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Cyberkriminalität : Betrug auf Online-Handelsplattformen wird zum Massenphänomen

Wie gehen Mitarbeiter eines Callcenters in Bulgarien mit Nachfragen deutscher Privatanleger um? Bild: dpa

Betrug verlagert sich immer stärker ins Internet. Ein Grund: Anbieter aus dem Ausland können ohne rechtliche Folgen mit falschen Aussagen von Prominenten und Fake-News um Privatanleger werben.

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          Die Botschaft von Michael Pientka klingt zunächst positiv. Seit Jahren sinke die Zahl der Wohnungseinbrüche, das sei erfreulich, sagt Pientka, der Polizeipräsident in Braunschweig ist. Gleichzeitig stelle man aber einen starken Zuwachs an Vermögensdelikten fest, insbesondere bei Betrugsstraftaten. „Es findet eine Verlagerung der Tathandlungen in das Internet statt. Es ist zugleich Tatort und Tatmittel – die Cyberkriminalität steigt.“

          Marcus Jung
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was Pientka an diesem Montag auf einer Pressekonferenz anlässlich des Schlags gegen eine multinationale Betrügerbande auf Trading-Plattformen sagt, gibt die Gesamtsituation gut wieder. Im Frühsommer veröffentlichte das Bundeskriminalamt (BKA) sein „Bundeslagebild Cybercrime 2020“. Demnach stieg die Zahl der Straftaten im vergangenen Jahr um 7,9 Prozent auf 108.000. „Nur ein Drittel der Cyberstraftaten kann aufgeklärt werden“, hieß es aus dem BKA. Cyberkriminelle seien global organisiert und agierten zunehmend professionell, weshalb die entsprechende Bedrohung auch qualitativ zugenommen habe.

          Aufbau von Sonderdezernaten

          Dabei haben Staatsanwaltschaften und Polizei selbst aufgerüstet. Man habe zusätzlich IT-Personal eingeworben und in Ausstattung investiert, sagt Pientka etwa über sein Fachkommissariat Cybercrime. Nahezu alle Länder gründeten Sonderdezernate und Zentralstellen zur Bekämpfung von Internetstraftaten, die vermutlich bekanntesten sind in Frankfurt, Köln und in Bamberg angesiedelt. Von dort meldet die Zentralstelle Cybercrime Bayern am Montagnachmittag einen Coup. Die Strafverfolger erheben Anklage gegen einen 44 Jahre alten Israeli, der als Komplize des „Wolf of Sofia“ gilt. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Gal Barak, der laut Süddeutscher Zeitung Zehntausende Anleger aus ganz Europa im Internet um ihre Ersparnisse gebracht haben soll. Die Organisation „European Funds Recovery Initiative“ geht von einem Schaden von 200 Millionen Euro aus.

          Das Versprechen eines „kurzfristigen Reichtums“ könne nicht gehalten werden, warnt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Wenn Anbieter versprechen, kurzfristig große Renditen erzielen zu können, handelt es sich häufig um Betrug, mindestens aber um irreführende Werbung.“ Ein ganz klares Stop-Signal für Privatanleger sollten „exorbitante Gewinnversprechen wie 25 Prozent pro Woche“ auf den Online-Plattformen sein. Derlei Renditen seien mit seriösen Anlagestrategien am Kapitalmarkt nicht erzielbar, betont Nauhauser.

          Im Strafverfahren in München steht der Vorwurf von mehr als 300 Fällen des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs im Raum. Der Schaden belaufe sich auf 8,7 Millionen Euro, heißt es aus der Anklagebehörde in Bamberg. Der Angeschuldigte, der nach seiner Festnahme in Griechenland und Auslieferung seit bald einem Jahr in Untersuchungshaft sitzt, soll über die Trading-Plattformen Safemarkets, OptionStarsGlobal, Cryptopoint und XTraderFX Geschäfte zulasten leichtgläubiger Anleger abgewickelt haben. Diese eröffneten zunächst mit 250 Euro Handelskonten und sollten dann immer mehr Geld in Unternehmen investieren – nach Stand der Ermittlungen waren es Scheinfirmen.

          Milliardenschaden für Kryptoanleger

          Die Fälle gleichen sich: Auch in Braunschweig geht es um zunächst kleinere Investitionen in hochspekulative Differenzkontrakte (CFD), die aufgrund des hohen Ausfallrisikos für unerfahrene Privatanleger nicht zu empfehlen sind. Der geschätzte Schaden für europäische Kunden der Tradingplattform Fx-Leader: im Jahr mindestens 500 Millionen Euro. Derweil läuft am Landgericht Münster seit September ein Strafprozess rund um die angebliche Kryptowährung OneCoin. Während deren Erfinderin, die Bulgarin Ruja I., weiterhin flüchtig ist, drohen drei Vermittlern lange Haftstrafen. Auf der Suche nach der nächsten Bitcoin-„Erfolgstory“ fielen allein 60.000 Deutsche auf den Schwindel herein. Global soll sich der Schaden auf 4 Milliarden Euro belaufen.

          Was die Kriminalbeamte im Gleichklang sagen: Oft steht die Server-Infrastruktur in den Niederlanden, Callcenter agieren von Osteuropa aus. Nach Aussagen von Staatsanwälten laufen die Fäden vieler Betrügereien auf Zypern zusammen. Dort sind viele Handelsplattformen registriert, von dort wird das Geld auf Konten in Offshore-Destinationen weitergeleitet oder in Kryptowährungen umgetauscht. Den Kriminellen auf der Spur zu bleiben, ist für die deutschen IT-Forensiker kaum möglich.

          Werbung mit Jauch, Thelen & Co.

          Die ausländischen Betreiber werben in sozialen Netzwerken für ihre Produkte, nutzen unbefugt Prominente und Ausschnitte aus Fernsehshows für sich. Das alles seien Narrative, die dem Vertrieb dienen würden, erklärt Verbraucherschützer Nauhauser. „Anlagebetrüger nützen jeden Informationsvorsprung zu ihrem eigenen Vorteil aus und schrecken auch vor Einschüchterungsversuchen nicht zurück, um ihre Ziele zu erreichen.“

          Er weist auf die Lücken hin, die von den Betrügern genutzt werden. Viele der Anbieter hätten ihren Sitz im Ausland, häufig auf Zypern. „Warum ist es eigentlich möglich, dass man dann in Deutschland mit Gewinnen von bis zu 25 Prozent pro Woche werben kann?“ Deswegen fordert Nauhauser, dass die BaFin dazu ermächtig wird, diese betrügerischen Websites durch die Bundesnetzagentur sperren zu lassen. Anleger, die ihr Geld nicht von Betrügern ausgezahlt bekämen, sollten die Polizei einschalten. Sein Recht gegen einen Anbieter mit Sitz im Ausland zivilrechtlich durchzusetzen, hält der Verbraucherschützer dagegen für schwierig – „die Erfolgschancen sind gering.“

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