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Autoversicherung : Gute Fahrer sollen weniger Prämie zahlen

Augen auf: Wer anständig fährt, kann auf niedrigere Prämien hoffen Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Deutschen fürchten Big Data. Trotzdem wagt sich nun die Sparkassen-Versicherung mit einer Police vor, die gutes Fahrverhalten belohnt.

          Die Deutschen reagieren sehr sensibel auf Datenmissbrauch. Der NSA-Abhörskandal belegt das wieder einmal. Diese Beobachtung haben auch die deutschen Versicherer gemacht. Anders als in anderen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten hat sich bislang keiner getraut, die umstrittene Telematiktechnik einzusetzen. Damit können zum Beispiel britische Autofahrer ihren vorsichtigen Fahrstil unter Beweis stellen und Prämien sparen. Viele Unternehmen testen die Technik in Pilotverfahren, sie auf den Markt zu bringen empfinden sie als zu heikel.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Sparkassen-Direktversicherung wagt sich nun als erste hervor. Sie verweist auf das Interesse deutscher Fahrer, das Umfragen belegt haben. Der Beratungsgesellschaft Towers Watson verrieten 51 Prozent der Befragten, sie seien an so einem Produkt interessiert. Auf 62 Prozent wuchs ihr Anteil, wenn der Versicherer verspräche, für schlechten Fahrstil keine höhere Prämie zu verlangen. Der Sparkassen-Direkt antworteten sogar zwei Drittel, sie seien gute Fahrer, könnten so ihren Beitrag drücken und wollten ihr Verhalten berücksichtigt wissen.

          „Wir streben einen höheren Marktanteil an, indem wir die Servicekomponente stärker herausstellen können“, sagt Vorstandsmitglied Jürgen Cramer. Zwar sei es ausländischen Versicherern gelungen, ihre Schadenquoten stark zu verringern, weil Kunden mit einer Datenbox vorsichtiger fuhren. In Deutschland aber seien die Tarife schon genauer, weil mehr Kriterien in die Prämienhöhe einfließen. In Großbritannien habe der Versicherer Insurethebox innerhalb von zwei Jahren 120.000 Telematikpolicen abgesetzt. Das sei aber nicht übertragbar. Dort seien die Prämien für junge Fahrer viel höher, so dass sie sich nur eine Versicherung leisten könnten, wenn sie den Anbieter auch das Fahrverhalten kontrollieren lassen.

          Verbraucherschützer äußern schon länger Bedenken

          Sein Angebot, das im Januar startet, will Cramer nicht mit dem Begriff „Pay as you drive“ belegen – also auf Deutsch: Zahl, wie Du fährst. Denn im Vergleich zu ausländischen Produkten hat sein Unternehmen viel Geld in Techniken zur Datenverschlüsselung investiert. So kann der Kunde zwar auf einem Webportal überprüfen, ob und wo er zu schnell gefahren ist, wo er unangemessen gebremst oder beschleunigt hat. Dem Versicherer werden aber über das Telekommunikationsunternehmen Telefónica nur abstrakte Scoring-Punkte übermittelt, die das Fahrverhalten benoten. Abschläge gibt es für Nachtfahrten, Fahrten im Stadtverkehr, Geschwindigkeitsüberschreitungen und Fahrfehler.

          „Die detaillierten Daten will ich gar nicht haben, weil ich keine mathematischen Modelle habe, um sie auszuwerten“, sagt Cramer. Dennoch kann er auch die Scoring-Werte sinnvoll verwenden. Er denkt über Spielkomponenten nach: So könne etwa der beste Fahrer des Monats mit einer Fahrleistung von mehr als 500 Kilometern für drei Monate von Prämienzahlungen ausgenommen werden. Spielen kann der Kunde auch mit dem Webportal: Nach einer Fahrt kann er mit Hilfe einer virtuellen Landkarte seine Fahrfehler verorten und nachschauen, wie viele Scoringpunkte ihm das System gutgeschrieben hat. Zudem können Eltern den Fahrstil ihrer noch unerfahrenen Kinder überprüfen. Auf eine durchschnittliche Monatsprämie von 400 Euro könne der Kunde aber nicht auf mehr als 20 Euro Einsparung durch gutes Fahren hoffen. „20 bis 30 Prozent Prämienreduzierung halte ich für illusorisch“, sagt er.

          Verbraucherschützer haben schon vor der Produkteinführung ihre Bedenken geäußert. Kunden, die sich dem Datenverkehr verweigerten, könnten benachteiligt werden, erwartet der Bund der Versicherten. Zudem könnten Kunden die Tragweite von deren Weitergabe unterschätzen. Die Sparkassen-Direktversicherung hat sich vorsorglich im Vorfeld an die Landesdatenschutzbehörde in Nordrhein-Westfalen gewandt. Diese sucht erst noch ihre Position zu Telematikprodukten. Im Dezember wollen sich die Behörden der Bundesländer darüber verständigen.

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