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Dubiose Lockangebote : „Ihre Krankenkasse ist nicht gut“

Maklerbelohnung aus Italien: Einer der Ferraris aus dem MEG-Fuhrpark. Bild: picture-alliance/ dpa

Unwillkommene Anrufe aus dem Callcenter, Spam-Mails, Lockangebote - viele unseriöse Anbieter wollen den Verbrauchern vermeintlich günstige private Krankenversicherungen aufschwatzen. Die Verbraucherzentralen schlagen Alarm.

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          Neulich kam wieder so eine E-Mail. Ole Thomas nannte sich der Absender. Noch nie gehört den Namen, trotzdem das Anschreiben geöffnet. „Nach Überprüfung Ihres derzeitigen Tarifs haben wir festgestellt dass Ihr Krankenkassentarif veraltet und zu teuer ist“, lockte der Verfasser mit fehlerhafter Kommasetzung. Unter www.vergleichen22.biz könne man tolle Angebote finden. Schon für 59 bis 99 Euro lasse sich der Versicherungsschutz finanzieren.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die private Krankenversicherung hat offenbar ein Problem. Noch immer gelingt es ihr nicht, sich von unseriösen Maklern und Bauernfängern abzugrenzen. Ungefragt werden potentielle Kunden mit Angeboten per Spam-E-Mail zugemüllt. Dabei werden Versprechen gemacht, von denen sich die Branche selbst längst distanziert hat.

          Zuletzt waren mit der Central und der DKV zwei der größten Anbieter aus dem Geschäft mit günstigen Einsteigertarifen komplett ausgestiegen. Der PKV-Verband legte eine Liste mit Mindestanforderungen an einen privaten Versicherungsvertrag vor, an die sich die meisten Mitgliedsunternehmen mit ihren neuen Unisextarifen auch weitgehend gehalten haben.

          Nervige Anrufe und inkompetente Beratung 

          Doch auch der Vertrieb über Callcenter ist aggressiver geworden. „Ihre Krankenkasse ist nicht gut“, nervte neulich eine Anruferin ungebeten. Sie könne den Tarif optimieren, versprach sie und holperte ungeübt durch das anspruchsvolle Thema. Ob es ihr um die gesetzliche Krankenkasse oder eine private Krankenversicherung gehe, lautete die Rückfrage. Als sie in ihrer Antwort beide Systeme miteinander vermischte und von „privater Krankenkasse“ sprach, war das Gespräch zu Ende. Welchen Sinn hätte auch ein Austausch über Oberarztbehandlung, Umfang der Psychotherapiestunden oder Anzahl der bezahlten Reha-Maßnahmen mit jemandem gehabt, der noch nicht einmal das ABC des Versicherungsschutzes beherrscht? Wie hätte sie über den Anlagenotstand in der PKV angesichts des Niedrigzinses und der Volatilität am Aktienmarkt aufklären wollen?

          Doch am Ende solcher Gespräche muss doch auch immer irgendein Angebot stehen. Es muss also Versicherer geben, die mit solchen ungeschulten Callcenter-Mitarbeitern zusammenarbeiten. Unvergessen sind die glänzenden Augen, mit denen ein Versicherungsvorstand einst die Effizienz des legendären Krankenversicherungsmaklers Mehmet Göker lobpries. Mit den Vorschüssen der Unternehmen hatte sich der Kasseler einen spektakulären Ferrari-Fuhrpark vorfinanziert. In Klaus Sterns preisgekröntem Dokumentarfilm „Versicherungsvertreter“ ist zu sehen, wie der MEG-Gründer nach seiner Insolvenz beginnt, von der Türkei aus das lukrative Geschäft mit Krankenpolicen von Neuem aufzubauen - auch dafür benötigte er Produktpartner.

          Vor billigen Krankenversicherungen sollten sich Kunden in Acht nehmen

          Nun kommen Spammer wie Ole Thomas oder Luca Lang hinzu, der sich vier Tage vor diesem - natürlich ebenfalls ungefragt - mit einem Preisangebot gemeldet hatte. Wer dahintersteckt, lässt sich kaum ermitteln. Bei Interesse an einer günstigen Versicherung aber landen die Verbraucher offenbar schnell in einer Datenbank, wie sie einst auch die halbwissenden MEG-Berater für ihren Beutezug verwendeten. In der Verbraucherzentrale Thüringen gehen die Alarmglocken an, wenn sie von solchen Mails erfährt. „Wer danach auf den Vergleichs-Button drückt, liefert zwar seine Daten ab, kann aber nicht sicher sein, ein seriöses Vertragsangebot zu erhalten, zumal der Urheber der Website seinen Firmensitz im Ausland hat“, warnte Ralf Reichertz, Referatsleiter Recht der Verbraucherzentrale Thüringen, am Montag. Für 59 Euro sei kein seriöser Versicherungsschutz möglich. In keinem Fall sollten die Links geöffnet werden, die in solchen Anschreiben enthalten sind.

          Auch wenn Internetwerbung und Callcenter-Agenten etwas anderes suggerieren: Vor billigen Krankenversicherungen sollten sich Kunden in Acht nehmen. Zumindest sollten sie genau wissen, welche Einschränkung der Absicherung sie in Kauf nehmen. Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherungen gehören wegen ihrer Kombination aus Kapitalanlage und komplexem Leistungskatalog zu den beratungsintensivsten Policen. Selbst die Recherche mit Hilfe von Verbraucherportalen sollte um ein persönliches Beratungsgespräch ergänzt werden, in das auch Erfahrungen des Verkäufers mit Schadenfällen eingehen sollten. Er könne einen ganz unverbindlichen Test anbieten, hatte dagegen der wahrscheinlich fiktive Luca Lang geschrieben. „Konfrontieren Sie Ihre derzeitige Gesellschaft mit diesem Wert - das wirkt oft Wunder!“ Ein noch größeres Wunder wäre es indes, wenn solche halbseidenen Akteure eines Tages vom Markt verschwänden.

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