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Krankheitskosten Verstorbener : Versicherungschef will Kosten vom Erbe abziehen

Pflege ist teuer: Wer soll sie zahlen? Bild: dpa

Werner Görg, Chef der Gothaer Versicherung, macht einen brisanten Vorschlag: Erben könnten für die Krankheitskosten eines Verstorbenen nachträglich herangezogen werden. Sonst sei die Sozialversicherung nicht haltbar.

          Werner Görg sieht die umlagefinanzierte Sozialversicherung langfristig in ernster Gefahr. Daher ist der Chef des Versicherungskonzerns Gothaer bereit, auch über ungewöhnliche Schritte nachzudenken, um die Sozialkassen zahlungsfähig zu halten: Erben könnten für die Krankheitskosten eines Verstorbenen nachträglich herangezogen werden.

          „Es wäre eine Überlegung wert, die Kranken- und Pflegekosten des letzten Lebensjahres nach dem Ableben vom Erbe abzuziehen und in die Kassen der Sozialversicherung einzuzahlen“, sagte Görg im Gespräch mit Journalisten. De facto wäre dies wohl eine Teilenteignung der Erben, die zahlen müssten, weil die Sozialversicherung in Zukunft zugesagte Leistungen nicht mehr aus eigener Kraft wird finanzieren können.

          Dies gilt gerade für Kosten, die aus der Kombination aus steigender Lebenserwartung und eines viel Geld verschlingenden medizinischen Fortschritts mit der Annäherung an das Lebensende entstehen. „Die Krankheitskosten sind vor allem im letzten Lebensjahr eines Menschen überdurchschnittlich hoch“, sagte Görg.

          „Der Generationenvertrag funktioniert nicht mehr“

          „Ohne Berücksichtigung dieser Kosten könnten die Beiträge zur Krankenversicherung rein rechnerisch um möglicherweise mehr als ein Drittel sinken.“ Im Interesse der aktiven Beitragszahler bringt Görg daher eine Übertragung der in der letzten Lebensphase entstehenden Kosten auf Erben ins Spiel. Denn für Görg ist gewiss: „Der Generationenvertrag funktioniert nicht mehr.“

          Eine wesentliche Voraussetzung des Generationenvertrages und des aus ihm folgenden Umlageverfahrens in der Sozialversicherung sei eine genügende Zahl von Kindern. Diese aber gebe es nicht. „Aus der demographischen Entwicklung folgt, dass im Jahre 2050 die Beiträge zur Sozialversicherung doppelt so hoch sein müssten wie heute, wenn sich an den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen nichts ändert“, betonte Werner Görg.

          Nach Prognosen wird der Anteil der Menschen, die 80 Jahre und älter sind, an der Gesamtbevölkerung bis zum Jahre 2050 von 5 auf 14 Prozent steigen. Dabei ist es nicht das zunehmende Alter an sich, das die Grundlagen der Sozialversicherung gefährdet: „Durch die Verlängerung der Lebenserwartung nehmen die Kosten der Rentenversicherung linear zu, die Kosten der Pflege- und Krankenversicherung aber exponentiell“.

          Gefahren für die Demokratie

          Im Gegenzug wird der Anteil der Menschen zwischen 20 und 64 Jahren, die für die Beiträge überwiegend aufkommen, bis zum Jahre 2050 von 61 auf 53 Prozent der Gesamtbevölkerung zurückgehen. Die demographische Entwicklung geht schon lange in diese Richtung. Görg wies darauf hin, dass schon seit dem Jahre 1880 in Deutschland keine Geburtenrate mehr erreicht worden ist, die zur Reproduktion der Bevölkerung genügt hätte.

          Heute bedürfte es im Schnitt 2,1 Kindern je Paar, um die Bevölkerungszahl ohne Einwanderung zu stabilisieren. Erreicht wird eine Rate um 1,25 Kinder. Sollte eine Mehrheit alter Menschen dauerhaft über die Wahlurnen Entscheidungen zu Lasten der Beitragszahler treffen, sieht Görg Gefahren für die Demokratie. Zuwanderung spielt in Deutschland schon lange eine wichtige Rolle, aber die Länder, aus denen Menschen zuwandern, werden sich ändern.

          „Die demographische Entwicklung ist nicht nur in Deutschland ungünstig, sondern auch in vielen anderen europäischen und asiatischen Staaten. Wenn wir langfristig auf Zuwanderung setzen, wird sie daher aus Afrika kommen müssen“, sagt Görg.

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