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Niedrigzins : Die Sicherheitspolster der Lebensversicherer schmelzen dahin

Zählt weiter zu den starken Versicherern: Allianz in München Bild: dpa

Offiziell präsentiert sich die Branche als kaum verwundbar und verweist auf gute Durchschnittswerte. Hinter vorgehaltener Hand mehren sich aber die Zweifel, auch wenn Standard & Poor’s die Versicherer als widerstandsfähig einstuft.

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          Wer zur Zeit die Lage der deutschen Lebensversicherer beschreiben will, muss fein unterscheiden: zwischen den offiziellen Verlautbarungen und dem, was hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Offiziell präsentiert sich die Branche als kaum verwundbar und verweist auf Durchschnittswerte: Ihre durchschnittliche Garantie liege bei 3,2 Prozent, die durchschnittliche laufende Verzinsung ihrer Kapitalanlagen bei mehr als 4 Prozent - also gebe es noch Spielraum.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Legt man Aufnahmegerät und Stift zur Seite, klingt das etwas anders: Denn unter den 93 Unternehmen der Branche gibt es solche, die sehr viel mehr knapsen, als es der Durchschnitt ausdrückt. Vorsichtig wird die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass einzelne Anbieter in den kommenden Jahren möglicherweise gestützt werden müssen. Drei Versicherer haben im Jahresverlauf zumindest in Betracht gezogen, einen Antrag zu stellen, ihre Mindestzuführung an die Kunden vorübergehend auszusetzen. Nachreservierungen für Verträge mit 3,5 und 4 Prozent Garantie summieren sich in diesem Jahr auf 6 Milliarden Euro. Der Spielraum, Kunden etwas über ihren Pflichtteil hinaus gutzuschreiben, wird geringer. Der Rohüberschuss, über den die Versicherer verfügen können, sinkt wegen des angespannten Kapitalmarktumfelds, wie die Grafik zeigt.

          Komfortabel über dem Durchschnitt

          „Die Konflikte häufen sich, weil weniger zu verteilen ist“, sagt Christian Badorff von der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P). Versicherer müssen sich entscheiden, ob sie unattraktive Produktfelder aufgeben oder wie sie zumindest mit Hilfe geringerer Kosten noch etwas mehr Überschuss für ihre Kunden erzielen. Doch Badorff sieht die Lage nicht dramatisch: Der Niedrigzins belaste, die Versicherer zeigten sich aber widerstandsfähig. Dabei ist seine Sicht davon geprägt, dass sich solide Versicherer eher von ihm überprüfen lassen als schwache. Selbst ihre Gewinnbeteiligungen dürfte nach seiner Einschätzung weiter sinken. Die hohen Lasten etwa durch die Zinszusatzreserve hätten schon dazu geführt, dass die Lebensversicherung im Neugeschäft als unattraktiver wahrgenommen werde.

          Bild: F.A.Z.

          Immerhin gebe die Sparte Schaden- und Unfallversicherung Anlass zu verhaltener Freude. Durch ein günstiges Schadenjahr 2012 liegen die Versicherer nach der S&P-Analyse wieder komfortabel über ihrem durchschnittlichen Rating der Stufe A. Hatten sie im Jahr zuvor nur noch 3 Prozent Luft, stieg dieser Puffer auf 11 Prozent. Die Hagel- und Flutschäden dieses Jahres minderten ihn zwar voraussichtlich wieder. Aber in den kommenden Jahren dürfte es leichter fallen, Preiserhöhungen durchzusetzen.

          Kandidaten für eine Schieflage unbekannt

          Die Lebensversicherung bleibt das Sorgenkind der Branche. Allmählich schmelzen auch die freien Mittel zur Beitragsrückerstattung, die dazu genutzt werden, Kapitalmarktschwankungen über die Jahre auszugleichen. Hatten sie vor sieben Jahren noch bei 286 Prozent der Beitragseinnahmen gelegen, minderten sie sich seither kontinuierlich auf nur noch 179 Prozent. Das Thema Abwicklung wird in der Branche immer intensiver diskutiert. Sie ist für den Kunden eher zum Nachteil. Versicherer betonen, sie könnten dann Geld sparen, weil keine Abschlusskosten mehr anfielen. „Dies kommt in der Praxis aber häufig nicht den Kunden zugute“, hat Lars Heermann von der Ratingagentur Assekurata beobachtet. „Die Konzernsteuerung hat dann kein Interesse mehr, dort große Überschussbeteiligungen zu gewähren.“ Denn ohne Neugeschäft muss ein Unternehmen nach außen auch nicht mehr attraktiv erscheinen.

          Doch Kandidaten für eine Schieflage zu identifizieren, ist nahezu unmöglich. Hinweise geben niedrige Kapitalerträge und hohe Kostenquoten. „Damit ist aber noch nichts darüber gesagt, ob vielleicht aus einem Mutterkonzern noch Stützungsbereitschaft besteht“, sagt Heermann. Klarer ist nur, dass starke Versicherer wie die Allianz, die Debeka, die Stuttgarter oder die Alte Leipziger die Probleme am unteren Rand verzerren, weil sie die Durchschnittswerte nach oben treiben.

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