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Daniel von Borries im Gespräch : „Die Lebensversicherung wird immer unattraktiver“

Lassen Sie es mich so sagen: Lange Zeit hat sich die EZB hinter dem Argument versteckt, man habe über den Leitzins nur Einfluss auf die kurzfristigen Zinssätze. Seitdem die Zentralbank aber im März mit dem Kauf von Eurostaatsanleihen mit langer Laufzeit begonnen hat, kann davon keine Rede mehr sein. Sie verzerrt die Preise auf dem Kapitalmarkt erheblich: Wer Anleihen im großen Stil kauft, nimmt dadurch natürlich Einfluss auf deren Wertentwicklung. Das unausgesprochene Ziel der EZB ist doch: Sie will den europäischen Zinsmarkt auf Dauer unattraktiv für ausländische Anleger machen. Ziehen die sich zurück, schwächt das den Euro. Für Europas Firmen ergibt sich aus dieser Schwäche ein Wettbewerbsvorteil auf dem Weltmarkt. Für alle Sparer aber ist dieses Vorgehen höchst ärgerlich.

Zuletzt konnten die Sparer wieder etwas Hoffnung schöpfen: Innerhalb weniger Tage stiegen die Renditen rasant. Ist das die lange erwartete Zinswende?

So sehr sich das mancher auch wünschen mag: Dafür kann ich keine Anzeichen entdecken, zumal die Europäische Zentralbank ja gerade noch einmal bekräftigt hat, an ihrem Kaufprogramm festzuhalten. Trotzdem war der Mini-Crash der vergangenen Wochen außergewöhnlich. Ein Anstieg der Rendite von 0,05 Prozent auf 0,7 Prozent entspricht bei Bundesanleihen in normalen Zeiten der Kursbewegung eines ganzen Jahres. Ich glaube aber, dass es dafür eine recht einfache Erklärung gibt. Viele spekulative Marktteilnehmer hatten sich vor Beginn der EZB-Käufe mit Staatsanleihen eingedeckt und gehofft, dass die Zentralbank sie ihnen zu höheren Preisen abnimmt. Aber sie haben schlicht zu viele Vorkäufe getätigt und sind die Papiere dann nicht mehr losgeworden. Das war der Grund für den Renditeanstieg: Man hat sich verspekuliert.

Wenn die Zinswende wirklich ausbleibt: Was sollen Sparer da tun?

Es gibt nur zwei Optionen: Entweder sie nehmen die Sache hin. Oder sie erhöhen ihr Risiko.

Bei Ergo haben Sie wohl die erste Option gewählt. Ihre Aktienquote beträgt nur fünf Prozent. Das ist doch viel zu wenig.

Ganz und gar nicht. Ich halte Aktien für eine gute Sache, aber für uns sind sie nun wirklich kein Allheilmittel. Als Lebensversicherer müssen wir jedes Jahr die Zinsgarantien erwirtschaften, die wir unseren Kunden gegeben haben. Aktienkurse jedoch schwanken nun einmal sehr, ihnen fehlt es an Stabilität. Selbst wenn Aktien auf lange Sicht im Schnitt gute Erträge erzielen mögen, hilft uns das nicht weiter. Weil die Kurse eben kurzzeitig auch stark fallen können. Wir können doch den Kunden nicht sagen: Entschuldigt bitte, dieses Jahr wird es schwer, die Garantiezusagen zu erfüllen, aber das holen wir schon wieder auf.

Ist es nicht mindestens genauso riskant, sich bei derart niedrigen Zinsen Anleihen zu kaufen?

Nein. Zwar gibt es auch bei Anleihen ein Risiko. Schließlich kann es passieren, dass der Emittent – eben ein Staat oder ein Unternehmen – pleitegeht. Abseits davon aber sind Anleihen völlig kalkulierbar, wenn man sie bis zum Ende der Laufzeit hält. Und gerade diese Berechenbarkeit ist für uns als Versicherer wichtig. Dass mir eventuell Zinsen entgehen, wenn ich heute viele Anleihen zu niedrigen Renditen kaufe, mag bedauerlich sein. Aber darum kaufen wir längst nicht nur Bundesanleihen, sondern setzen auch auf Immobilienfinanzierungen, auf Firmenanleihen und auf Papiere anderer Eurostaaten, die höhere Renditen einbringen. Nur Griechenland und Portugal haben wir nicht im Depot.

Richtig zu trauen scheinen Sie Ihrer Anlagepolitik trotzdem nicht. Oder wie kommt es, dass Ergo auch Lebensversicherungen mit geringeren Garantien anbietet?

Je länger die Niedrigzinsphase dauert, umso unattraktiver wird die klassische Lebensversicherung für viele Neukunden. Darauf müssen wir uns als Unternehmen einstellen. Unsere neuen Produkte garantieren den Kunden, dass sie ihr eingezahltes Geld in jedem Fall zurückerhalten – und gleichzeitig haben sie eine gute Chance, deutlich mehr zu bekommen. Das finde ich einen fairen Deal.

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