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Berufsunfähigkeit : Versicherer zahlen großzügiger als gedacht

Rücken oder Psyche? Viele Lehrer scheiden frühzeitig aus dem Beruf aus Bild: Thomas Raupach

Die Branche sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, systematisch Leistungen zu verschleppen. Eine aktuelle Untersuchung findet dafür jedoch keine Indizien. Welche Schlussfolgerungen kann der Verbraucher daraus ziehen?

          3 Min.

          Wie man die Arbeit der Versicherungswirtschaft einschätzt, hängt immer von der Perspektive ab. Die Unternehmen klagen darüber, wie häufig sie von Kunden betrogen werden. Jede Privatperson kennt dagegen eine Geschichte, in der sich der Versicherer geweigert hat zu zahlen. Manchmal nehmen solche Fälle erschreckende Ausmaße an. So ging es einem Lastwagenfahrer, dessen Körper auf einem Betriebsgelände von einem Gegenstand durchbohrt wurde. Seither ist er schwerbehindert und kann nicht mehr arbeiten. Doch sein Unfallversicherer schickte ihm ein Standardschreiben, auf dem er einem Forderungsverzicht gegen einen Bagatellbetrag zustimmen konnte. Erst nach einem zermürbenden Prozess konnte er dann die sechsstellige Versicherungssumme erstreiten, die ihm zustand.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Doch wie verbreitet sind solche Fälle? In Verbrauchersendungen im Fernsehen wird suggeriert, dass Ablehnungen die Regel sind. Im vergangenen Januar erzeugte die Wochenzeitung „Die Zeit“ mit einem umfangreichen Artikel unter der Überschrift „Im Stich gelassen“ erheblichen Wirbel in der Assekuranz. Auf Verbraucherfragen spezialisierte Anwälte berichten davon, dass Versicherer insbesondere bei teuren Berufsunfähigkeitsfällen systematisch Leistungen verweigern. Der Branchenverband GDV reagierte auf diese Kritik im vergangenen Juli mit einer eigenen Untersuchung. „98 bis 99 Prozent der Fälle werden reibungslos reguliert“, ließ der Verband bei der Präsentation wissen. Ihm wurde deshalb viel Skepsis entgegengebracht.

          Aufschlussreicher scheinen Untersuchungen von unabhängigen Marktbeobachtern. Jedes Jahr schaut die Produktratingagentur Franke & Bornberg genauer hin. Sie richtet sich mit ihren Analysen an Versicherungsmakler und ist somit Teil der Branche. Sie hat aber zu allen Anbietern dieselbe Distanz und schreckt selten vor Kritik zurück. In diesem Jahr ist die Untersuchung deutlich umfangreicher ausgefallen als in den Vorjahren. Sie liegt dieser Zeitung exklusiv vor. „Die medial verarbeiteten Fälle spiegeln sich nicht als systematisches Vorgehen in unseren Zahlen wider“, sagt Geschäftsführer Michael Franke. „Auch bei den von uns untersuchten Unternehmen laufen gelegentlich Dinge schief. Wir wollen ihnen also keinesfalls einen Persilschein ausstellen.“

          Was der Kunde im Vertrag ausschließen sollte

          Erstmals ist in der Analyse erhoben worden, wie häufig Versicherer einen Gutachter bestellt haben, um die Berufsunfähigkeit zu prüfen. Der öffentliche Vorwurf gegen die Branche lautet, dass sie sich überwiegend auf Gefälligkeitsgutachter stütze, die der Versicherungswirtschaft nahestünden. Bei den insgesamt 22.000 Neuanmeldungen zur Berufsunfähigkeit (was der Hälfte des gesamten Marktes entspricht), wurden in 7,2 Prozent der Fälle Gutachter zu Rate gezogen. In einer Stichprobe gingen 49 von 69 Gutachten an verschiedene Mediziner. Sie sind regional breit gestreut, was die Aussage der Versicherer stützt, dass sie wohnortnahe Experten einsetzen. Zudem zeigen die Leistungsfall-Dokumentationen, dass sie danach ausgewählt wurden, ob sie gerade Zeit hatten. Ein systematischer Rückgriff auf immer dieselben Gutachter brächte sicherlich andere Ergebnisse zutage. In mehr als drei Viertel der Gutachten ging es übrigens um psychische und orthopädische Erkrankungen, die häufig unklarer liegen als andere Fälle.

          Worauf sich Kunden einstellen müssen
          Worauf sich Kunden einstellen müssen : Bild: F.A.Z.

          In rund 70 Prozent der Neuanmeldungen werden die Leistungen gewährt, in 30 Prozent abgelehnt. In vier von zehn Fällen ist die Ablehnung medizinisch begründet. Etwa genauso hoch ist der Anteil der Kunden, die ihren Antrag nach einer Ablehnung zurückziehen. Makler weisen in ihren Beratungen darauf hin, dass der Kunde im Vertrag ausschließen sollte, abstrakt auf einen anderen Beruf verwiesen werden zu können. Das heißt, dass er in jedem Fall als berufsunfähig anerkannt wird, wenn er seinen gelernten Beruf nicht mehr ausüben kann.

          Kommt es zum Prozess, müssen Versicherer selten zahlen

          Wenn der Antrag auf Berufsunfähigkeit abgelehnt wird, verweist der Versicherer nur in 2,1 Prozent der Fälle abstrakt: Insgesamt dauert es rund 170 Tage, bis ein Fall fertigreguliert ist. Ablehnungen dauern 180 Tage, Anerkennungen etwas weniger als 160 Tage. Seit Franke & Bornberg diese Zahl vor fünf Jahren das erste Mal erhoben hat, ist die Bearbeitungsdauer kontinuierlich gesunken: bei Anerkennungen um etwa ein Viertel, bei Ablehnungen um ein Zehntel. Auch dies spricht aus Sicht von Franke gegen eine kundenfeindliche Regulierung. „Gäbe es eine systematische Leistungsverschleppung, müssten mehr Fälle bekanntwerden“, sagt er. Auch eine Umfrage unter 2.500 Versicherungsmaklern nach auffälligem Regulierungsverhalten habe gerade einmal fünf neue Fälle zutage gefördert.

          Ein Manko der Untersuchung ist wie üblich bei solchen Stichproben, dass nur Unternehmen berücksichtigt wurden, die freiwillig teilnehmen. Das kann die Ergebnisse verzerren. Verbraucher können dennoch sinnvolle Schlussfolgerungen ziehen. Wenden sie sich an einen Versicherungsmakler, weiß dieser in der Regel, welche Versicherer umsichtiger regulieren und welche häufiger Leistungen verweigern. Umstritten ist die Interpretation des mit 50 Prozent hohen Anteils von Vergleichen bei gerichtlichen Auseinandersetzungen.

          Dass nur in 17 Prozent der Prozesse der Versicherer zum Zahlen verdonnert wird, wertet die Branche als Bestätigung für ihre saubere Regulierung. Kritische Beobachter dagegen sehen gerade dies als Beleg dafür, dass die Versicherer häufig bis zum Äußersten gehen und erst die Leistung bewilligen, wenn sie schon Signale vom Gericht erhalten, dass sie den Prozess verlieren. So war es übrigens auch in dem eingangs geschilderten Fall des Unfallopfers.

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