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Berufsunfähigkeitsversicherung : Die Prämie ist nicht alles

Orientierung gesucht: Wenn es um die Berufsunfähigkeitsversicherung geht, ist das Wirrwarr besonders groß. Bild: dpa

Die Versicherer liefern sich derzeit einen scharfen Wettbewerb um die günstigsten Preise am Markt. Damit gefährden sie die stabilen Beiträge ihrer Kunden. Verbraucher sollten deshalb genauer hinschauen.

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          Man kann sich die Wahl seines Versicherers für den Schutz gegen Berufsunfähigkeit einfach machen: Vergleichsportal im Internet aufrufen, die abgefragten Daten eingeben, den günstigsten Versicherer in der damit erzeugten Tabelle auswählen. Gute Versicherungsmakler dagegen halten die Absicherung gegen Berufsunfähigkeit für eines der komplexesten Risiken für Privatkunden. Zwar haben sich die Vertragsbedingungen am Markt in den vergangenen Jahren immer stärker angeglichen. Doch der Schutz sollte sehr individuell auf den Kunden zugeschnitten werden. Zudem machen Kunden und Vermittler höchst unterschiedliche Erfahrungen im Schadenfall. Wie großzügig Versicherer dann zahlen (können), hängt nicht zuletzt von der Qualität ihrer Risikoprüfung, ihren Kapitalanlageerfolgen und ihrer Tarifkalkulation ab.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Produkttester und Vermittler schauen allzu häufig nur auf die tatsächlich für den Kunden anfallenden Beiträge. Sie beinhalten schon die vom Versicherer erzielten und an den Kunden weitergegebenen Überschüsse und werden Nettobeiträge genannt. Davon unterscheiden sich die garantierten kalkulierten Tarif- oder Bruttobeiträge. Hat sich der Versicherer verrechnet und muss nun mehr Schäden begleichen als erwartet, stellt dieser Bruttobeitrag für den Kunden die Höchstgrenze dar, bis zu der sein tatsächlicher Beitrag maximal steigt.

          Mehr als die Hälfte der Versicherer haben ihre Überschüsse gesenkt

          Wie stabil die Beiträge sind, hängt also auch davon ab, ob der Versicherer dauerhaft Überschüsse erzielen kann, um schwankende Risiken auszugleichen. Die Ratingagentur Franke & Bornberg warnt seit Jahren vor einem ruinösen Wettbewerb auf dem Markt für Berufsunfähigkeitsversicherungen. Durch den Preiskampf gefährdeten die Unternehmen stabile Beiträge, argumentiert sie. Die Branche dagegen erwidert darauf meist, dieser Wettbewerb sei unproblematisch, weil die Überschüsse in der Vergangenheit niemals abgesenkt werden mussten. Daraufhin hat Franke & Bornberg nun erstmals die Bilanzen der wichtigsten Marktteilnehmer über einen Zeitraum von einem Jahrzehnt (2002 bis 2012) auf diese Frage hin analysiert. Die Untersuchung liegt dieser Zeitung vor.

          Sie zeigt, dass von den 49 wichtigsten Unternehmen in diesem Marktsegment 26 mindestens bei einem Tarif ihre Überschüsse einmal oder mehrfach gesenkt haben. Ohne Auffälligkeiten waren demnach 23 Versicherer – unter anderem die Anbieter Continentale, Swiss Life, Nürnberger, LVM, Allianz, Debeka, Stuttgarter und Volkswohl Bund.

          Hohe Spreizung zwischen Netto- und Bruttobeitrag

          Zu den 26 Unternehmen, die ihre Überschüsse abgesenkt haben, zählen die Axa, die Ergo, die Generali und die Zurich. Bei der Alten Leipziger folgten auf Senkungen im Jahr 2003 für einzelne Berufsgruppen Erhöhungen in den Folgejahren. In anderen Berufsgruppen waren die Überschüsse bei der Alten Leipziger im Jahr 2012 geringer als zehn Jahre zuvor. Die Gothaer wies starke Anpassungen in einzelnen Tarifen auf. Die Sicherungseinrichtung Protektor, die einst die Versichertenbestände der in Schieflage geratenen Mannheimer Leben übernommen hat, hat die Überschüsse in den Jahren 2003, 2005 und 2012 erheblich gesenkt.

          Generell seien schwankende Überschussbeteiligungen kein unmittelbares Problem für die Kunden, schreiben die Studienautoren. Denn sie dienten als Sicherheitspuffer, um Beitragsanpassungen zu vermeiden. „Auf der anderen Seite sollte die Überschussbeteiligung nicht als Mittel des Wettbewerbs ausgereizt werden, denn der Kunde trägt das Risiko einer möglichen Beitragserhöhung bis zum Bruttoniveau“, heißt es in der Untersuchung. Fair sei es für den Kunden, wenn die Spreizung zwischen dem tatsächlichen (Netto-)Beitrag und dem Bruttobeitrag nicht zu hoch ausfalle. So solide zu kalkulieren sei in dem derzeit scharfen Wettbewerb auf dem Markt aber bedauerlicherweise nicht erfolgversprechend.

          Der Markt in Deutschland ist noch jung

          Jedoch: Schwarzweißmalerei führt hier meist nicht weiter. „Wir wollen die Unternehmen durch unsere Ratings nicht dazu treiben, eine möglichst geringe Spreizung zwischen Brutto- und Nettobeitrag zu erzielen“, sagt Michael Franke, Mitinhaber der Ratingagentur. Seien die Aufschläge zu gering, begebe sich der Versicherer seines Spielraums, auf unerwartete Schadenentwicklungen mit Hilfe einer atmenden Überschussbeteiligung zu reagieren. „Man kann also nicht sagen: je niedriger die Spreizung desto besser“, sagt Franke.

          Die differenzierte Betrachtung der Bilanzen erlaube es aber, präzise die Geschäftspolitik der Versicherer zu hinterfragen. Zwei Ursachen führen dazu, dass die Überschüsse sinken: Zum einen leiden auch Berufsunfähigkeitsversicherer unter den niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt. Dadurch verschlechtern sich ihre Kapitalanlageergebnisse. Zum anderen erzielen die Unternehmen geringere Risikoüberschüsse. Das liegt daran, dass sie Schadenentwicklungen weniger vorsichtig kalkuliert haben als in der Vergangenheit. Dies ist eine direkte Folge des Wettbewerbs: Um im Neugeschäft – zum Beispiel auf Internet-Vergleichsportalen attraktiv zu erscheinen, setzen Versicherer auf niedrigere Prämien. „Mit der Hanse Merkur hat kürzlich ein besonders preisaggressiver Versicherer die Überschusssätze im Bestand gesenkt – und dieses bereits für die noch junge Tarifgeneration 2013“, kritisieren die Studienautoren.

          Die Entwicklung zu fallenden Überschüssen dürfte noch nicht an ihrem Ende angekommen sein, erwartet Ratingspezialist Michael Franke. „Deutschland hat immer noch einen relativ jungen Markt für Berufsunfähigkeitsversicherungen. Dieser Effekt dürfte sich im Ausmaß also noch vergrößern.“ Ein gravierendes Problem sei das nicht, aber ein klar erkennbares Zeichen dafür, dass der scharfe Wettbewerb nicht zwingend im Sinne des Verbrauchers sein muss.

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