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F.A.S. exklusiv : „Wir Krankenkassen schummeln ständig“

Was ist daran so schlimm?

Transparenz ist ein Schreckgespenst im Gesundheitswesen. Viele Ärzte teilen ungern Wissen und Arbeitsmethoden.

Und der Patient will seine Daten nicht freigeben.

In der elektronischen Gesundheitsakte der TK entscheidet nur der Patient, welche Daten er für wen freigibt.

Aber wenn er nicht mitmacht, muss er bestimmt bald mehr bezahlen.

Nein, das auf keinen Fall. Die Nutzung muss freiwillig sein. Wenn der Patient das möchte, können wir ihm spezielle Angebote machen, zum Beispiel wie er eine Verschlimmerung seiner Krankheit verhindern kann.

Wann kommt Ihre digitale Patientenakte?

Bei der TK im nächsten Jahr. Bis Dezember wird entschieden, mit welchem IT-Partner wir das zusammen entwickeln. Ich habe den Eindruck, dass sich alle großen Unternehmen wie SAP oder Siemens dafür interessieren.

Eine Insellösung der TK wird aber nicht viel bringen.

Unser System wird offen sein für alle Kassen. Wir wollen jetzt mal vorangehen, damit etwas in Bewegung kommt. Die Digitalisierung dauert sonst viel zu lange. Viele Daten wie Medikamente, Operationen und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen haben wir eh schon und können sie für die Gesundheitsakte dem Kunden anbieten. So schaffen wir auf jeden Fall einen Mehrwert. Hinzu kommt: Auch die anderen großen Kassen arbeiten an ähnlichen Systemen. Ich hoffe, dass die Politik irgendwann den Rahmen für solche Systeme vorgibt.

Dann sind die Investitionen für die Gesundheitskarte der Regierung und die Terminals bei den Ärzten verloren?

Zum Teil ja. Aber man kann die Karte als Zugang zu unserem System nutzen. Die Ärzte müssen also nicht noch mal investieren.

Wo könnte Digitalisierung noch nützlich für den Patienten sein?

Zum Beispiel in der Telemedizin. Sie ermöglicht die Behandlung zu Hause, ohne dass der Arzt dabei sein muss. So kann Tinnitus mit der Lieblingsmusik des Patienten in einer App behandelt werden. Die individuelle Tinnitus-Frequenz stellt der HNO-Arzt fest. Zudem bieten wir eine Stottertherapie per Internet an. Bei Cochlea-Implantaten für gehörlose Menschen nimmt der Arzt die Einstellungen online vor, der sonst übliche Krankenhausaufenthalt entfällt. Weiteres Beispiel: Wir haben 300.000 TK-Versicherten ein elektronisches Diabetestagebuch angeboten, bei dem der Blutzuckerwert direkt über Bluetooth auf das Smartphone übertragen wird. Und mit dem Start-up-Unternehmen „Patientus“ und Hautärzten haben wir die Videosprechstunde erprobt. Das funktioniert gut bei der Nachsorge. Der Patient zeigt dabei dem Arzt über eine geschützte Videoverbindung seine Wunde, und der entscheidet dann, was weiter zu tun ist. Sitzungen beim Psychotherapeuten könnten künftig auch über Video stattfinden.

Sind Start-ups nur Kooperationspartner oder auch Konkurrenz wie die Fintechs bei den Banken?

Wir müssen aufpassen, dass die Digitalisierung nicht von außen übergestülpt wird. Ich sehe da eher die Gefahr bei den Googles dieser Welt. Bisher schützt uns noch die Regulierung, aber die Politik könnte auf die Idee kommen, sie zu lockern, wenn sie die Vorteile durch externe Anbieter sieht.

Noch eine persönliche Frage: Sie sind gelernter Chirurg und sammeln gerne chirurgische Instrumente. Was sind ihre liebsten Stücke?

Ich mag mein chirurgisches Feldbesteck aus dem Zweiten Weltkrieg. Aber auch den Geburtshelferkoffer, den mein Großvater immer dabeihatte. Er war in den 1970er Jahren der letzte reitende Landarzt Baden-Württembergs. Auf dem Pferd kam er im Winter besser zum Patienten als mit dem Auto. Und für den Fall, dass mal ein Zaun im Weg war, hatte er immer eine Drahtschere dabei. Aber emotional am meisten hänge ich an einer kleinen Stahlplatte. Die habe ich in meiner ersten Operation herausoperiert. Es kostete mich einen Kasten Bier, den Patienten zu überzeugen, sie mir zu überlassen.

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