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Lebensversicherungen : Hessens Finanzminister greift Verbraucherschützer an

  • -Aktualisiert am

Weniger Bares: Die Kunden reagieren allergisch Bild: dpa

Thomas Schäfer beklagt eine von Verbraucherschützern ausgelöste Massenhysterie. Der hessische Finanzminister unterstützt die geplante Änderung der Bewertungsreserven in Lebensversicherungen.

          Der Streit um die Lebensversicherung geht weiter. „Wir erleben gerade eine neue, von Verbraucherschützern getriebene Massenhysterie“, sagte Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) am Donnerstag im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ich kann nicht verstehen, wie Verbraucherschützer bei der geplanten Änderung der Bewertungsreserven in Lebensversicherungen Zeter und Mordio schreien.“

          Der Streit um die Lebensversicherung ist kompliziert. Es geht um Bewertungsreserven, Garantiezinsen und Kapitalmarktzinsen – und um viel Geld: 793 Milliarden Euro haben die Lebensversicherer für ihre Kunden angelegt, davon 706 Milliarden Euro in Staatsanleihen, Bankdarlehen, Hypotheken und anderen festverzinslichen Wertpapieren. Deren Kurse sind wegen der gesunkenen Zinsen stark gestiegen.

          Beteiligungen an den Bewertungsreserven

          Denn bei sinkenden Zinsen kann der Bund beispielsweise eine zehnjährige Bundesanleihe zu einem niedrigeren Zins begeben als die Bundesanleihe davor. Bei sinkenden Zinsen sind die alten Bundesanleihen mit höherem Kupon gefragter. Eine steigende Nachfrage lässt die Preise steigen – und so sind die Anleihebestände in den Büchern der Lebensversicherungen in den vergangenen Jahren im Wert gestiegen, ohne dass die Versicherer oder ihre Kunden etwas dafür tun mussten.

          Diese Buchgewinne müssen die Lebensversicherer in Bewertungsreserven fließen lassen, die sie seit dem Jahr 2008 zur Hälfte an ausscheidende Kunden ausschütten müssen. Kunden, deren Lebensversicherung 2013 fällig wurde oder die im vergangenen Jahr gekündigt haben, erhielten so laut Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) einen Zuschlag von durchschnittlich 1.200 Euro – 270 Euro aus Aktien, Immobilien und anderen Anlagen, 930 Euro aus festverzinslichen Darlehen. 2,8 Milliarden Euro haben die Lebensversicherer 2013 aus Bewertungsreserven für festverzinsliche Papiere an die Kunden ausgekehrt.

          „Ungerechtfertigt bevorteilt zu Lasten derer, deren Police erst in Jahren fällig wird“

          Die Bundesregierung will die Versicherungskunden nicht mehr an den Bewertungsreserven aus festverzinslichen Wertpapieren beteiligen. Damit fielen diese 930 Euro weg. Das unterstützt der hessische Finanzminister. „Es kann doch nicht angehen, dass Leute, die jetzt ihre Lebensversicherung ausbezahlt bekommen, ungerechtfertigt bevorteilt zu Lasten der Versicherungskunden werden, deren Lebenspolice erst in zehn oder 15 Jahren fällig wird“, sagte Schäfer. „Wir reden doch hier über die Altersvorsorge von Millionen Menschen.“

          Deshalb fordert Schäfer: „Die Bewertungsreserven von festverzinslichen Wertpapieren sollten am besten komplett aus den Bewertungsreserven herausgenommen werden – hier handelt es sich ja ohnehin nur um Scheingewinne.“ Schäfer stört ein zweiter Punkt: „Die Lebensversicherungen legen ihre Mittel zu 96 Prozent in Spezialfonds an“, sagt er. „Diese Anlagevehikel wandeln Kursgewinne von Wertpapieren in Steigerungen des Anteilspreises um; das ist ein Problem.“

          Denn die Kursgewinne von Wertpapieren gingen zu 90 Prozent in die Überschussbeteiligung, während die Wertsteigerungen in Spezialfonds nur zu 50 Prozent über die Bewertungsreserve an die Kunden ausgekehrt würden. „Diese Differenz von 40 Prozentpunkten ist ein Problem, um das wir uns kümmern müssen“, sagt Schäfer. „Die realisierten Gewinne in den Spezialfonds müssen am Ende den Versicherten zugutekommen.“ Das Ziel für den Finanzminister in Wiesbaden ist klar: „Die Lebensversicherung sollte als Modell auf jeden Fall weiterbestehen.“

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