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F.A.Z. exklusiv : Beitragsschock für 6 Millionen Krankenversicherte

Drei Euro werden für die Beitragserhöhungen nicht reichen. Bild: Picture-Alliance

Millionen Kunden der privaten Krankenversicherung müssen sich auf rasante Tarifsteigerungen zum Jahreswechsel einstellen. Die Anhebungen variieren je nach Anbieter - im Schnitt sind sie zweistellig.

          Millionen Kunden der privaten Krankenversicherung müssen sich auf rasante Tarifsteigerungen zum Jahreswechsel einstellen. Nach F.A.Z.-Informationen betrifft das etwa zwei Drittel der 8,8 Millionen Vollversicherten. Auf diese knapp sechs Millionen Kunden kommt im Schnitt eine Erhöhung von elf Prozent zu. Die Anhebungen variieren je nach Anbieter. In der Spitze könnten sie vereinzelt auch mehr als ein Viertel der aktuellen Prämie betragen, hieß es aus informierten Kreisen. „Zusatzkosten von 50 Euro im Monat und darüber hinaus sind möglich.“

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Der Verband der Privaten Krankenversicherungen (PKV) informierte in den vergangenen Wochen Politiker und andere Entscheidungsträger über die anstehende Welle von Prämienerhöhungen zu Beginn des Wahljahres. Die Kunden werden dies über die ab November anstehenden Tarifmitteilungen erfahren.

          Nachholeffekte

          Die Branche macht für den abrupten Anstieg mehrere Faktoren verantwortlich: Kostensteigerungen für medizinische Versorgung und wegen des medizinischen Fortschritts, vor allem aber sinkende Zinseinnahmen auf ihre milliardenschweren Rückstellungen wegen der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Da viele Tarife zudem laut Gesetz nur dann angepasst werden dürften, wenn die Kosten um zehn  Prozent gestiegen sind, komme es zu einem Nachholeffekt, der jetzt fast flächendeckend zuschlage.

          Wegen dieser Mechanik trifft die Anhebung nicht nur Vollversicherte, sondern auch gesetzlich Versicherte mit Zusatzversicherungen, bei denen verzinsliche Altersrückstellungen eine Rolle spielen. Etwa jeder Zehnte der knapp 25 Millionen Inhaber solcher Policen müsse sich deshalb auf eine Erhöhung einstellen.

          Volker Leienbach, der Direktor des PKV-Verbands, wollte auf Anfrage keine Zahlen öffentlich nennen. Allerdings müsse die Branche das, was am Kapitalmarkt nicht zu erwirtschaften sei, laut Gesetz durch höhere Vorsorge finanzieren. Das treffe Versicherte „wie andere Sparer auch“. Allerdings komme ihnen die Beitragsanpassung für ihre eigene künftige medizinische Versorgung zugute.

          Leienbach machte vor allem die EZB verantwortlich: „Ohne die Auswirkungen der Niedrigzinsen wäre die PKV-Beitragsentwicklung auch in diesem Jahr unauffällig.“ Denn schon seit vielen Jahren liege der Ausgabenanstieg der Privaten nicht über dem der gesetzlichen Krankenversicherung, „eher sogar darunter“.

          Tatsächlich hatten manche Versicherungen mehrere Jahre lang Tarife nicht erhöht. In – bei der PKV eigentlich verpönten – Vergleichen mit den steigenden Zusatzbeiträgen der gesetzlichen Kassen schneidet die Branche nach eigener Darstellung immer noch gut ab. Doch fällt ein echter Vergleich wegen der Tarifvielfalt und Leistungsunterschiede schwer.

          SPD will keine Änderungen, CDU will eingreifen

          Die Politik reagiert unterschiedlich darauf. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Karl Lauterbach, macht drei Effekte aus: Junge Leute mieden die PKV, weshalb die Zahl der Neueintritte sinke. Im Vergleich zu den Kassen seien die Behandlungskosten in Praxen und Kliniken höher, hinzu komme der Zinseffekt. Der werde die Branche auf Jahre belasten. Für gesetzliche Änderungen sehe er keinen Grund: „Wir sind nicht die Knechte der PKV-Lobby, diese Zeiten sind vorbei“, sagte Lauterbach. Auch mache die SPD sich unglaubwürdig, wenn sie einerseits für die Abschaffung der PKV durch eine Bürgerversicherung werbe, andererseits „Rettungspakete für die Privatversicherung“ schnüre.

          In der Union wird dagegen die Notwendigkeit zu Änderungen gesehen. „Wir müssen uns insgesamt Gedanken machen, was wir für die neun Millionen Privatversicherten tun, die eben nicht alle gutverdienende Selbständige sind“, sagte der stellvertretender Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Georg Nüßlein (CSU). Tatsächlich sind rund die Hälfte der PKV-Kunden Beamte. Nüßlein nannte mehrere Punkte: So müssten Beitragsanpassungen leichter möglich gemacht werden. Auch wolle er mehr Wettbewerb: So solle die PKV eigene Verträge mit Ärzten und Krankenhäusern abschließen, der Standardtarif, in dem die PKV Leistungen auf GKV-Niveau anbietet, solle für mehr Interessenten geöffnet werden, auch müssten Kunden angesparte Altersrückstellungen beim Wechsel zu günstigeren Anbietern mitnehmen können.

          Keine weitere Prämienerhöhungen

          CDU-Politiker Michael Hennrich nannte es ein Versäumnis der schwarz-gelben Vorgängerregierung, dass man die auch von Verbraucherschützern verlangte unterjährige Anpassung von Kostensteigerungen nicht ermöglicht und die Schwellwerte für Anpassung nicht gesenkt habe. Er kritisierte die SPD wegen ihrer Blockadehaltung: „Hier wird eine ideologische Auseinandersetzung auf dem Rücken der Versicherten ausgetragen.“

          Die PKV hat für ihre Kunden indes auch eine gute Nachricht: Nachdem die Versicherungen die kalkulierte Mindestverzinsung einmal reduziert habe, entstehe kein weiterer Druck auf die Prämien – es sei denn, die Zinsen würden in den nächsten Jahren abermals kräftig sinken.

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