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Folgen des Niedrigzins : Das zweifache Risiko der Lebensversicherung

Ein Rentner verweilt im Schatten der Frankfurter Paulskirche. Bild: dpa

Die niedrigen Zinsen fordern Anbieter in der Altersvorsorge heraus. Doch indem sie sich auf dieses Risiko einstellen, setzen sie sich einer anderen Gefahr aus. Was passiert, wenn der Zins dreht?

          Die Lebensversicherung nach deutschem Modell kennt zwei existenzgefährdende Risiken: In einer langanhaltenden Niedrigzinsphase können die Anbieter ihre versprochenen Garantien kaum mehr erwirtschaften. Dreht sich dagegen der Zins urplötzlich, laufen sie Gefahr, auf Dauer in niedrig verzinsten Kapitalanlagen investiert zu sein und gegenüber anderen Finanzprodukten das Nachsehen zu haben. Im schlimmsten Fall kündigen viele Kunden, weil sich schlagartig die Anlagealternativen vom Tagesgeldkonto bis zur Anleihe verbessern.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Im vergangenen Jahrzehnt dominierten die Diskussionen über das erstgenannte Risiko. Die Lebensversicherer spüren den niedrigen Zins in ihren Bilanzen. Sie müssen sich dagegen mit einer Zinszusatzreserve in Milliardenhöhe wappnen. Und die Kunden erleben, wie sich schrittweise die Zinsen reduzieren – immerhin aber auf einem Renditeniveau, wie es andere risikoarme Geldanlagen in dieser Lage an den Finanzmärkten nicht erreichen. Derzeit ist zu erleben, dass das Sparen im Kollektiv für Kunden vor allem in Phasen fallender Kapitalmarktzinsen seine Vorzüge ausspielt. Ganz anders sieht es bei steigenden Zinsen aus, denn in dem Fall haben Versicherer einen Großteil des Kundengeldes in festverzinslichen Papieren liegen, die niedrigere Verzinsungen versprechen als neue Kapitalanlagen.

          Kunden verhalten sich oft nicht „finanzrational“

          Auf dieses Risiko macht die Deutsche Bundesbank in einem aktuellen Diskussionspapier aufmerksam. Unter dem Titel „Tödlicher Verfall – wie ein positiver Zinsschock deutsche Lebensversicherer belasten könnte“ schreiben die Autoren Mark Feodoria und Till Förstemann über das Zinsänderungsrisiko. Unter der Annahme, dass sich Kunden „finanzrational“ verhalten, ermitteln sie mit Hilfe eines Modells das hypothetische Zinsniveau, von dem an die Lebensversicherer keine ausreichenden Kapitalpuffer mehr hätten, um einen Run zu vermeiden – also die flächendeckende Stornierung der Verträge. Dazu verwenden die Autoren Bilanzwerte der 60 größten Lebensversicherer hierzulande. In den vergangenen Jahren hätten sich die finanziellen Polster so entwickelt, dass sie weniger widerstandsfähig gegenüber einem Zinsschock geworden seien. Ende des Jahres 2013 hätte dem Modell zufolge die Schwelle für einen solchen Policenabverkauf bei einem plötzlichen Zinsanstieg bei nur noch 2,1 Prozentpunkten gelegen.

          Unter Marktbeobachtern findet die Analyse der beiden Wissenschaftler durchaus Anklang. Sie stellen allerdings klar, das Modellergebnis sei nicht als Prognose zu interpretieren. „Die Annahme der Finanzrationalität sehe ich als problematisch an, weil viele Studien gezeigt haben, dass sich der Kunde gerade nicht so verhält“, sagt Martin Eling, Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen. Einen echten Run aus Lebensversicherungen habe es bislang nur selten gegeben – unter sehr anderen Bedingungen als in Deutschland. In den Vereinigten Staaten wurden Anfang der neunziger Jahre Verträge flächendeckend gekündigt.

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