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Mediation : Lieber zum Schlichter als zum Richter

Und wer kümmert sich um die Hecke? Bild: Ute Grabowsky/ photothek.net

Nachbarstreit, Scheidung, Ärger mit der Bank: Häufig landen Konflikte vor Gericht. Das muss nicht sein. Billiger und schneller geht’s mit Schlichtern.

          Der Tod kam schnell und unerwartet: Der Mann, Mitte vierzig, verheiratet, zwei Kinder, hatte gerade ein heißes Bad genommen. Er stieg aus der Badewanne und geriet, unter noch immer ungeklärten Umständen, ins Taumeln. Mit voller Wucht prallte er auf die geschlossene Glastür, die in tausend Splitter zerbrach. Der Mann starb an den Folgen der Verletzungen.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Für die Familie war der Tod des Mannes eine Tragödie, für seine Versicherung ein Aktenvorgang. Sie tat, was viele Versicherungen tun, wenn Menschen unter mysteriösen Umständen zu Schaden kommen: Sie zweifelte. Die Leistungen aus der Unfallversicherung, die der Mann abgeschlossen gehabt habe, verweigerte seie. Es sei gar nicht sicher, dass der Mann im Badezimmer tatsächlich einen Unfall hatte, weil er auf den nassen Fliesen ausgerutscht war, argumentierte sie. Der plötzliche Tod hätte ebenso durch einen Herzinfarkt ausgelöst werden können, schließlich habe der Mann einen Herzfehler gehabt. Beweisen ließ sich zu diesem Zeitpunkt keine der beiden Versionen: Der Mann war nach seinem Tod eingeäschert worden.

          In solchen Fällen schaltet sich Günter Hirsch ein. Acht Jahre lang war der 72 Jahre alte Jurist Präsident des Bundesgerichtshofs, doch diese Zeit hat er lange hinter sich gelassen. Seit sieben Jahren ist er Ombudsmann der deutschen Versicherungsbranche, und als solcher schreibt er in solchen Fällen keine Urteile mehr, sondern greift zum Telefonhörer. Dann bespricht er diese Dinge direkt mit dem Vorstand, diskret und zielorientiert. Statt mehreren Monaten dauerte das Verfahren nur ein paar Wochen. Dann konnte Hirsch der Witwe mitteilen: Die Versicherung ist bereit zu zahlen. Fall erledigt.

          Immer mehr Menschen gehen diesen Weg, fernab der staatlichen Gerichte - ohne Anwalts- und Gerichtsgebühren, ohne öffentliches Gerichtsverfahren. In den vergangenen 15 Jahren sind die Zahlen für die Neuzugänge bei den Gerichten immer weiter zurückgegangen, von 404.000 Klagen an den Landgerichten im Jahr 1998 auf 356.000 im Jahr 2012. Auf privatem Wege lassen sich inzwischen fast alle Streitigkeiten lösen. Oft geht es dabei um Fälle, die anders gar nicht geklärt werden könnten. „Ich stehe gar nicht in einem Verdrängungswettbewerb mit den Gerichten“, sagt Hirsch. „In vielen Fällen bin ich keine Alternative, sondern der einzige Weg.“ 19.000 Beschwerden laufen jedes Jahr in der Ombudsstelle der Versicherungen auf.

          Tatsache ist: In Deutschland gibt es eine regelrechte Gerichtsphobie. Nur jeder fünfte Bürger würde es überhaupt auf einen Prozess ankommen lassen, wie eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Allensbach für die Rechtsschutzversicherung Roland ergab. Und 32 Prozent gaben an, sie würden einen Gerichtsprozess selbst dann vermeiden, wenn sie sich im Recht fühlten. Ein großer Minuspunkt sind die Kosten und die Dauer des Verfahrens. Denn so ein Prozess kann sich ziehen: Vor dem Landgericht sind es inzwischen fast neun Monate. Für ein höchstinstanzliches Urteil braucht es meist mehrere Jahre.

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