https://www.faz.net/-hbv-88nf2

Allianz rät ab : Klassische Lebensversicherung vor dem Aus

Allianz-Arena in München Bild: dpa

Die Allianz stellt die Lebensversicherung in ihrer klassischen Form nicht ein. Aber sie fährt das Neugeschäft zurück. Und rät sogar vom eigenen Produkt ab.

          3 Min.

          Die klassische Lebensversicherung mit Garantiezins und Überschussbeteiligung verschwindet immer weiter vom Markt. Nachdem eine ganze Reihe von Versicherern angekündigt hat, sich aus dem Neugeschäft zurückziehen zu wollen, hat der deutsche Marktführer Allianz am Montag seine Pläne für einen Abschied auf Raten aus diesem Produkt vorgestellt. Der neue Allianz-Deutschland-Chef Manfred Knof und der Vorstandsvorsitzende der Lebensversicherungs-Sparte Allianz Leben, Markus Faulhaber, kündigten an, die Allianz werde die klassischen Lebensversicherungen zwar nicht einstellen. Man werde sie aber nicht mehr „aktiv“ vertreiben, sondern nur noch auf Wunsch von Kunden verkaufen – und gegebenenfalls sogar von dem Produkt abraten. „Der Kauf eines reinen Klassik-Produktes ist nicht mehr sinnvoll – das sagen wir auch in der Beratung“, sagte Faulhaber. „Wir können die Garantie noch stemmen – aber das Produkt ist nicht mehr die erste Wahl.“

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So soll der Anteil der klassischen Lebensversicherungen am Neugeschäft der Allianz Leben von derzeit 52 Prozent auf 20 bis 30 Prozent in drei Jahren sinken. Während die Versicherung teure Altverträge mit Lebensversicherungen im Ausland unter Umständen sogar an einen Rückversicherer verkaufen will, hat sie das für deutsche Lebensversicherungen am Montag ausgeschlossen. Faulhaber sagte, die Versicherung wolle sich nicht davor verschließen, auch weiterhin Lebensversicherungen mit Garantiezins anzubieten, wenn die Kunden es wünschten. Sie werde ihren Kunden aber sagen, welche Kosten damit verbunden seien und auf welche Rendite sie verzichten müssten. Man könne das mit einer Anleihe mit 50 Jahren Laufzeit vergleichen – die auch nicht sehr attraktiv sei, wenn die Zinsen „ganz unten“ seien.

          Mehr Rendite statt Garantie

          Die Allianz hat längst Nachfolge-Produkte für diese klassische Lebensversicherung präsentiert, die unterschiedlich konstruiert sind, denen aber gemeinsam ist, dass dem Kunden nicht mehr über die gesamte Laufzeit Jahr für Jahr ein fest verbürgter Garantiezins gutgeschrieben wird. Mehr Rendite statt Garantie, das ist das Prinzip dieser neuen Lebensversicherungen. Verbraucherschützer kritisieren allerdings, dass damit auch Risiken von der Versicherung auf den Versicherten verlagert würden.

          Zu den wichtigsten Modellen der Allianz gehört die Variante „Perspektive“. Von ihr hatte die Versicherung bereits wenige Monate nach der Einführung mehr als 100.000 Verträge verkauft. Die Versicherung sichert bei dieser Form der Altersvorsorge nicht mehr Jahr für Jahr den aktuell gültigen Garantiezins von 1,25 Prozent zu. In der Ansparphase kann es zwar trotzdem Zugewinne geben, aus der sogenannten Überschussbeteiligung, die aber eben nicht garantiert sind. Die neue Versicherung garantiert lediglich beim Eintritt in die Rentenphase das eingezahlte Kapital plus bestimmte Kosten und eine Mindestrente, die sich aus den Einzahlungen ergibt. Das ändert sich erst mit dem Beginn des Ruhestands: Das Kapital der Kunden wird dann mindestens mit dem zu diesem Zeitpunkt geltenden Garantiezins verzinst. Natürlich könnte dieser Zins in Zukunft wieder höher ausfallen als heute – aber das weiß niemand.

          Ein anderer Nachfolger bei der Allianz für die klassische Lebensversicherung ist das Modell „Komfort-Dynamik“. Auch bei diesem Modell wird lediglich garantiert, dass der Kunde die eingezahlten Beiträge am Ende wiederbekommt, außerdem wird eine Mindestrente garantiert. Dafür ist die Versicherung von Seiten der Regulierungsbehörden deutlich freier darin, wie sie das Geld anlegen darf. Sie kann einen Teil des Geldes in Aktien investieren und stellt somit zumindest als Möglichkeit höhere Überschüsse in Aussicht. Faulhaber sagte, den Begriff „Lebensversicherung“ werde die Allianz nicht gänzlich aus ihrem Vokabular tilgen, auch wenn die neuen Produkte zunächst einmal andere Namen trügen. „Wir halten den Begriff Lebensversicherung nicht für zu stark belastet, für viele Kunden ist er nach wie vor positiv besetzt.“ Auch Allianz Deutschland-Chef Knof sagte, man beschäftige sich nicht mit dem „Ende der Lebensversicherung“, sondern mit der „Zukunft der Lebensversicherung“. „Die Lebensversicherung hat Zukunft – wenn sie sich verändert und ihr Geschäftsmodell den neuen Gegebenheiten angepasst wird“, meinte Knof.

          Mehr Kapitalpuffer für Versicherer ab 2019 beschlossen

          Ausgerechnet der frühere Allianz Deutschland-Chef, Markus Rieß, wird jetzt beim Konkurrenten Ergo die gegenteilige Strategie verfolgen: Ergo gab kürzlich bekannt, das Geschäft mit den klassischen Lebensversicherungen schließen zu wollen. Bis zum Jahresende soll das Neugeschäft praktisch eingestellt werden. Auch andere Versicherungen hatten sich von ihrem früheren Brot-und-Butter-Geschäft verabschiedet. Unter den Großen machte die Zurich den Anfang, die Generali folgte mit der Ankündigung im Frühjahr, danach kam Talanx, und zuletzt Ergo. Am Markt hatte es Spekulation gegeben, die Allianz könnte jetzt der Nächste sein, der nur noch die alten Verträge bedient und keine neuen mehr annimmt. Dem trat die Versicherung jedoch entgegen.

          Schon am Wochenende hatte unterdessen die internationale Vereinigung der Versicherungsaufseher, IAIS, beschlossen, dass die neun größten Versicherer der Welt von 2019 an im Schnitt 10 Prozent mehr Kapital vorhalten müssen als alle anderen. Die dickeren Kapitalpuffer sollen helfen, eine neue Finanzkrise zu vermeiden. Zu diesen „global systemrelevanten“ Versicherern zählen die Aufseher neben der Allianz und AIG unter anderem auch die britische Aviva, die französische Axa und die italienische Generali sowie die Ping An Insurance aus China.

          Weitere Themen

          Menschenrechte messen

          FAZ Plus Artikel: ESG-Debatte : Menschenrechte messen

          Nachhaltigkeit spielt auch im Finanzwesen eine wichtigere Rolle. Ein Diskussionspapier des Netzwerks für Nachhaltigkeit, Econsense, versucht nun, die Indikatoren für soziale Verantwortung zu quantifizieren.

          Topmeldungen

          Spontane Proteste gegen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Madrid am Freitagabend.

          Corona in Spanien : Die Angst vor dem Notlazarett

          Die Infektionszahlen in der spanischen Hauptstadt explodieren und die Verwaltung weiß sich nur mit selektiven Ausgangssperren zu helfen. Das öffentliche Leben wird für einen Teil der Bevölkerung drastisch eingeschränkt.
          Der erste Streich: Gnabry nimmt Maß und trifft.

          8:0 gegen Schalke : Die Acht-Tore-Ansage

          Der FC Bayern demonstriert zum Saisonauftakt der Bundesliga seine Überlegenheit und demontiert den FC Schalke nach allen Regeln der Fußball-Kunst. Serge Gnabry trifft beim 8:0 drei Mal.
          Der Abteilungsleiter für Wirtschaftsfragen im amerikanischen Außenministerium, Keith Krach, traf am 18. September in Taiwan mit Ministerpräsident Su Tseng-chang zusammen.

          Militärmanöver : Plant China einen Angriff auf Taiwan?

          Amerikas Beziehungen mit Taiwan werden immer enger. Nun plant Washington neue Waffenverkäufe an Taipeh – und verärgert damit China. Peking verschärft seine Drohgebärden in Richtung der Insel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.