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Altersvorsorge : Sinkender Garantiezins schadet Versicherern

Der Höchstrechnungszins für Lebensversicherer wird zum 1. Januar auf 0,9 Prozent gesenkt. Bild: dpa

Mit der Senkung des Höchstrechnungszinses auf 0,9 Prozent werden viele Versicherer nicht mehr klar kommen. Welche Anbieter können sich halten?

          Wenn das Bundesfinanzministerium früher die Senkung des Garantiezinses für Lebensversicherungen ankündigte, gab es anschließend oft eine Verkaufsoffensive. Versicherer hofften zum Jahreswechsel auf Zusatzgeschäfte. Vertriebe wurden gezielt zu ihren Kunden geschickt, um den Bedarf für eine zusätzliche steuerlich begünstigte Altersvorsorge zu wecken. Doch vor dem jüngsten Zinsschritt von 1,75 auf 1,25 Prozent im Januar 2015 blieb diese Jahresendrally weitgehend aus. Denn schon damals wurde die Garantie so stark entwertet, dass sie für den Kunden einen kaum noch erkennbaren Nutzen hat. Zudem spricht sich allmählich unter Verbrauchern herum, dass Garantien auch Folgekosten bewirken. Denn die Anbieter müssen in Zeiten des Nullzinses scheinbar paradoxerweise einen noch größeren Teil der Beiträge in zinsarme Rentenpapiere investieren, weil nur sie eine sichere Verzinsung (wenngleich auf niedrigem Niveau) abwerfen. So geht immer mehr Spielraum verloren, in renditereichere Titel zu investieren.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Entscheidung des Bundesfinanzministeriums, den Höchstrechnungszins für Lebensversicherer zum 1. Januar auf 0,9 Prozent zu senken (F.A.Z. vom 3. Mai) vergrößert diesen Spielraum zwar wieder ein wenig. Dafür werden immer mehr Unternehmen Schwierigkeiten haben, überhaupt profitabel private Rentenversicherungen anzubieten. „Für Versicherer wird es dann deutlich schwieriger, in Neuverträgen einen Beitragserhalt zu garantieren“, sagt Manfred Bauer, Produktvorstand des Finanzdienstleisters MLP. Dazu muss man wissen, dass der Garantiezins und auch die darüber hinausgehenden Überschussbeteiligungen immer auf den Sparanteil einer Police angerechnet werden - also das, was abzüglich der Kosten tatsächlich für den Kunden in seine Altersvorsorge zurückgelegt werden kann.

          Je höher die Kosten für Abschlüsse und Verwaltung sind, desto höher müsste der Garantiezins sein, um sicherzustellen, dass die eingezahlten Beiträge mindestens wieder ausgezahlt werden. Zu solchen Beitragsgarantien verpflichten sich Anbieter in der betrieblichen Altersvorsorge und in der Riester-Rente. Doch indem es den Rechnungszins senkt, macht das Ministerium den Anbietern einen Strich durch die Rechnung. „Dafür müssten sie zum Beispiel die Mindest-Laufzeiten deutlich verlängern. Dies würde das Produktangebot nicht nur für Ältere wesentlich einschränken, sondern auch für viele Kunden um die 40“, sagt Bauer. Je niedriger der Rechnungszins ist, desto länger müssen Verträge laufen, damit Versicherer ihre Beitragsgarantie erfüllen können. Selbst mit 1,25 Prozent gelang es den wenigsten, schon nach 15 Jahren eine solche Garantie zu erwirtschaften. Das bedeutet, dass etwa Riester-Verträge für Kunden über 50 Jahren aus dem Programm genommen werden müssen. „Zum 1. Januar werden wir es nicht schaffen, Riester-Verträge mit dem neuen Garantiezins anzubieten“, sagt Uwe Laue, Vorstandsvorsitzender der Debeka, eines der führenden Anbieter für private Rentenversicherungen. „Wir müssen noch an den Kostenquoten schrauben, um den Kapitalerhalt sicherzustellen.“ Die Verwaltungskosten des Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit lägen mit 1,4 Prozent der Beitragseinnahmen schon auf einem so niedrigen Niveau, dass es kaum noch gesenkt werden könne.

          Druck auf Vertriebe wächst

          Etwas mehr Möglichkeiten sieht Laue bei den Abschlusskosten - allerdings müssen sich hier die Lebensversicherer auf weitere Konflikte mit ihren Vertrieben einstellen, die schon durch neue Vergütungsmodelle durch das Lebensversicherungsreformgesetz belastet wurden. Der Gesetzgeber zwang die Branche im Sommer 2014 dazu, die kalkulatorischen Abschlusskosten auf 2,5 Prozent der Beitragssumme zu senken und einen höheren Anteil der Vergütung auf die gesamte Laufzeit des Vertrags zu verteilen. Damit sollte erreicht werden, dass Kunden besser betreut werden. „Was mich ärgert, ist der Zeitdruck“, sagt deshalb Debeka-Chef Laue. „Die Änderung passt in unsere Betriebsorganisation nicht hinein. Zum 1. Januar wird es sehr knapp.“

          Ausstieg: Große Anbieter wie Ergo, HDI und Generali hatten sich schon weitgehend aus dem Geschäft mit klassischen Garantieprodukten zurückgezogen.

          Branchenbeobachter äußern Verständnis für diese Sichtweise. „Das ist schwer so schnell zu schaffen, weil die Verhandlungen mit den Vermittlern so lange dauern“, sagt Reiner Will, Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata. Nach dem Einschnitt der Lebensversicherungsreform werde nun zusätzlicher mittelbarer Druck auf Vertriebe aufgebaut. Um profitabel zu bleiben, müssten die Kosten weiter reduziert werden. Viele Versicherer würden noch stärker in alternative Produkte gedrängt. Große Anbieter wie Ergo, HDI und Generali hatten sich schon weitgehend aus dem Geschäft mit klassischen Garantieprodukten zurückgezogen und sind mit alternativen Garantieformen auf den Markt gekommen. Zuletzt haben selbst traditionelle Marktteilnehmer wie die Debeka und die Alte Leipziger solche Produkte auf den Markt gebracht, die dem Segment „Neue Klassik“ zugerechnet werden, weil sie weiterhin mit einem kollektiven Deckungsstock arbeiten. Solche Produkte werden nun auch Anbieter ins Programm nehmen müssen, die keine Möglichkeiten mehr sehen, Kosten zu reduzieren. Andere dürften das Geschäft mit der Altersvorsorge heimlich, still und leise begraben.

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