden die Lebensversicherer nach vorläufigen Zahlen rund 6 Milliarden Euro dafür aufwenden.

          Erstmals sind darin auch Verträge mit einem Garantiezins von 3,5 Prozent enthalten, weil der Referenzzins unter dieses Niveau gefallen ist. Seit 2011 sind so schon mehr als 13 Milliarden Euro zusammengekommen. Das ist ein gewaltiger Betrag, der uns Zeit verschafft.

          Wie lange wird es dauern, bis die Altverträge so weit abgeschmolzen sind, dass bei der heutigen Umlaufrendite auf die Zusatzreserve verzichtet werden kann?

          Das Problem behebt sich nicht in den nächsten fünf oder zehn Jahren von selbst. Wenn sich die Marktbedingungen nicht ändern, wird sich die Reserve jahrelang weiter aufbauen. So ist das in der Logik dieses Instruments angelegt.

          Neukunden werden also noch auf Jahre hinaus Verzicht zu Gunsten von Altkunden üben. Wird die Lebensversicherung an sich unattraktiver?

          Darauf muss die Branche eine Antwort finden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Produktinnovation. Wir begrüßen es als Bafin ausdrücklich, dass die Branche hier Lösungen sucht.

          Im Moment erinnert das Angebot an einen Donut: Wir haben eine starke Ballung in der klassischen Lebensversicherung mit Garantie, und wir haben ein recht beachtlich angewachsenes Volumen der fondsgebundenen. Doch dazwischen ist ein ziemliches Loch.

          Wo liegt das Problem?

          Das ist schon unter dem Aspekt des Kundennutzens ein ungünstiger Zustand. Von der Finanzmarktstabilität gar nicht zu reden. Andererseits ist völlig klar, dass weder die Lebensversicherung noch andere Anlageformen aus Stroh Gold machen können.

          Ob und wie stark die Lebensversicherung im Niedrigzinsumfeld an Attraktivität verliert, entscheidet sich stets im Vergleich mit anderen Anlageprodukten.

          Verbraucherschützer sind von neuen Garantiemodellen wenig angetan. Sie sprechen von einer Bankrotterklärung.

          Für die Bafin steht außer Frage, dass die Produktlandschaft auch in Deutschland vielfältiger werden muss. Sie können die traditionelle deutsche Lebensversicherung mit einer Garantie über die gesamte Vertragsdauer nicht als Vergleichsmaßstab für jedes andere Produkt nehmen. Das ist nicht angemessen und entspricht auch nicht der Realität im Rest der Welt.

          Viele Kunden schrecken zurück, weil sie die Produkte nicht mehr verstehen. Wird hier von den Versicherern überzogen?

          Transparenz ist ein hohes Gut. Doch komplexe Produkte sind nichts Neues. Wenn die Versicherer ihre Produkte nicht verständlich erklären können, werden die Kunden diese Produkte auch nicht kaufen. Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

          Eine Neuregelung zur Beteiligung ausscheidender Kunden an den Bewertungsreserven ist gescheitert. Wie dringend ist ein neuer Anlauf?

          Es gab eine ganze Reihe von Faktoren, die im Februar nicht hinreichend gewürdigt worden sind. Darunter der jetzt doch sehr sichere Schwenk zum neuen Aufsichtsrecht Solvency II. Vermutlich wird es dazu am 13. November eine politische Einigung geben.

          Die deutschen Lebensversicherer werden von 2016 an ihre Eigenmittel schrittweise jedes Jahr um mehrere Milliarden Euro erhöhen müssen – zusätzlich zu der Zinszusatzreserve. Und das voraussichtlich über einen Zeitraum von 15 Jahren, der sich als Übergangsfrist abzeichnet.

          Aber den Preis bezahlen auch die Kunden, die seit 2008 auf eine Beteiligung an den Reserven vertrauen. Wie steht es um die Balance?

          Die Kunden sollen auch weiterhin beteiligt werden. Aber dabei muss die extreme Volatilität berücksichtigt werden. Sie darf nicht länger in vollem Umfang auf die Ansprüche in den fälligen Verträgen durchschlagen. Sonst profitieren wenige Kunden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ausscheiden – zu Lasten der vielen Versicherten, die im Kollektiv bleiben.

          War die Regelung ein Fehler?

          Als sie 2008 eingeführt wurde, hat sich niemand vorstellen können, dass die stillen Reserven auf festverzinsliche Wertpapiere von 3 Milliarden Euro im Jahr 2011 innerhalb von eindreiviertel Jahren auf fast 90 Milliarden Euro hochschießen würden.

          Das sind Schwankungen, die man einem Zockerpapier zuschreiben würde. Und solche Schwankungen auf eine Anlageform durchschlagen zu lassen, die von jahrzehntelanger Berechenbarkeit geprägt ist, ist einfach ein logischer Widerspruch.

          Haben Sie Anzeichen dafür, dass Hochzins-Papiere vorzeitig verkauft werden mussten? Analysen lassen den Schluss zu, dass dies nicht erforderlich war.

          Das ist ein krasses Fehlurteil. Es gibt Gesellschaften, die nicht an ihre stillen Reserven heranmüssen, aber es gibt andere, die definitiv nicht mehr darum herumkommen – das hängt dann auch maßgeblich mit der Finanzierung der Zinszusatzreserve zusammen.

          Die Nettoverzinsung der Lebensversicherungen lag 2012 bei 4,6 Prozent, die laufende Verzinsung bei knapp 4 Prozent. Die Differenz erklärt sich zum großen Teil daraus, dass Bewertungsreserven gehoben wurden.

          Sind Lebensversicherer an die Bafin herangetreten, um ihre Ausschüttungsverpflichtungen zu reduzieren?

          Beantragt worden ist dies 2012 nur von der Protektor Lebensversicherungs AG, die sich als Auffangschirm der Branche in einer Sondersituation befindet. Wir ermuntern aber die Unternehmen, sehr früh mit uns das Gespräch zu suchen, falls auch nur die Möglichkeit in Betracht kommen könnte, das eine Minderung der Mindestzuführung notwendig werden könnte.

          Tatsächlich gab es drei weitere Unternehmen, die das in Erwägung gezogen hatten, ihre Zuführungen dann aber doch wie vorgeschrieben tätigen konnten. Wenn es in Zukunft solche Anträge geben sollte, dürfen sie nicht als Hilferuf einer ganzen Branche missverstanden werden. Sie bedeuten nicht, dass ein Unternehmen instabil ist oder kurz vor dem Umkippen steht.

          Kann es sich die Branche noch leisten, jedes Jahr rund 8 Milliarden Euro für Abschlussprovisionen auszugeben?

          Das ist eine berechtigte Frage, schon deshalb, weil der Anteil der Vertriebskosten in der Gesamtkalkulation stark angestiegen ist. Die Branche muss sich dem Kostenthema stellen, so wie die Autoindustrie oder der Maschinenbau auch. Eine andere Frage ist, ob dafür der Ruf nach dem Staat erforderlich ist. Das will ich aus Sicht der Bafin nicht bewerten.

          Könnte die Beratungsqualität unter einer Kostenbegrenzung leiden?

          Ich kann nicht erkennen, dass diejenigen mit den höchsten Courtagen auch die höchste Beraterqualität bieten. Klar ist, dass Vertriebsstrukturen in Bewegung kommen würden. Warum aber auch nicht? Auch anderswo gibt es strukturelle Änderungen im Vertrieb. Da kann die Versicherungsbranche kein Schutzreservat sein.

          Ausgerechnet die Debeka, der Inbegriff des seriösen Versicherers, soll sich auf fragwürdigen Wegen Daten von künftigen Beamten beschafft haben. Was tut die Bafin dagegen?

          Wir schauen uns den Vorgang genau an, klären den Sachverhalt auf und werden gegebenenfalls prüfen, ob wir Maßnahmen auf Basis des Versicherungsaufsichtsgesetzes einleiten. Hier stehen wir aber ganz am Anfang.

          Der Niedrigzins macht auch privaten Krankenversicherern zu schaffen. Wie wirkt sich das auf die Beiträge aus?

          Wir lassen die Krankenversicherer jedes Jahr prognostizieren, welche Erträge sie bei der Kapitalanlage in den nächsten zwei Jahr erzielen werden. Anhand der Ergebnisse können wir unternehmensindividuell feststellen, ob es in der Lage sein wird, den erforderlichen Rechnungszins zu erwirtschaften, oder ob dieser angepasst werden muss.

          Für dieses Jahr legt das Modell nahe, dass 18 der 48 Unternehmen dabei Schwierigkeiten haben dürften. Der Anpassungsbedarf bei den Prämien ist deshalb höher als in den Vorjahren. Aber es kann angesichts der Zinsentwicklung nicht überraschen, dass sich die Beiträge hierdurch verteuern.

          Das dürfte zu Diskussionen über die Probleme beim Wechsel in günstigere Tarife führen. Blockieren hier die Versicherer?

          Wir haben den Tarifwechsel immer wieder in Einzelfällen gegenüber den Unternehmen aufgegriffen. Jeder Kunde hat Anspruch darauf, seinen Tarif innerhalb der Gesellschaft zu wechseln. Auch geschlossene Tarife darf sie ihm nicht vorenthalten.

          Manchmal war eine freundschaftliche Ermunterung durch die Bafin notwendig, damit Versicherer die Rechte ihrer Kunden anerkannten. Eine Häufung der Fälle kann ich nicht erkennen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mietwohnungen sollen in Zukunft erschwinglicher werden.

          Entwicklung in den Städten : Neue Hoffnung für Mieter

          Es zeichnet sich ein Wandel ab: Der Zuzug in die Städte lässt nach. Die Mieten steigen kaum noch und die Löhne wachsen. Wer hätte das gedacht! Trotzdem profitieren längst nicht alle davon.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.