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Mahnung der Bundesbank : Niedrigzinsen bedrohen Finanzstabilität

Haupteingang der Bundesbank in Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

Die Bundesbank mahnt, dass die Euro-Krise noch nicht ausgestanden sei. Zudem gebe es Überkapazitäten im Bankensektor.

          Die Deutsche Bundesbank warnt davor, dass die extrem niedrigen Zinsen die Finanzstabilität in Deutschland bedrohen könnten. „Das Niedrigzinsumfeld übt Druck auf den Zinsüberschuss der Banken aus und lässt ihre Ertragskraft abschmelzen“, sagte die Bundesbank-Vizepräsidentin Sabine Lautenschläger am Donnerstag bei der Vorlage des jährlichen Finanzstabilitätsberichts in Frankfurt. Noch stärker haben die Lebensversicherer mit den niedrigen Zinsen zu kämpfen. Deren Garantiezins liege im Durchschnitt bei 3,2 Prozent. Mit Staatsanleihen könnten sie derzeit nur noch durchschnittlich 1,3 Prozent Rendite erreichen. „Es wird immer schwieriger, den Garantiezins zu erwirtschaften“, sagte Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret. Die Bewertungsgewinne auf Anleihen durch das Zinstief nannte er „Scheingewinne“. Bei einem „milden Stresstestszenario“, das die Bundesbank berechnet hat, fielen zwölf Lebensversicherer mit 14 Prozent Marktanteil unter die Schwelle der geforderten Eigenmittel. Im Falle einer großen Rezession kämen 32 Versicherer in die Bredouille.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Die Ertragsschwäche der deutschen Banken sei aber auch strukturell bedingt, betonte Lautenschläger. Der Zinsüberschuss sei schon seit längerem rückläufig. Seit Mitte der neunziger Jahre hat sich die Spanne zwischen Zinserträgen und Zinsaufwendungen von 2 auf 1 Prozent halbiert. „Die wichtigste Ertragsquelle der Banken erodiert seit langem“, erklärte Lautenschläger. Es gebe „deutliche Hinweise auf Überkapazitäten“. Weil es zu viele Banken gebe, zwischen denen ein harter Wettbewerb tobt, sei längerfristig mit niedrigeren Renditen zu rechnen. Dieses Jahr lagen die operativen Gewinne der zwölf größten Banken mit 35 Milliarden Euro etwas höher als im Vorjahr, weil sie bei steigenden Börsen ihr Handelsergebnis verbessern konnten.

          Eine „Belastung für das deutsche Finanzsystem“

          Das zweite Hauptrisiko für die Stabilität des Finanzsektors ist weiterhin die Staatsschuldenkrise in Europa. Deutsche Banken haben aber ihre Forderungen gegenüber den sechs angeschlagenen Ländern der Europeripherie, vor allem in Südeuropa, deutlich zurückgefahren: Vor einem Jahr betrugen sie noch gut 430 Milliarden Euro. Jetzt sind es noch 243 Milliarden Euro, darunter knapp 63 Milliarden Euro Staatspapiere. Weiterhin sind die Banken anfällig, weil sie hohe Kredite in besonders „kritischen Sektoren“ ausgegeben haben. Lautenschläger erwähnte 105 Milliarden Euro für Gewerbeimmobilien im Ausland, zudem 86 Milliarden Euro Schiffskredite und Verbriefungen mit 94 Milliarden Euro Buchwert. Allerdings können die Banken mögliche Verluste jetzt besser absorbieren, weil sie größere Eigenkapitalpuffer haben. Die Kernkapitalquote der zwölf größten Banken sei im Mittel um 2,1 Prozentpunkte auf 15,3 Prozent gestiegen, der Verschuldungsgrad auf 28 Prozent gesunken. „Einige Banken müssen aber noch erhebliche Anstrengungen unternehmen, um die regulatorischen Anforderungen zu erreichen“, sagte Lautenschläger. Die anstehende Bilanzprüfung durch die Europäische Zentralbank (EZB) sehe sie als „große Chance“, weil durch sie mehr Transparenz gewonnen werde.

          Dombret betonte, dass die Niedrigzinsen „mehr und mehr zu einer Belastung für das deutsche Finanzsystem“ werden. Zwar sei die expansive Geldpolitik der EZB angesichts der gesunkenen Inflation gerechtfertigt, doch nähmen auf die Dauer die Risiken zu. Eine unerwünschte Nebenwirkung seien überbewertete Vermögenswerte. Nach Berechnungen der Bundesbank sind die Preise für Wohnungen in einzelnen Großstädten in der Spitze um bis zu 20 Prozent übertrieben. Dombret vermied das Wort „Blase“. Bislang ergebe sich daraus kein erhebliches Risiko für die Finanzstabilität. Das Wachstum der Immobilienkredite sei mit 2,2 Prozent moderat. Dombret betonte die „solide Schuldentragfähigkeit der privaten Haushalte“.

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