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Lebensversicherung : Das tote Pferd der Altersvorsorge

Die Unternehmenszentrale der Zurich Versicherung in Bonn Bild: Edgar Schoepal

Vor drei Jahren beschloss die Zurich Versicherung einen Rückzug aus dem Geschäft mit der klassischen Lebensversicherung. Durch die Marktentwicklung sieht sich der Versicherer heute bestätigt.

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          Von einem toten Pferd steigt man besser rechtzeitig ab, wenn man sich weiter fortbewegen will. Mit diesem drastischen Bild veranschaulicht die Zurich Versicherung ihre Entscheidung von vor drei Jahren, aus der klassischen Lebensversicherung auszusteigen. Seither baut der viertgrößte deutsche Lebensversicherer fast ausschließlich auf fondsgebundene Lösungen – bei denen je nach Ausgestaltung der Kunde mal mehr, mal weniger vom Schwankungsrisiko der Märkte trägt. „Wir sind Vorreiter am Markt, was die Neuausrichtung des Geschäfts angeht“, sagt der verantwortliche Vorstand Marcus Nagel. „Deshalb haben wir drei bis fünf Jahre Vorsprung.“

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Diese Position ist teuer erkauft. In den Jahren 2012 und 2013 fiel der deutsche Arm des Schweizer Versicherers im Markt deutlich zurück. Im ersten Halbjahr 2015 stieg das Beitragsvolumen dagegen von 1,7 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum auf 2,1 Milliarden Euro. Eine solche Umstellung der Produkte und Schulung der Vertriebe sei keine einfache Aufgabe, angesichts der niedrigen Zinsen und der neuen Aufsichtsregeln Solvency II aber unvermeidbar gewesen. „Der Spielraum für Garantien wird immer enger“, sagt er.

          Inzwischen pflichten ihm viele Wettbewerber bei. HDI, Ergo und Generali haben unter dem Eindruck der sinkenden Profitabilität einen weitgehenden Rückzug aus Policen angekündigt, die ihre Garantie ausschließlich über einen kollektiven Deckungsstock stellen. Marktführer Allianz warnt seine Kunden seit Neuestem davor, solche Versicherungen abzuschließen. Auch die Zurich hält investmentorientierte Produkte für die bessere Wahl: „Derzeit sagen wir: Für den Kunden rechnet sich eher die fondsbasierte Lösung“, sagt Nagel. Schon vor Jahren führte die Zurich verschiedene Varianten ein: Fondspolicen ohne Garantie, individualisierte Investmentprodukte (iCPPI) mit Beitragsgarantie und dynamische Hybride, bei denen ein Teil des Kapitals in eine freie Anlage, ein anderer Teil in die Absicherung der Garantiewerte investiert wird. Bei künftigen Produkten soll der Kunde nun auch entscheiden können, in welchem Umfang er sich die eingezahlten Beiträge garantieren lässt.

          Denn eines ist klar: Je umfangreicher die Garantie ausfällt, einen umso höheren Anteil des Geldes muss der Versicherer in schlecht verzinste Rentenpapiere investieren. „Je niedriger der Zins, desto höher ist der Barwert der Garantie und umso weniger Geld steht für Investment in chancenreiche Anlagen zur Verfügung“, sagt Gerhard Frieg, Vorstand Produktmanagement. Kürzer gefasst: „Man wird immer einseitiger in der Anlage.“

          Ein marktwertbasiertes Aufsichtsrecht wurde weltweit zuerst in der Schweiz eingeführt. Deshalb hat sich die Zurich früher als andere mit den Folgen von Solvency II für langfristige Garantien beschäftigt. Derselben Logik folgt auch die stärkere Ausrichtung auf biometrische Produkte – also Policen, die gegen Lebensrisiken wie den Tod oder die Erwerbsunfähigkeit absichern. „Unser Ziel ist es, breite Bevölkerungsschichten mit bezahlbarem Schutz zu versorgen“, hebt Frieg hervor.

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