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Versicherungsvorstand vs. Verbraucherschützer : „Sie verkaufen doch jedem mit Krücke noch eine Rentenversicherung“

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Verbraucherschützer Axel Kleinlein Bild: Bode, Henning

Seit vielen Jahren empört sich Verbraucherschützer Axel Kleinlein über die Sterbetafeln der Versicherer. Welche Wette der Kunde auf seine Lebenserwartung eingeht, wisse er meist nicht. Selbst kranke Verbraucher würden in Rentenpolicen gedrängt. Ein Streitgespräch.

          Herr Kleinlein, übervorteilen Versicherer ihre Kunden, indem sie ihre Lebenserwartungen zu hoch kalkulieren?

          Kleinlein: Eine ganze Reihe Lebensversicherer setzt sie viel zu hoch an und übervorteilt damit Kunden. In der Branche gibt es starke Abweichungen, weil viele unterschiedliche Sterbetafeln zugrunde gelegt werden. Insbesondere bei fondsgebundenen Versicherungen schrauben die Anbieter so die Prämien hoch. Das ist völlig intransparent, weil kein Kunde erkennen kann, wie der Versicherer rechnet. Die Unternehmen, die gern großzügiger kalkulieren würden, dürfen aber nicht unter die Standardtafel gehen, weil die Finanzaufsicht das untersagt. Hier muss sich etwas ändern.

          Was bedeutet das materiell für einen Kunden?

          Kleinlein: Wenn ich eine Rentenpolice abgeschlossen habe, müssen meine Beiträge bei einem Versicherer bis zum 93. Lebensjahr, beim zweiten bis zum 98. und bei einigen sogar bis zum 106. Lebensjahr ausreichen. Wie stark sich das in Monatsrenten auswirkt, hängt vom Rechnungszins ab. Im schlimmsten Fall kann sie halbiert werden.

          Muss das so sein?

          Vorstand Ergo Leben Johannes Lörper

          Lörper: Wenn die Tafel der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) verwendet wird - wie in der klassischen Rentenversicherung mit Garantie üblich - sind die Unterschiede zwischen den Gesellschaften wesentlich geringer. Bei der Erstellung der Tafeln orientiert sich die DAV zunächst an der Sterblichkeit heutiger Rentner. Dazu müssen wir einen Abschlag kalkulieren, weil wir uns irren könnten. Und den haben wir bisher keineswegs vorsichtig berechnet. Einige Unternehmen hätten schon jetzt einen größeren Abschlag nehmen müssen, um die Lebenserwartung zu treffen. Wir haben mit der Arbeitsgruppe Biometrie in der DAV so viele Warnhinweise in die Tafel hinein geschrieben, dass die Kalkulation möglicherweise nicht konservativ genug ist.

          Und damit lassen sich so hohe Unterschiede der Lebenserwartung erklären?

          Lörper: Hinzu kommt ein Trend, den wir aus Daten des Statistischen Bundesamts abgeleitet haben. Früher haben wir ihn unterschätzt, weil wir nicht davon ausgingen, dass das Lebensalter kontinuierlich weiter zunimmt. Damit sind wir auf die Nase gefallen. Seit 2004 sind wir klüger. Bei der Ergo übrigens benutzen wir eigene Tafeln - nicht um Herrn Kleinlein zu gefallen, sondern weil wir sehr viele statistische Daten eigener Rentner haben. Unsere Kunden - wodurch auch immer - haben eine höhere Sterblichkeit. Das darf ich als Aktuar zum Vorteil der Kunden berücksichtigen.

          Und die Fondsversicherer?

          Lörper: Klassische Versicherer können zur Not auf Zinserträge aus der Kapitalanlage zurückgreifen, wenn die Kunden länger leben als erwartet. Fondsversicherer haben diese Möglichkeit nicht. Bei ihnen fallen als Puffer allenfalls Risiko- und Kostengewinne an.

          Kleinlein: Das ist aber kein kleiner Posten. Einkalkulierte Kickbacks fließen in die Kostengewinne ein, die sehr hoch sind. Insbesondere beim vermuteten Trend gehen die Tafeln auch bei klassischen Versicherern weit auseinander.

          Wie stark weichen sie ab?

          Kleinlein: Es gibt Versicherer, die für eine 40 Jahre alte Frau mal eine Lebenserwartung von etwa 97 und mal von 105 Jahren unterstellen.

          Lörper: Ich kann aber Fondsversicherer auch verstehen, wenn sie nach den Erfahrungen mit der alten Sterbetafel vorsichtiger rechnen. Der Kunde leidet nicht darunter, weil die Risikoüberschüsse über die Gewinnbeteiligung wieder zurückbezahlt werden. Daraus müssen wir mindestens 75 Prozent ausschütten. Bei den Risikolebensversicherungen liegt dieser Satz bei mehr als 90 Prozent. Für Rentenpolicen fehlen uns derzeit noch Daten, weil wir noch nicht so große Rentnerbestände haben. Unsere Erfahrungen mit Risikolebensversicherungen zeigen aber, dass der Wettbewerb zu Gunsten der Kunden funktioniert. Heute werden Rentenverträge ohnehin zu 90 Prozent als einmalige Kapitalleistung ausgezahlt und nicht als Monatsrente. Das wird bei Riester-Verträgen aber anders sein.

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