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Europas größter Versicherer : Die Allianz testet neue Policen

Obacht: Schon alleine auf einem E-Tretroller sehr flott zu fahren, kann im Zweifel riskant sein – mit „Beifahrer“ umso mehr Bild: dpa

Die Mobilitätswelt von heute erfordert andere Versicherungen. Der Allianz-Konzern hat gerade den neuen Online-Versicherer „Allianz Direct“ ins Rennen schickt.

          Am Flughafen der Mietwagen, in der Stadt die U-Bahn und der Elektro-Stehroller – so sieht sie oft aus, die Mobilitätswelt von heute. Immer mehr Menschen verzichten in den Metropolen auf das eigene Auto. Auf den Trend weg vom Eigentums- und Vermögensschutz hin zur Absicherung der individuellen Mobilität müsse sich die Versicherungswirtschaft einstellen, sagt Axel Theis, im Konzernvorstand der Allianz für das Deutschland-Geschäft zuständig, im Gespräch mit der F.A.Z. Der Kunde reise von A nach B mit ganz unterschiedlichen Verkehrsmitteln: „Wir wollen das gesamte Ökosystem versichern.“

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Während Europas größter Versicherungskonzern gerade den neuen Online-Versicherer „Allianz Direct“ ins Rennen schickt, wird in Italien eine ganz neue Versicherungspolice getestet. Die Allianz nennt das Pilotprodukt „My Mobility“ und kann per App auf dem Smartphone abgeschlossen werden. „Es ist eine Mischung aus Reiseversicherung und Assistance-Dienstleistung. Für voraussichtlich 1 bis 5 Euro am Tag ist der Kunde rundum sorglos auf seiner gesamten Reise, ganz gleich ob jemand Carsharing oder Bikesharing nutzt“, sagt Theis.

          Es dürfte laut Theis nur eine Frage der Zeit sein, bis das Produkt nach abgeschlossener Pilotphase auch in Deutschland verfügbar sei. Schon vor Jahren ließ Konzernchef Oliver Bäte in Italien die Entwicklung des Internetgeschäfts „vordenken“, indem er Policen vom Budget des Kunden abhängig machte. Der Versicherungsnehmer entscheidet, wie viel Geld er monatlich ausgeben möchte, die Allianz liefert den Versicherungsschutz.

          Große Veränderung im Mobilitätsgeschäft

          Italien wurde so zur Blaupause für die „Big-Data“-Strategie des Konzern. Auch Telematik-Tarife wurden zuerst jenseits der Alpen angeboten. Sie gewähren Autofahrern einen Bonus, wenn diese umsichtig und unfallfrei unterwegs sind und ihren Fahrstil von einer App überwachen lassen. Vor knapp drei Jahren wurden zuerst Fahranfänger umgarnt, mit durchwachsenem Erfolg, wie Theis eingesteht:

          „Die Allianz hat in Deutschland bis jetzt rund 100 000 Verträge und ich hatte mir, ganz ehrlich, noch mehr versprochen.“ Künftig rechne er mit stärkerem Wachstum, auch deshalb, weil die Altersbeschränkung aufgehoben sei.

          Auf die nächste große Veränderung im Mobilitätsgeschäft, das autonome Fahren, bereitet sich die Allianz nach den Worten von Theis akribisch vor. In einigen Jahren werden Roboter-Autos dank ihrer ausgeklügelten Technik so gut wie keine Unfälle mehr bauen. Heute sind noch zwei Drittel aller Schäden von Menschen verursachte Kollisionsschäden. Weil sich die Versicherungsprämie nach der Schadenquote bemisst, dürften die Einnahmen der Versicherer schrumpfen. Natürlich würden auch vollautomatisierte Fahrzeuge in Zukunft versichert, sagt Theis. Es werde sicherlich weniger, aber angesichts der kostspieligen Technik auch teurere Schäden geben.

          „Unser Geschäft ist das Risiko“

          Für die Versicherer wird sich der Fokus von der Kfz-Haftpflichtversicherung hin zur Produkthaftpflicht verschieben. In vielen wichtigen Märkten der Allianz reiche der heutige Rechtsrahmen aus, sagt Theis: „Dort besteht eine verschuldensunabhängige Gefährdungshaftung für den Eigentümer oder Halter eines Fahrzeugs. Sollte also ein autonomes Fahrzeug einen Unfall verursachen, haftet zunächst der Eigentümer oder Halter dieses Fahrzeugs, ganz unabhängig vom Verschulden. Damit ist dessen Kfz-Haftpflichtversicherer erster Ansprechpartner für den Unfallgeschädigten und wird den Schaden regulieren.

          Sollte sich herausstellen, dass der Schaden aufgrund eines Fahrzeugfehlers verursacht wurde, kann der Kfz-Haftpflichtversicherer gegebenenfalls beim Hersteller des Fahrzeugs Regress nehmen.“ Diese Haftungsregeln stellten sicher, dass dem Geschädigten auch bei Unfällen mit Beteiligung von autonomen Fahrzeugen schnell geholfen werden könne.

          Mit den selbstfahrenden Autos sind zudem neue Risiken zu erwarten. So stellt sich die Frage nach der Datensicherheit der elektronischen Systeme in den Autos mehr denn je. „Selbstfahrende Autos, die per Software überwacht und gesteuert werden, können ein attraktives Angriffsziel von Hackern sein, die durch Manipulationen enorme Schäden anrichten. Cyber-Versicherungen werden dann eine ganz andere Rolle spielen als heute“, sagt Theis: „Unser Geschäft ist das Risiko. Jetzt ändern sich die Risiken, deswegen ändern wir unser Geschäft.“

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