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Besserer Fahrstil : Frauen können bei Autoversicherung mehr sparen

Diese Zeiten sind wohl vorüber. Bild: Picture-Alliance

Wer vorsichtig fährt, kann jetzt bei der Kfz-Versicherung sparen. Ein digitaler Beifahrer überwacht den Fahrstil. Ein erstes Ergebnis: Für Frauen wird es billiger. Und für Senioren.

          3 Min.

          Warum müssen rasante und leichtsinnige Autofahrer bei der Kfz-Versicherung eigentlich genauso viel zahlen wie sehr vorsichtige? Obwohl sie, statistisch gesehen, viel mehr Schaden verursachen? Dieses Missverhältnis wollen einige Versicherer gerade ändern. Sie installieren deshalb technische Vorrichtungen in den Autos, die Telematik-Boxen heißen und mit denen man den Fahrstil des Autofahrers kontrollieren kann. Wer vorsichtig fährt, bekommt später einen Teil seiner Versicherungsprämie zurück.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Sparkassen Direktversicherung in Düsseldorf, die vor etwa zwei Jahren die erste in Deutschland war, die mit 1000 Kunden ein entsprechendes Pilotprojekt begonnen hat, konnte jetzt bemerkenswerte Ergebnisse präsentieren. Vor allem eine Hälfte der Bevölkerung hat durch den kleinen Kasten im Auto profitiert: die Frauen. Sie mussten dank Telematik-Box deutlich weniger für ihre Autoversicherung zahlen als die Männer. „Durch die fahrverhaltensabhängige Versicherungsprämie erhielten die Frauen mehr Rabatt als die Männer und die älteren Menschen mehr als die jungen“, sagt Jürgen Cramer, Vorstandsmitglied des Düsseldorfer Versicherers. „In Umfragen auf unserer Internetseite hatten die Leute vorher angegeben, eher mit dem Gegenteil zu rechnen.“

          Nur 64,6 Prozent der Männer erreichten für ihren Fahrstil eine Punktzahl („Score“) von mindestens 80, die man brauchte, um eine Ermäßigung bei der Versicherungsprämie zu bekommen. Aber immerhin 74,8 Prozent der Frauen schafften das. Auch beim Alter gab es deutliche Unterschiede: In der Gruppe der jungen Fahrer bis 24 Jahre erreichten nur 20 Prozent die nötige Punktzahl. Bei den Menschen zwischen 25 und 54 Jahren waren es immerhin 64 Prozent und bei den mehr als 54 Jahre alten Kunden sogar 75 Prozent. Das könnte auch auf die übliche Praxis bei Versicherungen, von älteren Versicherten grundsätzlich höhere Prämien für die Kfz-Versicherung zu verlangen, ein neues Licht werfen.

          Wie aber hat man dabei überhaupt gemessen, was als „gutes“ Fahren zu bezeichnen ist? Versicherungsvorstand Cramer erklärt, vier Komponenten flössen in den „Score“ ein, der über die Höhe der Versicherungsprämie entscheidet: 40 Prozent mache das Fahrverhalten aus. Minuspunkte gibt es dabei für harsche Beschleunigungen und allzu plötzliches Bremsen. 30 Prozent werden durch die Geschwindigkeit bestimmt.

          Minuspunkte gibt es immer, wenn man die Geschwindigkeitsbeschränkung um mehr als 20 Prozent überschreitet - also wenn auf der Autobahn Tempo 120 vorgeschrieben ist, registriert die Telematik-Box ab Tempo 144 einen Malus für den Fahrer. Zu jeweils 20 und 10 Prozent fließt außerdem ein, ob ein Fahrer überdurchschnittlich viel nachts fährt oder viel in der Stadt unterwegs ist, wo es häufiger kracht als auf dem Land.

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          Nach ähnlichen Prinzipien hat inzwischen eine Handvoll Wettbewerber ähnliche Modelle eingeführt. Am ernstesten nimmt die technische Innovation die VHV aus Hannover, die derzeit mit einem Til-Schweiger-Werbespot auch offensiv um Kunden wirbt, die noch bis zum 30. November ihren Anbieter wechseln können. Die VHV ist das erste Versicherungsunternehmen, das Telematik-Tarife unbegrenzt und ohne Pilotprojekt anbietet. Dafür hat sie viel Geld in die Entwicklung einer kleinen Datenbox gesteckt, die Fahrer in den Zigarettenanzünder stecken können. Mit einer etwas anderen Gewichtung als die Sparkassen-Direktversicherung hat sie dieselben Fahrkriterien ausgewählt.

          Einen ganz anderen Weg hat die Axa eingeschlagen, die ein entsprechendes Messsystem als Smartphone-App anbietet. Anders als bei der VHV richtet es sich nur an junge Fahrer unter 26 Jahren. Üblicherweise zahlt diese Zielgruppe wegen der größeren Unfallwahrscheinlichkeit höhere Prämien für den Haftpflichtschutz. Das französische Unternehmen erhofft sich von der Innovation, mehr junge Fahrer versichern zu können, ohne Gefahr zu laufen, sich zu viele teure Risiken in den Bestand zu holen. Den Rückgriff auf eine technisch offene App hat die Axa gewählt, weil sie glaubt, damit flexibler reagieren zu können, wenn die künftigen Neuerungen von den heutigen Anwendungen abweichen.

          Die Herausforderung, dass zufällige Bewegungen des Mobiltelefons nicht die Ergebnisse beeinflussen dürfen, hat der Versicherer nach eigener Auskunft gelöst, indem er auf die GPS-Technik zurückgreift. Ein Pilotprojekt in kleinerem Umfang hat kürzlich die Itzehoer Versicherung gestartet. Die beiden Massenanbieter Huk-Coburg und Allianz halten sich zu ihren Plänen noch bedeckt, haben aber schon angekündigt, mit eigenen Produkten auf den Markt gehen zu wollen.

          Durch die neue Technik jedenfalls können Versicherer viel genauere Erkenntnisse über das tatsächliche Fahrverhalten gewinnen. „Punktabzug gab es am häufigsten wegen eines zu rasanten Fahrstils, gefolgt von Geschwindigkeitsübertretungen“, sagt Cramer von der Sparkassen-Direktversicherung.

          Sie hat ein relativ aufwändiges, mit den Datenschutzbehörden abgestimmtes Verfahren entwickelt, wie die Box im Auto zwar regelmäßig die „Score“-Werte über einen Mobilfunkanbieter zum Versicherer weiterleitet, die übrigen Daten aber geheim bleiben, so dass keiner der Beteiligten die konkreten Fahrtrouten eines Fahrers verfolgen könnte, wie Cramer zumindest versichert. Einmal im Monat ermittelt die Versicherung mit ihrer Box außerdem einen „Fahrer des Monats“, der dann keine Monatsprämie zahlen muss. Im August sparte ein Georgios P. aus Bochum auf diese Weise laut Sparkassen Direktversicherung immerhin 552,91 Euro für die Kfz-Versicherung eines wohl relativ teuren Autos.

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