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Private Rentenversicherung : Was wissen Versicherer über die Lebenserwartung?

Bild: dpa

Versicherer müssen genügend Reserven schaffen, um eine Rente sicher bis zum Lebensende zahlen zu können. So kalkulieren sie sehr vorsichtig.

          Johannes Heesters ist in der Versicherungswirtschaft äußerst populär. Der vor zwei Jahren verstorbene Unterhaltungskünstler dient ihr als Beweis für die These, dass man sich am besten gegen die finanziellen Folgen eines langen Lebens absichern solle. Der niederländische Schauspieler wurde 108 Jahre alt. Versicherer rühmen sich damit, dass sie auch mit solchen statistischen Ausreißern umgehen können. Denn wer eine private Rentenversicherung abschließt, muss darauf vertrauen können, dass sie bis zum Tod die Leistung zahlen können.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Versicherer können das, weil sich in einem Kollektiv die statistischen Ausreißer ausgleichen. Und weil sie sehr vorsichtig kalkulieren - so vorsichtig, dass Verbraucherschützer darüber schon wieder klagen. Denn je mehr Sicherheiten die Unternehmen einrechnen, desto teurer wird die Prämie, die der Kunde in der Aufschubphase, also vor Rentenbeginn, bezahlt.

          Langlebigkeit und Rentenbezug

          1994 kalkulierten die Versicherungsmathematiker der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) die Lebenserwartungen neu. Seither war eine aktualisierte Sterbetafel bei den Versicherern üblich. Sie weicht von den Werten des Statistischen Bundesamts ab. „Man kann den Bundesdurchschnitt nicht verwenden, weil Aktuare beobachten, dass älter wird, wer eine Rentenpolice abschließt“, erläutert Thorsten Wagner von der Wirtschaftsprüfung KPMG. Zusätzlich zu diesem Effekt müssen die Versicherer Sicherheitspolster in die Policen einbauen. Und sie müssen den Trend der fortschreitenden Alterung antizipieren. Dafür gleichen sie ihre eigenen statistischen Beobachtungen mit den Daten des Bundesamts ab.

          Neben Langlebigkeitsrisiko auch Zinsrisiko beachten

          Doch schon zehn Jahre nach Einführung der neuen Sterbetafel stellte sich heraus, dass sie überholt war. Die Lebensversicherer mussten für ihre bestehenden Verträge zusätzliche Reserven bilden - zur Hälfte im Jahr 2004, zur anderen Hälfte voraussichtlich auf zwei Jahrzehnte verteilt. Für die Kunden stand also weniger Geld für Ausschüttungen bereit. Die neue Tafel beinhaltet auch eine Annahme über den Trend der Lebenserwartung. „Wenn sie die tatsächliche Entwicklung trifft, sind keine weiteren Nachreservierungen nötig“, sagt Ralf Widmann, Partner bei der Prüfungsgesellschaft Ernst & Young.

          Umgekehrt gehen die Versicherer bei Risikoversicherungen vor. Hier zahlen sie Hinterbliebenen eine Todesfallleistung, wenn der Kunde vor Ende der Laufzeit stirbt. Dabei gehen die Unternehmen diesmal sogar von einer geringeren Lebenserwartung als im statistischen Durchschnitt aus.

          Langlebigkeit und Rentenbezug

          „Auch das ist Ergebnis der gebotenen kaufmännischen Vorsicht“, sagt KPMG-Direktor Wagner. Die Risikolebensversicherung ziehe eine Klientel an, die durchschnittlich früher stirbt als Rentenversicherte.

          Die vorsichtige Kalkulation ist nicht nur von Nachteil für Kunden. Jedes Jahr müssen Versicherer ihre Einnahmen und Ausgaben gegenüberstellen und den Gewinn zerlegen. War in den Prämien ein zu hoher Risikobeitrag enthalten, müssen sie den Überschuss zu mindestens 75 Prozent in einen Gewinntopf einbuchen, der den Kunden zusteht. Der Versicherer kann diesen Risikogewinn mit der Überschussbeteiligung ausschütten oder ein schlechtes Zinsergebnis glätten. Durch die Sterbetafel des Jahres 2004 seien die Gesellschaften für das Neugeschäft auf einer relativ sicheren Seite, sagt Prüfer Widmann. „In der derzeitigen Situation dürfte das Zinsrisiko gewichtiger sein als das Langlebigkeitsrisiko.“ Das zeigt sich auch daran, dass kaum deutsche Versicherer ihr Langlebigkeitsrisiko auf einen Rückversicherer übertragen haben - was in Amerika oder Großbritannien weit verbreitet ist.

          Langlebigkeit und Rentenbezug

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